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Demonstrationen gegen Gipfeltreffen im Juli : Wer sind die G20-Gegner – und was treibt sie an?

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Sie kommen mit Konfetti und Plakaten und wollen Veränderungen in der Weltpolitik. Ein Blick in die Reihen des Widerstandes.

Hamburg | Bereits Monate vor dem Gipfeltreffen der zwanzig mächtigsten Industrie- und Schwellenländer in Hamburg formiert sich massiver Widerstand in der Zivilgesellschaft. Die Polizei rechnet mit 100.000 Gipfelgegnern, die am 8. Juli bei der Großdemo gegen G20 mitmarschieren wollen. Doch wer sind diese Menschen und welche Motivation steckt hinter ihrer vehementen Ablehnung? Ein Blick in die Protestreihen.

Die Kämpferin Emily Laquer

Emily Laquer, Sprecherin des Demobündnisses „Grenzenlose Solidarität statt G20“.
Emily Laquer, Sprecherin des Demobündnisses „Grenzenlose Solidarität statt G20“. Foto: dpa
 

Emily Laquer ist ein Name, der in den Zeitungen derzeit häufig fällt. Denn die 29-Jährige verleiht der Bewegung der Gipfelgegner nicht nur ihre oft zitierte Stimme, sondern auch ein Gesicht. Die Politikstudentin offenbart die Gefühlslage vieler Gipfelgegner: Es sei sinnlos, an die G20 zu appellieren, denn ändern würde sich ohnehin nichts an ihrer kapitalistischen Politik, die die größten Ungerechtigkeiten verursache. Schon gar nicht, wenn die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen geführt würden. „Ich will die Opposition auf der Straße aufbauen“, sagt Laquer. Durch die Proteste möchte sie die Struktur, aber auch die Inhalte der Debatte verändern, angetrieben vom Gedanken an eine bessere Welt.

„Im 21. Jahrhundert muss niemand mehr Mauern bauen“, sagt Laquer. Sie ist wütend. Zum einen auf die protektionistische Politik von US-Präsident Trump, durch die sie sich aufgrund ihrer amerikanischen Herkunft besonders betroffen fühlt. „Ich kann es nicht ertragen, vor dem Fernseher zu sitzen und nichts zu tun, wenn er hier sprechen wird.“ Aber auch die deutsche Flüchtlingspolitik und der Rechtsruck in Europa seien Themen, die ihr persönlich nahe gehen. Laquers jüdische Vorfahren waren in den dreißiger Jahren in die USA geflohen. Trotzdem wirkt Emily Laquer besonnen, ja gut organisiert und verdrängt damit das Randale-Image autonomer Steinewerfer. „Ich wäre gern charmant-radikal“, sagt sie. Laquer ist Mitglied der Interventionistischen Linken (IL), einer linksradikalen Organisation, die sich seit rund zehn Jahren in Blockaden übt, beginnend beim G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm. Der Verfassungsschutz listete die IL in seinem Bericht von 2015 als „Scharnier“ zwischen militanten Linksextremisten und gewaltfreien Linken auf. „Auch schwarz gehört zu bunt“, begegnet Laquer dem Vorwurf, sich nicht deutlich genug von Gewalt zu distanzieren. Sie fügt jedoch sogleich hinzu, dass niemand bei den Protesten gegen G20 verletzt werden solle.

Das Urgestein Werner Rätz

Werner Rätz ist Mitbegründer der globalisierungskritischen Organisation „Attac Deutschland“.
Werner Rätz ist Mitbegründer der globalisierungskritischen Organisation „Attac Deutschland“. Foto: dpa
 

Er demonstriert in den vorderen Reihen mit, wenn es um TTIP und CETA geht, engagiert sich für das bedingungslose Grundeinkommen und referiert über Entwicklungspolitik. Werner Rätz ist ein Urgestein in der deutschen Aktivistenszene. Der 65-Jährige mit den weißen langen Haaren und Bart kommt aus Daun bei Bonn und hat die globalisierungskritische Organisation Attac Deutschland mitgegründet. In seiner Jugend war der aus einer katholisch-konservativen Familie stammende Rätz Mitglied der CDU, später bei den Grünen und der PDS. Als „linksradikal und christlich“, bezeichnet er sich, „offensichtlich.“ Für ihn sei Engagement für ein gutes Leben für alle immer eine Selbstverständlichkeit gewesen. Das zeigt Werner Rätz nun schon seit 35 Jahren, auch im Protest gegen G20. „Unser Interesse ist weder, den Hamburgerinnen und Hamburgern ihre Autos anzuzünden, noch uns mit der Polizei zu prügeln“, sagt er.

Vielmehr wünsche er sich eine öffentliche politische Debatte unter Einbezug derer, die nicht zu den G20 gehören. Warum werde über das Schicksal Afrikas entschieden, wenn bis auf Südafrika, kein einziges afrikanisches Land vertreten ist? „Alles geht darum, sich Flüchtlinge vom Leibe zu halten, anstatt auch nur im entferntesten daran zu denken, Lebensverhältnisse zu schaffen, dass Menschen freiwillig bleiben können“, sagt er über die Flüchtlingspolitik, eines seiner Herzensthemen.

Die Jugend

Franziska Hildebrandt, Vorsitzende des Allgemeinen Studierendesausschusses (AStA) der Uni Hamburg.
Franziska Hildebrandt, Vorsitzende des Allgemeinen Studierendesausschusses (AStA) der Uni Hamburg. Foto: dpa
 

Die Hamburger sind politisch engagierte Bürger. Sie haben Olympia abgewehrt, die Studiengebühren abgeschafft und für die  Rekommunalisierung der Stromnetze gestimmt. „Deshalb können wir auch G20 verhindern“, sagt Franziska Hildebrandt vom Asta der Universität Hamburg. „Wir gehen davon aus, dass die meisten Hamburger gegen den Gipfel sind.“ Mit Demonstrationen und Unterschriftenaktionen möchte die 28-Jährige vom Bündnis „Gemeinsam statt G20“ das Gipfeltreffen noch knapp drei Monate vor Beginn verhindern - ein ambitioniertes Ziel. Denn der Senat hält dies rechtlich für gar nicht möglich.

An den Hamburger Hochschulen hat sich die Gruppe bereits dafür eingesetzt, dass Lehrende bei ihren Veranstaltungen die Hintergründe von G20 thematisieren. Hildebrandt selbst treibt, neben dem bildungspolitischen Anspruch der Initiativen, die Frage über Krieg oder Frieden um. Sie sieht die G20 bei der Kriegspolitik in der Verantwortung. Konkret bedeutet dies für die Sozialökonomiestudentin, die sich vor allem während der Irakkriege 2003 politisiert hat, den Stopp von Waffenexporten und eine sofortige Abrüstung.

Der Klimaaktivist Jan Fischer

Jan Fischer bei einer Klimaschutz-Aktion.
Jan Fischer bei einer Klimaschutz-Aktion. Foto: dpa
 

Unter den G20-Gegnern ist ein Bündnis aus Umweltaktivisten vertreten, die mit mehreren Aktionen am Hamburger Hafen ein Zeichen gegen den Klimawandel setzen wollen. Wie Jan Fischer, Sprecher der Klimaaktivisten, erklärt, planen die Protestierenden die Arbeit am Hamburger Hafen lahmzulegen - ein symbolischer Akt. Damit möchten die Gipfelgegner die bei Transport und Produktion entstehenden Treibhausemissionen zumindest für einige Stunden stoppen. „Bei G20 sitzen Leute, die die Probleme nicht an der Wurzel packen“, sagt der 31-Jährige, der als Arzt in einer Hamburger Praxis arbeitet. Das Wirtschaftssystem sei zu sehr auf Expansion ausgelegt, der Klimawandel ließe sich so nicht verhindern. Wie viele andere aus den Klimareihen, engagiert sich Fischer seit seiner Jugend für den Umweltschutz, momentan mit der Gruppe „Gegenstom Hamburg“.

Und wie viele andere auch, ist er von den Resultaten vergangener Gipfel enttäuscht. „Auch die Bundesregierung ist bei weitem nicht ausreichend gegen den Klimawandel vorgegangen“, sagt er resigniert.„Deutschland ist immer noch Braunkohle-Weltmeister.“ Zudem hätten die G20 die meisten Emissionen zu verantworten, während ärmere Staaten am stärksten vom Klimawandel betroffen seien, „eine fatale Schieflage.“

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erstellt am 22.Apr.2017 | 11:26 Uhr

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