Flensburg statt Syrien : Wie eine junge Georgierin fast zur Terroristenbraut wurde

Nino K. ist vor zwei Jahren aus Georgien geflüchtet und lebt seitdem in Flensburg.

Nino K. ist vor zwei Jahren aus Georgien geflüchtet und lebt seitdem in Flensburg.

Die 20-jährige Nino K. sollte einen tschetschenischen Terroristen heiraten. Nun lebt sie aber seit zwei Jahren in Flensburg. shz.de erzählt ihre Geschichte.

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01. Dezember 2017, 13:13 Uhr

Flensburg | Nino (Name von der Redaktion geändert) kommt aus Georgien. Seit zwei Jahren lebt die 20-Jährige allerdings in Flensburg, aber nicht aus reiner Abenteuerlust. Hier versteckt sie sich vor ihrem Onkel, der sie zu einer Ehe mit einem Terroristen zwingen wollte.

Nino wuchs im Pankisi-Tal auf, einer abgelegenen Bergregion an der georgisch-russischen Grenze. Das Tal ist die Heimat der ethnisch tschetschenischen Bevölkerung. Seit mehreren Jahren berichten Medien über den Ort, weil von hier aus IS-Kämpfer rekrutiert werden.

Mutter muss weg

Heute sitzt Nino in einem Flensburger Cafe. Wenn sie sich an ihren Weg nach Schleswig-Holstein erinnert, erzählt Nino von der radikal-islamischen Wahhabiten-Bewegung, die vor circa fünf Jahren in den Pankisi-Dörfern entstand.

„Früher haben wir glücklich gelebt, aber plötzlich hat sich ein Teil der Bevölkerung radikalisiert“, sagt sie. „Sie haben eigene Moscheen eingerichtet. In manchen Familien trugen sogar kleine Mädchen Kopftücher. Frauen in solchen Familien haben keine Rechte, sie dürfen keine Ausbildung machen und müssen zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern.“

Die Familie von Nino gehörte nicht dazu. Ihre Mutter ist eine Englischlehrerin, ihr Vater arbeitete als Tischler. Doch er starb bei einem Autounfall, als Nino neun Jahre alt war. Das sollte Ninos ganzes Leben verändern.

Auf der Familienversammlung wurde entschieden, dass Ninos Mutter als Witwe in ihr Elternhaus zurückkehren muss. Zwei jüngere Töchter und der Sohn durften mit, aber Nino musste als älteste Tochter mit ihren Großeltern und Onkel bleiben.

„Da mein Vater gestorben war, hat unser Stamm beschlossen, dass meine Mutter eine neue Familie gründen soll. Aber weil mein Onkel nicht verheiratet war, und meine Großeltern alt waren, musste ich dort bleiben, um ihnen zu helfen. Im Dorf hat man viel zu tun”, erklärt Nino.

Schulverbot

Als Ninos Mutter wegging, hat die Tochter sie und ihre Geschwister ein Jahr lang nicht gesehen. Danach durfte Nino sie im benachbarten Dorf besuchen. Ihr wurde erlaubt, ein Wochenende pro Monat dort zu verbringen. Doch die Einschränkungen waren damit nicht zu Ende. Als Nino 15 Jahre alt war und in die neunte Klasse ging, verbot ihr Onkel ihr, die Schule zu besuchen.  

„Ich sollte ein Kopftuch tragen, meinen Körper voll verschleiern und zu Hause bleiben. Ich war aktiv in der Schule und hatte gute Noten, ich hätte gerne studiert. Meine Mutter als Englischlehrerin hat mich immer zum Lernen motiviert. In Georgien gehen wir zwölf Jahre zur Schule, aber nach der neunten Klasse kann man bereits ein Zertifikat bekommen und auf die Hochschule gehen. Mein Onkel wollte aber nicht, dass ich es bekomme”, sagt Nino. Ihre Großmutter hat letztendlich den Onkel überredet und Nino ist zum Examen in die Schule gegangen und konnte so ein Abschlusszertifikat bekommen.

Von der Terroristenbraut zur europäischen Studentin

Bis sie 18 Jahre alt war, blieb Nino zu Hause und besuchte ab und zu ihre Mutter und die Geschwister. Das Verhalten ihres Onkels war in dieser Zeit komisch, erinnert sie sich.  „Er ist ab und zu verschwunden, und wir wussten nicht, wohin er gegangen ist. Plötzlich hat er ein Auto und Geld bekommen, obwohl er nie ein Job hatte. Es hat sich herausgestellt, dass er mit dem Islamischen Staat verbunden war und junge Männer nach Syrien gebracht hat. Er ging in die Moscheen und erzählte dort Menschen, dass ihre Brüder und Schwester in Syrien starben und hat ihnen Paradies versprochen, falls sie dort kämpfen.”

Nicht nur junge Männer wurden aus Pankisi nach Syrien gebracht, sondern auch Frauen, als Bräute für Terroristen. Nino sollte auch eine von ihnen werden: „Im Sommer 2015 hat mir meine Großmutter erzählt, dass mein Onkel mich mit einem Mann aus Pankisi in Syrien verheiraten will. Wie eine Sklavin oder ein Tier.”

Die Familie war alarmiert. Als Ninos Mutter von den Hochzeitsplänen erfuhr, stand für sie fest: Ihre Tochter muss fliehen. Sie bezahlte einem „Mediator” 2300 Euro, um ein touristisches Schengen-Visum für Nino zu bekommen. Das Geld sammelte sie in der ganzen Familie. Mit dem Flugzeug kam Nino nach Deutschland. Ihre erste Station war Neumünster, wo sie einen Asylantrag stellte.

Ungewisse Zukunft

Innerhalb kürzester Zeit gelang es Nino, in Flensburg einen Studienplatz zu bekommen. Inzwischen studiert sie im dritten Semester European Studies. Doch sie ist keine normale Studentin. Sie lebt in einer Flüchtlingseinrichtung, aber verbringt die meiste Zeit in der Bibliothek. Allerdings ist ihre Zukunft immer noch unklar. Ihr Asylantrag wurde dieses Jahr abgelehnt, da Georgien ein sicheres Herkunftsland ist. Nino hat Widerspruch eingelegt und wartet auf die Entscheidung. Ihre Angst ist groß, zurück nach Georgien zu müssen.

„Ich habe keine Garantie, dass ich hier bleibe. Natürlich, könnte ich zurückgehen und mit einem Studentenvisum wieder kommen, aber ich bin sicher, dass mein Onkel davon erfahren wird. Das Dorf ist klein und er weiß, dass ich hier bin. Es gibt auch viele Tschetschenen in Deutschland. In Georgien kann ich mich auch schwer von ihm verstecken“.

Nino ist zum ersten Mal in ihrem Leben im Ausland. Sie vermisst ihre Heimat, aber ist glücklich, dass sie studieren kann. Eines Tages will sie doch zurück nach Pankisi kehren, um mit Frauen in den Dörfern zu arbeiten. „Sie haben dort keine Rechte. Sie dürfen keine Ausbildung machen, mit 15 müssen sie heiraten. Das ist kein Leben. Ich bin hier und bin frei, aber es gibt so viele Frauen und Mädchen die dazu gezwungen sind, dem Glauben zu folgen. Vielleicht könnte ich ihr Leben irgendwann besser machen“, hofft Nino.

Unsere Autorin Viktoria Mokretsova hat Journalistik und Europawissenschaften in St. Petersburg studiert. Sie stammt aus dem russischen Kaliningrad und hospitiert derzeit als Stipendiatin des Marion-Dönhoff-Programms in unserer Redaktion.

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