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Zu viel Scham beim Cybercrime

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele Opfer schweigen – und die Bundesregierung legitimiert das auch noch

Cyberkriminalität ist eine besondere Kriminalität. Sie ist abstrakt, sehr technisch, für viele Menschen nicht verständlich und deshalb irgendwie unwirklich. Wie man eine Autotür knackt oder einen Tresor, hat jeder von uns schon im TV-Krimi gesehen. Wie man eine Telefonanlage knackt oder massenhaft sensible Passwörter klaut, ist für die meisten von uns nicht nachvollziehbar. Das Gemeinsame zwischen konventioneller und virtueller Straftat: der Schaden für die Betroffenen ist real.

Doch der Umgang damit ist höchst unterschiedlich: Wird die örtliche Bank überfallen, spricht darüber die ganze Stadt. Bei einem Einbruch diskutiert die Nachbarschaft. Bei Angriffen wie denen auf Telefonanlagen schweigen die Betroffenen sehr oft. Und wer geht schon im Bekanntenkreis damit hausieren, wenn ihm das Online-Konto abgeräumt wurde?

Für die Bekämpfung von Cyber-Kriminalität ist das Schweigen der Opfer ein großes Problem. Viele, selbst schwere Straftaten, kommen nicht oder spät zur Anzeige.

Die Scham ist in vielen Fällen verständlich. Denn oft ist es Dummheit der Betroffenen, die die Tat ermöglichte. Wer eine Telefonanlage mit Internetzugang betreibt, die nur durch „0000“ oder „1234“ geschützt ist, benimmt sich wie ein Bankdirektor, der den Tresor offen stehen lässt. Das Schweigen führt dazu, dass kein öffentliches Problembewusstsein entsteht, die Hacker weiter leichtes Spiel haben, und die Cyberkrimintät steigt.

Solange wir uns auf der Ebene kleiner Mittelständler bewegen, sind diese Mechanismen menschlich nachvollziehbar. Unverständlich wird es, wenn die Bundesregierung im Anfang der Woche als Entwurf vorgestellten neuen IT-Sicherheitsgesetz vorsieht, dass „Betreiber Kritischer Infrastrukturen“ Hackerangriffe zwar melden müssen, das in den allermeisten Fällen jedoch anonym geschehen darf. Hier soll die Scham, die Angst vor einem Image-Verlust, gesetzlich legitimiert werden.

Umso mehr Lob gebührt dem Amt Südtondern, das offen dazu steht, Opfer geworden zu sein. Und, das muss erwähnt werden, das nicht zu den oben beschriebenen Dummen gehört, die keine Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben.

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erstellt am 22.Aug.2014 | 12:34 Uhr

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