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Angriffe nach Anschlag in Ankara : YPG: „Anschuldigungen der Türkei sind Vorwand für Einmarsch“

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Die türkische Regierung hat syrische Kurdenmilizen für den Anschlag von Ankara verantwortlich gemacht. Diese sprechen nun von einem Vorwand, um in die Kurdengebiete in Nordsyrien einzudringen.

Istanbul | Die kurdischen YPG-Milizen in Syrien haben die türkischen Anschuldigungen zum Anschlag von Ankara als Vorwand für einen Einmarsch in Nordsyrien bezeichnet. „Das erste, was sie nach dem Anschlag gemacht haben, war, uns wegen des Vorfalls zu beschuldigen“, sagte YPG-Sprecher Redur Xelil am Freitag der kurdischen Agentur Firat. „Damit erfinden sie einen Vorwand, um in Rojava einzudringen.“ Rojava ist die kurdische Bezeichnung für die Gebiete in Nordsyrien unter YPG-Kontrolle.

Xelil wies erneut jede Verantwortung für den Anschlag in Ankara zurück. „Wir haben bereits zuvor mitgeteilt, dass wir keine Angriffe auf den türkischen Staat verüben“, sagte er. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan beharrte am Freitag darauf, dass die YPG für die Tat verantwortlich sei. Nach seinen Angaben gehörte der syrische Selbstmordattentäter, der am Mittwoch 28 Menschen in Ankara mit in den Tod riss, „definitiv“ der YPG an. Die YPG ist der bewaffnete syrische Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Das türkische Militär intensivierte am Freitag den grenzüberschreitenden Beschuss von Gebieten unter YPG-Kontrolle, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Die Armee beschießt YPG-Gebiete seit Tagen mit Artillerie.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete, die Nato-Verbündeten hätten der Regierung in Ankara signalisiert, dass sie im Falle einer von der Türkei provozierten militärischen Auseinandersetzung mit Russland nicht mit dem Beistand der Allianz rechnen kann. Moskau unterstützt das syrische Regime. Im Falle einer Bodenoperation der Türkei in Syrien würde ein offener Konflikt mit Russland drohen.

Nach dem Anschlag von Ankara erhöhte sich die Zahl der Festnahmen in der Türkei auf mindestens 17. Zu den Festnahmen sei es bei Operationen der Polizei in mindestens sieben Provinzen gekommen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Freitag unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft. Am Donnerstag hatte Davutoglu gesagt, der Anschlag vom Tag zuvor sei „vollständig aufgeklärt“.

Bei Gefechten mit PKK-Kämpfern in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir wurden mindestens zwei Soldaten und zwei Polizisten getötet, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Im Viertel Sur im Zentrum Diyarbakirs haben sich Anhänger der PKK verschanzt, die sich seit Dezember schwere Gefechte mit den Sicherheitskräften liefern.

Hintergrund: Die Kurden im Syrienkonflikt

Mit rund 30 Millionen Menschen stellen die Kurden im Nahen Osten eine nicht unwesentliche Minderheit dar. Vergebens kämpften die Kurden in der Vergangenheit um Anerkennung und einen eigenen Staat. Sie alle vereint der Kampf gegen den IS, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Traditionell ist das Verhältnis der Gruppen angespannt.

Die PKK (Kurdische Arbeiterpartei Kurdistans) ist in der Türkei verboten und steht auf der Terrorliste (auch in den USA und der EU). Ihr Anführer Abdulla Öcalan sitzt seit 1999 im Gefängnis. Seit 1984 kämpfte die PKK mit Waffengewalt (und auch mit Anschlägen), für die politische Autonomie kurdisch besiedelter Gebiete in der Türkei. Ziel ist die Gründung eines kurdischen Staates oder eines Autonomiegebietes innerhalb der türkischen Staatsgrenzen mit eigener Verwaltung. Eine seit März 2013 bestehende Waffenruhe und ein Friedensprozess wurden im vergangenen Jahr beendet. Bis dato fielen dem Guerillakrieg der PKK 40.000 Menschen zum Opfer.

Die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) im Norden Syriens werden als bewaffneter Ableger der PYD (Kurdische Partei der Demokratischen Union) in Syrien betrachtet, einem Ableger der PKK. Sie werden im Kampf gegen den IS von den USA unterstützt. Sie kontrollieren den größten Teil der Grenze zur Türkei und haben Selbstverwaltungen errichtet. Ziel ist es, weitgehende Eigenständigkeit in Syrien zu erreichen. Einen Kurdenstaat an der Grenze will die Türkei allerdings verhindern.

Die moderaten Peschmerga („Die dem Tod ins Auge Sehenden“) werden vom Westen unterstützt. Sie sind die Militäreinheiten der irakischen Kurden. Sie gelten als reguläre Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Deutschland, Frankreich und Großbritannien unterstützen die Einheiten im Kampf gegen den IS seit 2014 mit Waffen. Unter anderem Deutschland bildet Peschmerga an den Waffen aus.

 

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erstellt am 19.Feb.2016 | 15:17 Uhr

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