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Brexit-Abstimmungen in Nordirland und Schottland : Zerfällt das britische Königreich?

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Schotten und Nordiren stimmen für die EU, Engländer und Waliser nicht. Durch die Insel geht ein Riss. Und die Queen darf nichts sagen.

London | Den letzten Stand zum Brexit lesen Sie in unserem Liveblog.

Queen Elizabeth II. sagt nichts zum britischen EU-Referendum. Das darf sie auch nicht. So schreibt es ihr das Neutralitätsgebot für das britische Königshaus vor. Doch es gäbe wohl einen Punkt, ab dem die Monarchin das nicht mehr einhalten könnte - wenn das britische Königreich zerfällt. Das ist zu einem realistischen Szenario geworden.

Schotten und Nordiren wollen anders als Engländer und Waliser in der EU bleiben. Die Mehrheit in den nördlichen Ländern des britischen Königreichs votierte für einen Verbleib, in England und Wales wurde dagegen gestimmt. Das Resultat zeigt ganz deutlich: Durch die Insel geht ein Riss.

Die Karte wurde von der Süddeutschen Zeitung erstellt.

Schon vor der Brexit-Abstimmung waren in Schottland die Rufe nach einem neuen Unabhängigkeitsreferendum laut geworden. Die Regierungschefin Nicola Sturgeon hatte diese befeuert, indem sie ankündigte, dass es zu einem weiteren Referendum kommen könnte, sollte Schottland gegen seinen Willen zu einem EU-Austritt gezwungen werden.

Erst 2014 war ein Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands gescheitert. Der ehemalige schottische Regierungschef Alex Salmond sagte der BBC, er sei „ziemlich sicher“, dass Sturgeon nun ein erneutes Referendum anstreben werde. Und sie selbst erklärte nach Auszählung der Wahlzettel am Freitag: Das Ergebnis zeige, „dass das schottische Volk seine Zukunft als Teil der Europäischen Union sieht“.

Das Pro-EU-Lager konnte alle schottischen Wahlkreise für sich gewinnen. Rund 62 Prozent der Wähler stimmten für einen Verbleib in der Europäischen Union. 38 Prozent stimmten für einen Brexit. Umfragen zuvor hatten sogar einen noch deutlicheren Sieg für die EU-Befürworter erwartet.

Proeuropäisch eingestellt sind auch die Nordiren. Der BBC zufolge haben 55,7 Prozent der Bürger des Landes für einen Verbleib in der EU gestimmt. Die irisch-nationalistische Partei Sinn Fein ließ sich angesichts des Votings glatt dazu hinreißen, eine Wiedervereinigung Irlands zu fordern. Ein solches Referendum zur Abschaffung der irischen Grenze sei ein „demokratischer Imperativ“, berichtete unter anderem der Sender Sky News am Freitagmorgen unter Berufung auf Parteiquellen.

„Die britische Regierung hat (...) jedes Mandat, die Interessen der Menschen in Nordirland zu repräsentieren, verloren“, zitierte die „Irish Times“ den Sinn-Fein-Vorsitzenden Declan Kearney. Nordirland und Irland sind seit dem Irischen Unabhängigkeitskrieg 1921 getrennt.

Außer Nordirland und Schottland stimmte auch der Inselstaat Gibraltar für die EU - 96 Prozent betrug die Zustimmung. Das veranlasste Spaniens Außenminister José Manuel García-Margallo sich dafür auszusprechen, die Souveränität Gibraltars vorübergehend zwischen London und Madrid zu teilen. Im Anschluss an eine solche „Co-Souveränität“ müsse der Felsen im Süden der Iberischen Halbinsel an Spanien angegliedert werden. Das britische Übersee-Gebiet war 1713 im Vertrag von Utrecht dem Königreich zugesprochen worden, Spanien erhebt jedoch Ansprüche darauf.

Queen Elizabeth II. bleibt zu alledem stumm, weil sie es muss. Die getötete Brexit-Gegnerin Jo Cox hätte sich äußern dürfen - und das hätte sie auch getan. Sie hätte sich auch nach dem Votum gegen die EU-Mitgliedschaft für einen Zusammenhalt in Großbritannien eingesetzt, ist ihr Ehemann überzeugt: „Jo wäre heute optimistisch geblieben und fokussiert darauf, was sie tun könnte, um unser Land wieder um unsere besten Werte herum zusammenzubringen“, schrieb Brendan Cox am Freitagmorgen auf Twitter.

 

Ein Attentäter hatte die pro-europäische Abgeordnete in der vergangenen Woche im Alter von 41 Jahren auf offener Straße tödlich verletzt.

Den letzten Stand zum Brexit lesen Sie in unserem Liveblog.

(mit dpa)

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erstellt am 24.Jun.2016 | 13:43 Uhr

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