zur Navigation springen

25. Todestag : Willy Brandt: Kanzler, Lübecker Jung' und SPD-Ikone

vom

Wir erinnern uns daran, wie aus dem Lübecker Jungen der vierte Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger wurde.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2017 | 18:19 Uhr

Am 8. Oktober 1992 starb der gebürtige Herbert Ernst Karl Frahm, besser bekannt als Willy Brandt. Zu seinem 25. Todestag blicken wir zurück auf die Geschichte des vierten Bundeskanzlers, die in Lübeck begann:

Kindheit und Jugend

Als uneheliches Kind wurde Willy Brandt am 18. Dezember 1913 in Lübeck geboren. Er wuchs in einem Arbeiterviertel auf. Seine Mutter war Verkäuferin. Sein Vater, den er nie kennenlernte, war Lehrer. Brandt wuchs bei seiner Mutter auf. Doch da sie berufstätig war, kümmerte sich die Nachbarin viel um den Jungen. Später übernahm sein Stiefgroßvater Ludwig Frahm die Fürsorge für Brandt.

Schon früh interessierte sich der Lübecker für Politik, dies ließ sich vor allem auf Ludwig Frahm zurückführen, der SPD-Mitglied war. Mit 14 trat Brandt in die sozialdemokratische Kinderorganisation „Rote Falken“ ein, einige Jahre später wurde er Mitglied der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) und 1930 war er alt genug um der SPD beizutreten. Diese Mitgliedschaft beruhte auf dem Vorschlag des Lübecker Reichstagsabgeordneten Julius Leber. Wegen einiger Unstimmigkeiten schloss sich Brandt allerdings ein Jahr später der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands an (SAPD), einer Linksabspaltung der SPD.

1932 machte Brandt sein Abitur am Lübecker Reformgymnasium Johanneum und begann ein Volontariat bei einer Lübecker Schiffmaklerei.

<p>In Ehren: Das Willy-Brand-Haus in Lübeck</p>

In Ehren: Das Willy-Brand-Haus in Lübeck

Foto: imago/PEMAX
 

Machtergreifung Hitlers

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die SAPD verboten und Brandt musste über Dänemark nach Norwegen fliehen, um von dort gegen das Hitler-Regime zu kämpfen. Als Tarnnamen nannte sich der 19-Jährige fortan Willy Brandt. In Oslo studierte er Geschichte und übte journalistische Tätigkeiten für seine Partei aus. Im Auftrag der SAPD ging Brandt als norwegischer Student zurück nach Berlin, um dort im Untergrund zu arbeiten.

1937 reiste Brandt nach Spanien, um dort über den Bürgerkrieg aus der Sicht der Republikaner zu berichten.

Ein Jahr später wurde er durch die Ausbürgerung des NS-Regimes staatenlos. Aus diesem Grund bemühte er sich um die norwegische Staatsbürgerschaft.

Als deutsche Truppen Norwegen besetzten, geriet Brandt in Gefangenschaft. Er wurde jedoch nicht als Deutscher erkannt und konnte sich nach Stockholm absetzen. Dort arbeitete er als Journalist. Die norwegische Exilregierung verlieh ihm 1940 in Stockholm die norwegische Staatsbürgerschaft. Die Zeit bis zum Kriegsende verbrachte Brandt in Schweden.

Rückkehr nach Deutschland und politische Karriere

1945 kehrte Brandt zurück nach Deutschland. Er berichtete als Korrespondent für skandinavische Zeitungen über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Drei Jahre später erhielt er seine deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Sein Pseudonym Willy Brandt war nun offiziell sein amtlicher Name.

Von dort an nahm seine politische Karriere ihren Lauf: Vertreter des SPD-Vorstandes in Berlin (1948), Mitglied des Deutschen Bundestages (1949-1957), Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses (1955-1957) und regierender Bürgermeister von Berlin (1957-1966). Während seiner Zeit als Bürgermeister setzte er sich nachdrücklich für das Interesse von Berlin ein.

