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Kiew : „Wir wollen in Europa leben“ - Ukraine wählt Präsidenten

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Gegen Gewalt und Korruption: Die Kiewer erhoffen sich vom Präsidenten vor allem Stabilität. Dafür nehmen sie auch langes Warten in den Wahllokalen in Kauf. Zudem soll das neue Staatsoberhaupt endlich für Ruhe im Osten des Landes sorgen.

shz.de von
erstellt am 25.Mai.2014 | 16:28 Uhr

Kiew | Geduldig und in langen Schlangen warten die Menschen in Kiew auf die Stimmabgabe bei der Präsidentenwahl. Der Andrang an diesem zunächst strahlend blauen Frühlingstag mit Temperaturen um 30 Grad wirkt groß. Im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt haben sich viele Bürger eigens in Nationaltracht gekleidet. „Heute sollen alle hören, dass die Ukrainer in Europa leben wollen“, meint der Komponist Igor Schtscherbakow. Der 58-Jährige stimmt für den Milliardär Pjotr Poroschenko, den laut Umfragen aussichtsreichsten Kandidaten.

„Poroschenko ist mutig - das haben wir gesehen, als Russland Druck auf sein Geschäft ausgeübt hat“, sagt der 58-Jährige. Für den „Schoko-Zaren“ votiert auch Inna Tscherednik. „Poroschenko ist proeuropäisch, im guten Sinne ein Kapitalist und hat nicht nur einen Arbeitsplatz geschaffen“, meint die Unternehmerin. „Wenn er aber nicht auf uns hört, dann werden wir wieder auf den Maidan gehen“, sagt sie lachend.

Die Drohung, weiter auf den Maidan, dem zentralen Unabhängigkeitsplatz, zu ziehen, ist immer wieder zu hören. Dabei ist die Erinnerung an die Dutzenden von Menschen, die im Frühjahr bei Auseinandersetzungen in Kiew ums Leben kamen, noch immer frisch. Viele trauen den Politikern nicht, die sie schon zu häufig enttäuscht haben. Womöglich ist auch deshalb die Wahlbeteiligung in Kiew deutlich geringer als es den Anschein hat, meinen Beobachter.

Zudem müssen die Einwohner wegen der gleichzeitig stattfindenden Wahlen des Bürgermeisters und der Stadträte insgesamt vier Stimmzettel ausfüllen, ihre Personalien werden in zwei Wählerlisten geprüft. Frustriert kehrten einige schon bald wieder um. „So ist doch keine Wahl möglich“, sagt eine junge Frau enttäuscht. Am Nachmittag schlägt dann auch das Wetter um. Ein gewaltiges Unwetter mit Hagelschauern und Platzregen geht über Kiew nieder, die Straßen leeren sich abrupt.

Diejenigen, die abstimmen, sehen die Wahl als Zeichen für die Legitimierung der Regierung, gegen Korruption und russischen Einfluss. Anders als im Osten, wo die überwiegende Zahl der Wahllokale nicht öffnen kann aus Angst vor den Separatisten, bleibt es in Kiew ruhig. Wahlbeobachterin Olga Judina hat keine Verstöße festgestellt. „Die Menschen sind sehr daran interessiert, dass ein neues Staatsoberhaupt gewählt wird“, ist sie überzeugt.

Auch der früher Boxprofi Vitali Klitschko stellt sich an, über eine Stunde wartet er, betont locker im weißen Hemd und Jeans. Er will Bürgermeister der Millionenmetropole werden - und hat Umfragen zufolge beste Chancen. Gemeinsam mit seiner Frau Natalia und Bruder Wladimir wirft der 42-Jährige seinen Stimmzettel in die durchsichtige Wahlurne mit dem ukrainischen Wappen. „Ich hab für ein neues Land gestimmt, für die Stabilisierung der Situation in der Ukraine für Reformen und für den Kampf gegen die Korruption“, sagt er. Auch wenn er den Namen nicht nennt - seine Stimme gibt er Poroschenko, zu dessen Gunsten er seine eigene Kandidatur zurückgezogen hat.

Alexander Pawlenko hat dagegen für Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko gestimmt, die erst kürzlich aus der Haft freikam. „Sie hat hinreichend Erfahrung als Ministerpräsidentin und kann die Situation meistern“, meint der 22-Jährige.Der graubärtige 68-jährige Rentner Alexander im Nationalkostüm verlangt, dass endlich Ordnung geschaffen wird, nicht nur im Osten.

Dort wollen sich prorussische Separatisten vom Rest des Landes abspalten und verhindern auch die Präsidentenwahl in weiten Teilen der Region. Fast täglich gibt es blutige Gefechte mit Regierungstruppen.Alexanders Frau Raissa mischt sich ein: „Die Banditen müssen nach Russland zurückgeschickt werden“, schimpft sie. Das Paar hat ebenfalls für Poroschenko gestimmt, damit schneller ein Präsident feststeht und es eine gesetzlich legitimierte Führung gibt.Auch die Unternehmerin Inna Tscherednik sagt, am wichtigsten sei eine rasche Lösung der Krise. „Mir tun die Menschen im Osten sehr leid. Der Großteil will sich doch nicht abspalten“, sagt sie. Doch ihre Hoffnung, dass der neue Präsident rasch einen Umschwung herbeiführen kann, ist gering.

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