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Maschmeyer und die Politik : Wulff, Schröder und das Beziehungskonto

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Journalist Wigbert Löer spricht im Interview über das Geflecht zwischen den ehemaligen Spitzenpolitikern mit dem Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer.

shz.de von
erstellt am 20.Nov.2014 | 18:15 Uhr

Herr Löer, Ihr Buch „Geld Macht Politik“ enthüllt die dunklen Seiten der Ära Gerhard Schröder sowie der Amtszeit Christian Wulffs und die Beziehung zum umstrittenen Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer. Wie gerne lassen sich Spitzenpolitiker politisch benutzen?
 

Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass sich Schröder und Wulff vom Finanzdienstleister AWD benutzen ließen. Beide haben Privates und Geschäftliches miteinander vermischt.

Müssen wir davon ausgehen, dass ähnliche Seilschaften Teil des politischen Systems sind und auch bei unseren führenden Landespolitikern bestanden oder sogar bestehen?


Wir hatten jetzt die Möglichkeit, aufgrund von sehr breitem Quellenmaterial und vertraulichen Dokumenten richtig weit in die Regierung Niedersachsens und auch in die Bundesregierung reinzuleuchten. Jetzt mag man sich vorstellen, dass es in Nordrhein-Westfalen so ist, oder in Bayern, vielleicht war es auch in Schleswig-Holstein so. Man weiß es aber letztendlich nicht. Fakt ist, dass es in einer deutschen Landesregierung und dann sogar in der Bundesregierung möglich war, dass ein sehr reicher Unternehmer mit dem ganz bestimmten Interesse des Chefs eines Finanzvertriebs die Möglichkeit hatte, Einfluss zu nehmen.

Wie würden Sie mit wenigen Worten die Methode Maschmeyer beschreiben?


„Die Methode Maschmeyer“ – so sollte zwischenzeitlich mal unser Buch heißen. Die Methode Maschmeyer, und das beschreibt er auch selbst in seinem eigenen Buch, ist es, ein großes, dichtes Netz von Freunden, Bekannten und Kontakten aufzubauen. Auf dieses Konto – er spricht von einem „Networking-Sparkonto“ oder auch von einem „Beziehungskonto“ – zahlte er ein und hob, wenn er es brauchte, davon ab. Er hat nie nur von Schröder oder von Wulff genommen. Er hat Sachen eingefordert, er hat aber auch gegeben und seine Hilfe angeboten.

Sie rücken die Maschmeyer-Beziehungen in die Nähe des Korruptionsverdachts. Sie schreiben, die Freundschaft zu Schröder werfe beiderseitig üppige Rendite ab. Hat Sie das noch überrascht?


Es gab vorher Interpretationen über die „Hannover-Connection“ – der Begriff stammt von Maschmeyer selbst –, aber wir haben die Dokumente erstmal objektiv ausgewertet. Wir waren schon überrascht, wie verzweigt die Kontakte sind und wie nah Maschmeyer in Wort und Tat Menschen wie Schröder und Wulff auch gekommen ist.

Wie sind Sie in der Recherche vorgegangen?


Wir hatten das Glück, dass wir verschiedene Whistleblower hatten, die uns verschiedene Materialien zur Verfügung gestellt haben. Die Quellen haben wir ausgewertet. Carsten Maschmeyer, so wurde gestern berichtet, will nun gegen einen FDP-Politiker vorgehen. Er geht offenbar davon aus, dass der einer der Informanten ist. Wie er darauf kommt, kann ich nicht beurteilen.

Eine andere Verbindung ist die Maschmeyers zu Christian Wulff. Wie funktionierte diese Beziehung?


Christian Wulff hat – dies ist ein Zitat von Maschmeyer – „enorme Unterstützung“ bei einer Marketingmaßnahme für den AWD geleistet. Er hat zugesagt, auch mal als Redner aufzutreten, wozu es dann nicht gekommen ist. Er hat in der ARD bei „Sabine Christiansen“ zur besten Sendezeit die Finanzfirma AWD erwähnt und Maschmeyer hat ihm dafür hymnisch gedankt. Wulff hat dort eine Argumentation vertreten, die vielleicht auch seine war, die aber auf jeden Fall Maschmeyers Argumentation entsprach. Es gibt ein Zitat Maschmeyers aus einem Brief an einen Unternehmer. Damals, 2008, hatte Wulff gerade die Landtagswahl gewonnen und war zur Nummer Zwei der Bundes-CDU aufgestiegen. Maschmeyer schreibt, mit Blick auch auf Schröder: „Wir haben hier in Niedersachsen schon sehr früh – wie damals auch bei Gerd – auf das richtige Pferd gesetzt.“ Diesen Satz halte ich für ziemlich aussagekräftig.

Welche Details fanden Sie noch besonders spannend?

Es gibt einen Brief von Maschmeyer, in dem es 2005 um die Bürgerversicherung geht. In diesem Zusammenhang schickt Maschmeyer Wulff vor der CDU-Präsidiumssitzung ein politisches Papier. Maschmeyer trägt Wulff auf, das noch vor der Sitzung zu lesen. Er merkt aber offenbar, dass er in diesem Brief sehr direkt ist und sagt deshalb: „Du siehst es mir hoffentlich nach, wenn ich mich hier jetzt etwas zu direkt eingemischt habe, aber wir hatten vereinbart, immer offen zu kommunizieren.“ Es gab offenbar eine richtige Absprache.

Viele Menschen haben über Maschmeyers frühere Finanzvermittlungs-Firma AWD investiert und Geld verloren. Welche Auffälligkeiten sind Ihnen zu Schleswig-Holstein bekannt?

Uns liegt eine Kundenliste für Produkte im grauen Kapitalmarkt vor. In großer Menge geht es um Geschlossene Immobilienfonds und ähnliche Fonds. Das sind Geldanlagen, die fast alle hochriskant waren und bei denen in großer Mehrheit AWD-Kunden manchmal wenig, manchmal aber auch ganz viel Geld verloren haben. Die Liste umfasst 240 000 vom AWD vermittelten Beteiligungen. Auch in Schleswig-Holstein hat der AWD vielen Menschen diese hochriskanten Finanzprodukte vermittelt. Die Anzahl lässt sich für einzelne Orte aufschlüsseln.



Wigbert Löer, geboren 1972, ist Redakteur beim Stern. Er arbeitet im Team investigative Recherche und kümmert sich um Themen aus Politik, Medizin, Sport und Justiz.

 

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