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„Wir sind Zahlmeister ohne Mitspracherecht“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Martin Litsch, Vorstandschef der AOK Nordwest, fordert klare Regelungen für die Struktur der Kliniklandschaft und die Qualität der Leistungen

shz.de von
erstellt am 13.Aug.2014 | 12:06 Uhr

Herr Litsch, Bundesminister Gröhe will die Krankenhausversorgung reformieren. Welchen Ratschlag geben sie ihm?
Er soll klare und justiziable Qualitäts- und Strukturkriterien vorgeben. Zu glauben, dass der Markt auch bei der stationären Versorgung alles regelt, hat sich als Irrtum erwiesen. Wir haben in vielen Situationen gesehen, dass die Politik vor Ort regelmäßig in heftige Interessenkonflikte gerät, sobald es ans Eingemachte geht. Bestes Beispiel sind die Strukturanpassungen in der Geburtshilfe, etwa in Oldenburg. Im Vorwege gab es intensive Beratungen und Umsetzungspläne zwischen Krankenhaus, Kassen und dem Ministerium; alle haben zugestimmt. Als es dann Wind von vorne gab, sind alle umgekippt. So können wir die Krankenhauslandschaft nicht im Sinne der Versicherten und der Beitragszahler optimieren, wir brauchen von oben klare Regelungen für die Struktur der Kliniklandschaft und die Qualität der Leistungen.

Nennen Sie bitte ein Beispiel:
Wenn eine Klinik eine Fachabteilung aufmachen will, muss ein ausreichender Facharzt-Standard erfüllt werden. Das erwartet doch auch jeder Patient, dass die Ärzte vom Fach sind. Ohne diesen Standard zu erfüllen, darf erst gar nicht abgerechnet werden.

Das Problem der Geburtshilfe in Oldenburg scheint jetzt gelöst …
… dafür müssen wir aufpassen, dass nicht ein neues Problem entsteht. Wir können nicht 20 Gynäkologiebetten abbauen und gleichzeitig 40 Geriatriebetten ohne entsprechenden Bedarf neu bewilligen, nur weil das Krankenhaus hier eine neue Einnahmequelle sieht. Solche Kompensationsgeschäfte kosten die Beitragszahler viel Geld und sind kritisch zu betrachten. Kritisch sehe ich auch das Durcheinander in der Notfallversorgung.

Was läuft denn da schief?
Das Nebeneinander von ambulanter Notfallversorgung durch die Kassenärzte einerseits und Notfallambulanz in den Krankenhäusern andererseits ist für die Bürger nicht mehr durchschaubar. Bis 22 Uhr gehen sie in vielen Kliniken durch die linke Tür zum Notarzt, der durch die Kassenärztliche Vereinigung bezahlt wird. Nach 22 Uhr durch die rechte Tür im selben Haus und geraten an einen Klinikarzt. Zudem zeigt sich, dass immer weniger Niedergelassene Interesse am Notdienst haben und mit Kliniken kooperieren, die ihre Dienste übernehmen. Wenn das ohnehin so läuft, kann man gleich alles in eine Hand legen.


Können die Kliniken das denn leisten? Deren Ambulanzen sind doch heute schon stark überlastet.
Das könnte Herr Gröhe grundsätzlich neu regeln: Das Geld muss dann auch in die richtigen Töpfe fließen. Wenn Menschen gleich in die Klinikambulanz gehen anstatt zum Hausarzt, ist das für die Klinik auch ein finanzielles Problem. Darauf müssen wir reagieren und nicht immer nur darüber reden, dass die Zusammenarbeit zwischen Praxen und Kliniken enger werden muss.

Jedes zweite Krankenhaus in Deutschland schreibt rote Zahlen, auch in Schleswig-Holstein, so kann das doch wohl nicht weitergehen?
In der Tat nicht. Wenn wir klare Struktur- und Qualitätsvorgaben machen und umsetzen würden, hätte das zur Konsequenz, dass es mehr spezialisierte Kliniken geben würde. Gleichzeitig müssen wir aber die Grundversorgung in der Region sicherstellen und die Leistungen dieser Kliniken so vergüten, dass nicht aus wirtschaftlichen Gründen zusätzliche teure Eingriffe gemacht werden. Heute sind Klinikdirektoren von Niebüll bis Lauenburg quasi gezwungen noch ein Paar Knie zu operieren, um aus den roten Zahlen zu kommen. Das hilft niemandem: Nicht dem Ruf der Kliniken, nicht den Krankenkassen und vor allem nicht den Patienten. Heute kann jede Klinik machen, was sie will, was zu einer enormen Fehlallokation der Ressourcen führt. Der gerade in Schleswig-Holstein so laute Ruf nach Sicherstellungszuschlägen ist auch keine Lösung, wenn damit nicht gleichzeitig der Strukturumbau ermöglicht wird.

Wie kann man den Strukturumbau regeln?

Wir brauchen endlich eine am Bedarf orientierte Planung und ein klares Bekenntnis zur gestuften Versorgung. Dafür muss auch das System der Fallpauschen überarbeitet werden, damit Kliniken der Grundversorger rentabel arbeiten können. Wenn sich die Zahl und die Struktur der Bevölkerung ändert, müssen auch die Krankenhausstrukturen angepasst werden.

Und der Patient, wie überlebt der in diesem System?
Es darf künftig kein Zufall mehr sein, ob man in der richtigen oder falschen Klinik landet, ob man gut versorgt wird oder schlecht. Voraussetzung dafür ist, dass wir uns von der Wettbewerbsdogmatik verabschieden und Planung nach klaren Vorgaben akzeptieren. Als Krankenkassen wollen wir dabei ein gewichtiges Wort mitreden. Derzeit sind wir Zahlmeister – auch für Investitionen, die eigentlich Ländersache sind – ohne Mitspracherecht.

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