<p>Düsseldorf 1960: Enthüllung der Figur „Berliner Bär“ auf dem Ernst Reuter Platz und Einweihung der Berliner Allee durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt (SPD)</p>

Düsseldorf 1960: Enthüllung der Figur „Berliner Bär“ auf dem Ernst Reuter Platz und Einweihung der Berliner Allee durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt (SPD)

Foto: imago/horstmüller
 

Der nächste große Sprung auf der Karriereleiter gelang Brandt, als er 1966 Außenminister und Vizekanzler in der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD unter Kurt Georg Kiesinger wurde.

Brandt als Bundeskanzler

In einer Koalition mit der FDP schaffte es Brandt nach drei Anläufen und mehreren Rückschlägen 1969 ins Kanzleramt. Er war der erste sozialdemokratische Bundeskanzler Deutschlands und versprach Reformen in der Innen- und Außenpolitik. Unter dem Motto „Wir wollen mehr Politik wagen“ und dem Stichwort der „Neuen Ostpolitik“ erreichte er hohe Anerkennung.

Bei der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages am 7. Dezember 1970 legte Brandt einen Kranz am Ehrendenkmal des Warschauer Ghettos nieder und fiel auf die Knie. In dieser Pose verharrt er mehrere Sekunden in stiller Trauer. Die Geste machte ihn weltweit berühmt.

Bundeskanzler Willy Brandt während des Kniefalls vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos.

Bundeskanzler Willy Brandt während des Kniefalls vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos.

Foto: imago/Sven Simon
 

Für seine Entspannungs- und Ostpolitik erhielt Brandt am 10. Dezember 1971 den Friedensnobelpreis.

1972 nutzten CDU/CSU ein konstruktives Misstrauensvotum, um den Kanzler zu entheben. Die CDU wollte den Fraktionsführer Rainer Barzel zum Kanzler küren. Doch dazu kam es nicht. Das Misstrauensvotum blieb erfolglos und es kam zu Neuwahlen, bei denen Brandt gestärkt hervor ging.

<p>Bundeskanzler Willy Brandt (rechts) im Wahlkampf zur Bundestagswahl 1972</p>

Bundeskanzler Willy Brandt (rechts) im Wahlkampf zur Bundestagswahl 1972

Foto: imago/Sven Simon
 

1974 trat der vierte Bundeskanzler für viele überraschend zurück. Grund dafür war die sogenannte Guillaume-Affäre. Günter Guillaume, der Brandt  als Berater sehr nahe stand, flog als DDR-Spionageagent auf. Doch die Hintergründe waren vielschichtiger: die Ölkrise, steigende Arbeitslosigkeit, Streiks und mangelnder Rückhalt dürften Gründe für seinen Rücktritt gewesen sein.

Nach dem Rücktritt

Brandt zog sich zwar aus dem Kanzleramt zurück, doch in der Politik war er weiterhin präsent: als Präsident der Sozialistischen Internationale (SI) von 1976 bis 1992, als Vorsitzender der „Unabhängigen Kommission für internationale Entwicklungsfragen“ (1977) und als Mitglied des Europäischen Parlaments (1979-1983).

Nach Unstimmigkeiten in der Partei erklärt Brandt 1987 nach 23-jähriger Amtszeit seinen Rücktritt als Parteivorsitzender. Daraufhin wurde er zum Ehrenvorsitzenden der SPD gewählt.

Nach dem Mauerfall 1989 hielt er eine bewegende Rede mit den Worten: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Jetzt erleben wir, und ich bin dem Herrgott dankbar dafür, dass ich dies miterleben darf: Die Teile Europas wachsen zusammen.“

Brandt erkrankte 1991 an einem Darmtumor. Seinen letzten großen Auftritt hatte er in seiner Heimatstadt Lübeck im April 1992 bei der SPD-Abschlusskundgebung zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Ein halbes Jahr später starb der Sozialdemokrat im Alter von 78 Jahren.

<p>Trauerzug in Berlin anlässlich des Todes von Willy Brandt am 8. Oktober 1992</p>

Trauerzug in Berlin anlässlich des Todes von Willy Brandt am 8. Oktober 1992

Foto: imago/Seeliger
 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen