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„Wir leben hier wie Tiere“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zerstörte Häuser, Trinkwassermangel und Seuchenängste sorgen für Hoffnungslosigkeit bei Gaza-Flüchtlingen

Mohammed kann an nichts anderes denken als an den Tod. Wenn er träumt, sieht er sich selbst im Sterben liegen. Am Tag wartet er, dass es bald soweit ist.

Mohammed al-Hilu ist neun Jahre alt. Er lebt in Gaza, jenem Landstrich, der seit rund vier Wochen von israelischen Streitkräften bombardiert wird. Der Tod hat Verwandte von Mohammed genommen, Freunde, Nachbarn. Warum sollte er nicht auch zu ihm kommen? Also wartet Mohammed. Mit seiner Familie lebt der Junge in einer Schule des UN-Hilfswerkes für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) im Westen der Stadt Gaza.

Tagsüber spielen Kinder im Hof, Männer rauchen im Schatten der Bäume. Kinderlachen mischt sich mit den besorgten Gesprächen der Erwachsenen. In der Nacht dagegen ist es still. Dann liegen sie auf ihren Matratzen in den Klassenzimmern und hoffen, dass der Raketenhagel vorüberzieht. Rund 250 000 Menschen suchen derzeit Schutz in UNRWA-Einrichtungen.

Die Gesamtzahl der Binnenflüchtlinge ist weit höher. Etwa ein Viertel der rund 1,8 Millionen im Gazastreifen lebenden Palästinenser wurde nach UN-Schätzungen in die Flucht getrieben: Weil sie die israelische Armee dazu aufrief, weil die Kämpfe in ihren Vierteln zu heftig wurden oder weil sie um ihr Leben fürchteten. „In einem gewöhnlichen Konflikt würden die Menschen das Gebiet verlassen, irgendwo hingehen, wo kein Krieg herrscht“, sagt Andrew Gardiner, ein langjähriger Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Doch die Menschen können Gaza nicht verlassen: Israel lässt nur in Ausnahmefällen eine Ausreise zu, Ägypten hat seine Grenze ganz geschlossen. „In Gaza ist es nirgendwo sicher“, sagt Gardiner.

Mohammeds Familie lebte vor dem Krieg in einem dreistöckigen Haus in Sadschaija. Als die Gefechte in dem Viertel begannen, kamen die Al-Hilus bei Verwandten im Stadtzentrum von Gaza unter – 33 Personen in einer Wohnung. Schließlich zogen sie in die UNRWA-Schule. 800 Menschen harren dort aus. Die Vereinten Nationen verteilen Nahrungsmittel, Trinkwasser und Medikamente – doch der Konflikt in Gaza lässt sie an ihre Grenzen stoßen. Sowohl die Wasserentsalzungsanlagen als auch das Elektrizitätswerk wurden während des Krieges beschädigt. Es gibt kaum Strom, das Wasser wird knapp. Reparaturen sind nicht möglich, solange die Kämpfe andauern. Weil so viele Menschen auf engem Raum leben, drohen Krankheiten auszubrechen. Es gebe bereits Fälle von Krätze, sagt Chris Gunness, Sprecher der UNRWA. Gunness war kürzlich während eines Fernsehinterviews in Tränen ausgebrochen, so sehr belastet ihn die Situation der Flüchtlinge in Gaza.

„Wir leben hier wie Tiere“, sagt Riad al-Hilu, der Vater von Mohammed. Seit zehn Tagen hat er nicht geduscht, denn aus Sicherheitsgründen dürfen die Flüchtlinge das Gelände der Schule nicht verlassen. Dass die UNRWA ihnen Schutz bietet, ist ein trügerischer Glaube: Fünf Schulen der Organisation wurden in den vergangenen Wochen angegriffen. Das israelische Militär sagt, es sei aus der Nähe der Anlagen beschossen worden. Seit Beginn des Krieges haben Vertreter der UN-Organisation zudem in drei Schulen Raketenlager von militanten Palästinensern entdeckt.

Während einer Feuerpause hat Riad al-Hilu sein altes Haus besuchen wollen. Nur eine Ruine sei davon übrig geblieben, bewohnbar sei es nicht mehr, sagt er. Bilder aus Gaza zeigen Straßenzüge, die nur noch aus grauer Asche bestehen. Selbst wenn der Krieg vorbeigeht, haben viele Menschen keinen Ort, an den sie zurückkehren können. Aber noch wird in Gaza gekämpft.

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erstellt am 03.Aug.2014 | 15:15 Uhr

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