Angela Merkel gegen Martin Schulz : Wie die CDU nach ihrer Wahlkampfstrategie sucht

Den Herausforderer im Nacken: Die Sympathiewerte von Martin Schulz lassen Angela Merkel und ihre Wahlkampfplaner über neue Strategien nachdenken.
Den Herausforderer im Nacken: Die Sympathiewerte von Martin Schulz lassen Angela Merkel und ihre Wahlkampfplaner über neue Strategien nachdenken.

Unabhängig vom Wahlergebnis im Saarland stehen die Zeichen bei der CDU auf Wandel. Nur der Merkel-Bonus reicht nicht, analysiert Thomas Habicht.

shz.de von
26. März 2017, 20:32 Uhr

Berlin | Manche Organisatoren traditioneller Wahlkampfveranstaltungen mit Angela Merkel fühlen sich von der Berliner CDU-Zentrale hingehalten. Selbstläufer früherer Wahlkampagnen hält Merkels Mitarbeiterstab kaum mehr für zeitgemäß. Ihr trockenes „Sie kennen mich“ im Kreis von Sympathisanten passt kaum zur Begeisterungsfähigkeit des SPD-Mitbewerbers. Von der nüchtern-gleichmütigen CDU-Chefin erwartet zwar kein Unionsfunktionär, dass sie sich der hoch temperierten Gefühligkeit von Martin Schulz anpasst. Aber die Unionsbasis will unabhängig vom saarländischen Ergebnis ein schlagkräftiges Wahlkonzept.

Deutschland steht ein Super-Wahljahr bevor. Nach dem Saarland wählen noch Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag. Ein Kriterium für den Wahlausgang sind dabei auch die Werte der Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl: Merkel und Schulz.

Das „Wunder von Würselen“ gibt CDU-Strategen noch immer Rätsel auf – und selbst mancher Sozialdemokrat bekennt, für den demoskopischen Raketenstart des neuen Hoffnungsträgers keine plausible Erklärung zu haben. Zumindest teilweise können Meinungsforscher das Rätsel jedoch entschlüsseln. Bei allen Wahlen des vergangenen Jahrzehnts war zu beobachten, dass traditionelle SPD-Anhänger in das Lager der Nichtwähler wechselten oder Grünen, Linkspartei und AfD die Stimme gaben.

Seit Martin Schulz aber das SPD-Kernthema „Soziale Gerechtigkeit“ auf Kosten der Agenda 2010 propagiert, können Sozialdemokraten ihr Wählerpotenzial wieder mobilisieren. „Das Fundament war da“, bestätigt SPD-Generalsekretärin Katarina Barley den Befund der Meinungsforschung. Vorläufig verbinden sich zwar Hoffnungen mit dem Kanzlerkandidaten, die im SPD-Streit um das endgültige Wahlprogramm zunichte werden können. Aus Furcht vor schwerem Marschgepäck von der Parteilinken verschob Schulz die Verabschiedung des Wahlprogramms bis nach den Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Noch kann die SPD aber ihre Anhängerschaft voll ausschöpfen, während die Unionsparteien laut Umfragen ein Viertel ihrer Wähler von 2013 bis heute verschrecken.

Wie die Agenda 2010 das Fundament der Sozialdemokratie erschütterte, widerspricht Merkels Flüchtlingspolitik bürgerlich-konservativem Staatsverständnis zutiefst. Die Grenzöffnung vom September 2015 war zwar eine Koalitionsentscheidung. Durch nachträgliche Äußerungen ließ sich Merkel aber als Galionsfigur der Zuwanderung stilisieren. Nachdem es der SPD gelang, ihre Anhänger zumindest vorläufig wieder zu begeistern, fand die CDU noch kein Rezept zur Aussöhnung mit einem großen Teil ihrer Sympathisanten.

Und die CSU ist mehr an der bayerischen Landtagswahl 2018 als am bundespolitischen Erfolg interessiert. Viele Unions-Hoffnungen richten sich auf die Kraft des Terminkalenders. Während Schulz im Frühsommer darum ringen müsse, die SPD-Linken als Wählerschreck in den Hintergrund zu drängen, werde Angela Merkel Weltpolitik machen: Auf dem Nato-Gipfel, der G7-Konferenz und schließlich dem Höhepunkt ihrer G-20-Präsidentschaft in Hamburg.

Der „One-Man-Show“ des Martin Schulz könne die CDU Schwergewichte wie Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière entgegen stellen, behaupten prominente Unionspolitiker. Auch ist die wahrscheinlichste Kanzleroption für Martin Schulz bei der Wählermehrheit unpopulär: Ein rot-rot-grünes Bündnis. Trotzdem gewinnt die SPD ausgerechnet durch den zurückgetretenen Vorsitzenden Sigmar Gabriel zusätzliche Schlagkraft. Mit maßvollen, aber klaren Äußerungen zu den Frechheiten aus der Türkei hebt sich der Außenminister von den Sprechblasen seines Vorgängers Steinmeier ab. Von erfrischender Deutlichkeit war auch Gabriels Auftreten in Moskau, wo er russische Vorhaltungen auf offener Bühne konterte. Trotz des Streits um seine Äußerung zur Griechenland-Krise scheint Deutschlands neuer Chefdiplomat seine Rolle gefunden zu haben und wirkt erleichtert, von den Zumutungen des SPD-Vorsitzes befreit zu sein.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen