zur Navigation springen

Nachruf : Zum Tod von Helmut Schmidt: Ein Kanzler wider seine Partei

vom

Schmidt hatte es nicht leicht mit der SPD. Und sie sicherlich nicht mit ihm. Ein Nachruf von Chefredakteur Stefan Hans Kläsener.

Wenn ein Mensch stirbt, stellen sich zwei Fragen: Was bleibt? Und was erinnern wir ohne falsche Schönschreibung von seinem Leben? Bei Helmut Schmidt sind beide Fragen differenziert zu beantworten. Es bleibt ganz sicher der Eindruck von einem Mann, der ohne falsche Rücksichten seinen Weg ging, der handfest seine Entscheidungen traf – bei der Sturmflut als Hamburger Innensenator 1962, bei der Entführung der Lufthansa-Maschine 1977 und ihrer spektakulären Befreiung im somalischen Mogadischu, bei dem innerparteilich höchst umstrittenen Nato-Aufrüstungsbeschluss von 1979.

„Schmidt-Schnauze“ war auf eine beeindruckende Weise ein Solitär, ein einsamer Wolf. Solchen Menschen folgt niemand im Hurra-Modus, aber Führungspersönlichkeiten sind sie dennoch, vielleicht sogar umso mehr. In seinem langen Leben nach der Kanzlerschaft hat Schmidt viel von der Zuneigung erfahren, die er in seiner Amtszeit vermissen musste.

Warum ist das so? Als Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde er publizistisch angehimmelt als der große Staatsmann, der er zu Amtszeiten nicht immer war. Es war ein Zeichen des deutschen kollektiven schlechten Gewissens, dass wir diesen Ex-Kanzler im Nachhinein verklärt haben.

Das Beeindruckendste an Schmidt war vielleicht, dass er sich gegen die Stimmung in seiner Partei dem westlichen Aufrüsten verschrieb, um dem Ostblock Paroli zu bieten. Es war, gemeinsam mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan inszeniert, der Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs. Die Früchte der Wiedervereinigung erntete dann Helmut Kohl. Die beiden Helmuts waren sich zeitlebens in herzlicher Abneigung verbunden.

Schmidt hatte es nicht leicht mit seiner Partei und sie ganz sicherlich nicht mit ihm. Aus dieser Spannung entstehen aber große Kanzlerschaften. Helmut Schmidt gehört sicherlich zu den Großen, und wir sollten mit Blick auf andere Kanzler (auch amtierende) nicht vergessen, dass dies auf Widerständigkeit gegenüber dem eigenen politischen Lager beruht. Deutschland schuldet diesem Mann, der in gesegnetem Alter starb, genau deshalb Dank.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Nov.2015 | 06:20 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen