Wie kostbar die Freiheit ist

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Joachim Gauck wird 75: Versuch einer Würdigung des politischsten Bundespräsidenten seit Richard von Weizsäcker

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23. Januar 2015, 12:17 Uhr

Den Bundespräsidenten Joachim Gauck, der bislang so trittsicher auf dem nationalen und internationalen Parkett unterwegs war, lernt man möglicherweise am besten als Pfarrer Gauck kennen. So war es jedenfalls im Februar 1990, als der Bürgerrechtler für die einzige frei gewählte Volkskammer der DDR kandidierte. Es war ein braun-grauer Tag, und im Gebäude der ehemaligen Stasi-Zentrale in Rostock hatte Gauck ein kleines Büro, vor dem eine Wartebank stand – wie beim örtlichen Kinderarzt. Telefonische Verabredungen waren unmöglich, und im Haus der Bürgerbewegung summte es wie in einem Bienenkasten, weil zeitgleich das politische Schwergewicht der Wendezeit, Wolfgang Schnur, als Stasi-Spitzel enttarnt worden war und zurücktreten musste.

Hinter Gaucks Schreibtisch fiel der Blick auf die Fahrzeugflotte der Stasi mit ihren dunkelblauen Ladas, die jetzt von den Bürgerrechtlern genutzt wurden. Es war eine gefühlte Stunde Null für Deutschland, in der niemand wissen konnte, wie sich das Deutschland der Nachwendezeit finden und fügen würde. Es gab damals so viele Optionen: Eine Verfassung, die das Grundgesetz ablösen würde und in die viele der bürgerrechtlichen Anliegen hätten einfließen können. Ein simpler Beitritt nach den Regularien des bestehenden Grundgesetzes. Oder das Beibehalten zweier Staaten, denn die Wiedervereinigung war im Frühjahr 1990 keineswegs ausgemacht. Es gab, auch im Westen, Träume von einem anderen Deutschland, das in der DDR zwar krachend gescheitert war, aber das man ja noch einmal versuchen könnte. Ein dritter Weg. Bis tief in konservative Kreise, die der leise beginnenden Globalisierung und Ökonomisierung des Lebens kritisch gegenüberstanden, wurden solche Träume geträumt. Eine merkwürdige Zeit, in der die Uhren still zu stehen schienen, der Globus sich nicht drehte und alle gebannt auf das schauten, was kommen könnte.

In dieser Zeit griff Joachim Gauck nach der Macht. Er wurde Volkskammerabgeordneter, profilierte sich dort schnell, bekam dann als zwar nicht Verfolgter, aber politisch Unverdächtiger den Aufbau der Behörde zur Untersuchung der Stasi-Unterlagen anvertraut. Bis heute nennt man sie volkstümlich Gauck-Behörde. Aus seiner Zeit dort gibt es auch Kritisches zu berichten, beispielsweise, dass er bewusst Stasi-Mitarbeiter in seiner Behörde duldete, weil sie das Know-how aus dem Inneren des Apparates mitbrachten. Und schon damals ging Gauck vielen Wendehälsen, DDR-Traditionalisten und auch Westpolitikern auf die Nerven, weil er immer wieder auf dieses Thema abzielte: Wie kostbar doch die Freiheit sei und wie wichtig, sie zu verteidigen.

Es ist kein Wunder, dass ein Pfarrer unter Generalverdacht steht, Sonntagsreden zu halten. Und Gaucks pastoraler Ton trägt, je öfter man ihn hört, dazu bei. Liest und hört man aber genau, was er sagt, so ist die Sprengkraft seiner Gedanken größer als die aller seiner Vorgänger seit Richard von Weizsäcker. Dessen Rede zum 8. Mai 1985 war für Westdeutschland eine Zäsur, wie sie keine Ruckrede und kein Islamgekuschel danach mehr dargestellt hat. Auch Gauck hat eine solche Rede bislang nicht gehalten – vorbehaltlich eines späteren Urteils von Politologen und Historikern. Der Unterschied ist: Gauck ist die Zäsur. Er ist, viel mehr noch als die Kanzlerin, mit seiner Biographie das Sinnbild des vereinigten Deutschlands. Er zeigt mit seinem Gesicht, das Spuren eines intensiv gelebten Lebens trägt, die Anstrengung einer kurvenreichen Biographie, die durch drei politische Systeme in das höchste Staatsamt führte. Gauck stellt das neue Deutschland selbst dar.

Es ist kein Geheimnis, dass Gauck und Merkel sich nicht übertrieben mögen. Sie gehen aber auf eine honorige, geradezu staatstragende Weise miteinander um. Es gab, denkt man zurück, eigentlich immer Spannungen zwischen Kanzleramt und Bundespräsidialamt. Dass davon so gut wie nichts sichtbar wird, ist ein Zeichen dafür, wie professionell Deutschland derzeit geführt wird.

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