Angst um Nordseeküste : Wo hakt es beim Konzept gegen Katastrophen?

Kein Vor und Zurück: Der havarierte Frachter „Glory Amsterdam“ liegt vor Langeoog.
Kein Vor und Zurück: Der havarierte Frachter „Glory Amsterdam“ liegt vor Langeoog.

Bei der Havarie der „Glory Amsterdam“ ging wohl einiges schief. Die SDN ist unzufrieden mit der Antwort des Bundesverkehrs-Staatssekretärs nach den Gründen.

shz.de von
28. Januar 2018, 18:51 Uhr

Es muss gewaltig gehakt haben bei der Havarie des 225 Meter langen Schüttgutfrachters „Glory Amsterdam“ im Herbst vergangenen Jahres vor Ostfriesland. Dass die Deutsche Bucht dann doch einer Katastrophe entging, „war reines Glück“. Dies macht der Verein Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste (SDN) jetzt in einem zweiten offenen Brief an Bundesverkehrsminister Christian Schmidt (CSU) deutlich.

Die Schutzgemeinschaft, die unter anderem für rund 200 Küstenkommunen spricht, ist unzufrieden mit einer Antwort des Bundesverkehrs-Staatssekretärs auf den ersten offenen Brief im Dezember. Der habe demnach nicht auf konkrete Fragen mit Blick auf ein verbessertes Unfallmanagement auf hoher See geantwortet, sondern lediglich eines betont: dass bei dieser Havarie hervorragende Arbeit geleistet worden sei.

„Das kann nicht die Antwort sein“, macht SDN-Vorstandssprecher Hans von Wecheln in Husum gegenüber dem sh:z deutlich. Fakt sei: Die „Glory Amsterdam“, die westlich von Helgoland auf Außenreede lag, hatte sich infolge des Sturmtiefs „Herwart“ losgerissen, war fast zehn Stunden durch die Deutsche Bucht getrieben und „trotz des mutigen Einsatzes der Kräfte vor Ort gestrandet“, so die Schutzgemeinschaft.

Die SDN drängt – „20 Jahre nach der Pallas-Katastrophe vor Nordfriesland“ – auf die Antwort, „welches Glied der Rettungskette versagt hat“, so von Wecheln. Denn: „Durch das Einsatzkonzept des Havariekommandos bei keinesfalls extremen Wetterbedingungen wurde das Ziel des Notschleppkonzeptes der Bundesregierung, nämlich die Verhinderung der Strandung eines havarierten Schiffes, nicht erreicht.“

Es gebe Indizien, sagt der SDN-Vorstandssprecher mit Blick auf den 29. Oktober 2017. So habe es offensichtlich nicht geklappt bei der Verständigung zwischen dem chinesischen Kapitän der „Glory Amsterdam“ und der Besatzung des Notschleppers „Nordic“. Von Wecheln: „Um 8.10 Uhr war der Notschlepper da, aber erst um 12 Uhr begannen die Schleppversuche.“ Offenkundig habe der Kapitän die Hilfe zunächst nicht angenommen. „Mein Gott, wir spielen doch nicht Schiffe versenken – hier geht es um einen Notfall“, sagt von Wecheln. Notfalls müssten Vollzugskräfte abgesetzt werden, um die Annahme der Notschlepphilfe durchzusetzen.

Zudem sei einer der beiden Hubschrauber, die die „Boarding-Teams“ vom Schlepper auf den Havaristen hieven sollten, zu spät eingetroffen. Endlich – nach 15 Uhr – am Haken, kam das nächste Malheur: Ein Poller auf dem Havaristen war gebrochen, mehrere Seile gerissen, „weil dessen Besatzung nicht den Anweisungen des Schlepperkapitäns gefolgt war“, so der SDN-Vorstandssprecher. „Wir haben größten Respekt vor unseren Teams. Die sind super“, betont er. Gehakt habe es woanders – an Bord der „Glory Amsterdam“, aber „wohl auch wegen verspäteter Anweisungen durch das Havariekommando in Cuxhaven“.

Enak Ferlemann, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, hob auf Nachfrage heraus: „Die maritime Sicherheit auf Nord- und Ostsee hat für die Bundesregierung oberste Priorität.“ Nach jeder Einsatzlage werde der Einsatz aller Kräfte intern überprüft, um etwaige Probleme beim nächsten Einsatz zu vermeiden. „Ebenfalls wird der schwere Seeunfall der ‚Glory Amsterdam‘  zurzeit  von der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung und der Wasserschutzpolizei untersucht“, so Ferlemann weiter. Sollten sich daraus „Optimierungsbedarfe ergeben, werden diese aufgriffen und zeitnah umgesetzt“.

Aus Sicht der Schutzgemeinschaft ist dies dringend nötig: Einzig die Bergungsteams aus den Niederlanden hätten die Katastrophe abgewendet. Dieter Harrsen, SND-Vorsitzender und Landrat des Kreises Nordfriesland, schrieb im zweiten offenen Brief: „Hervorragende Arbeit haben nach der Strandung die holländischen Berger geleistet.“ Es sei allein ihre Sache gewesen – eine, „die das Havariekommando sich nicht zurechnen kann“.

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