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Interview mit Anti-Extremismus-Berater : Wenn Kinder Salafisten werden – Tobias Meilicke hilft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Ursachen von religiösem Extremismus sind selten religiös, sagt Tobias Meilicke. Er berät in Kiel radikalisierte Jugendliche und deren Angehörige.

Kiel | Der Terror des IS setzt auch auf radikalisierte Jugendliche im Ausland. Sie geraten in Schleswig-Holstein vor allem durch Salafisten in Kontakt mit religiösem Extremismus. Seit einem halben Jahr gibt es in Zusammenarbeit von Innenministerium und der Türkischen Gemeinde Schleswig-Holstein deshalb eine Beratungsstelle in Kiel mit drei Mitarbeitern. Einer von ihnen ist Tobias Meilicke. Der studierte Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Naher Osten, Islamwissenschaft und Soziologie hilft mit seinem Team Familien und Jugendlichen. Das Programm „Provention“ bietet darüber hinaus Vorträge, Weiterbildungen und Projekte an.

Tobias Meilicke
Tobias Meilicke
 

Herr Meilicke, Sie beraten Familien, die ihre Kinder an den Salafismus verloren haben. Ist das ein gefährlicher Beruf?

Uns ist durchaus bewusst, dass wir Gegenspieler der salafistischen Szene sind. Bisher ist es in Schleswig-Holstein aber nicht dazu gekommen, dass Mitarbeiter der Beratungsstelle bedroht worden sind. Wir werden kritisch beobachtet, aber unsere Mitarbeiter haben keine Angst. Sie haben Respekt und sind sich ihrer Aufgabe bewusst.

Wie häufig klingelt bei Ihnen das Telefon?

Jeden Tag, aber es sind nicht immer neue Fälle. Wir haben seit Mai 13 Familien betreut. Die Betreuung ist mitunter sehr intensiv und individuell. Meistens melden sich die Eltern bei uns, wenn sie mit ihren Kindern nicht mehr ins Gespräch kommen. Wenn es im Denken des Kindes nur noch um den Islam geht. Um die Frage: Wie kann ich den Islam richtig leben, ohne in die Hölle zu kommen. Sie geraten mit ihren Eltern in Streit, weil Mutter und Vater ihrer Meinung nach nicht das richtige, islamische Leben führen, selbst wenn diese Muslime sind. Der Kontakt wird schwieriger und die Kinder flüchten sich in die salafistische Szene, die nicht nur ein sehr konservatives Islambild lebt, sondern teilweise auch ein Gedankengut teilt, das unserer demokratisch-freiheitlichen Grundordnung widerspricht.

Die Zahl der Salafisten ist in Schleswig-Holstein zuletzt auf etwa 300 Personen angestiegen. Worin liegt der Reiz, sich dieser radikalen Strömung anzuschließen?

Zum einen sind es gesellschaftliche Ursachen, die das Thema überhaupt erst präsent machen. Die Medien berichten über die Lage in Syrien. Jugendliche interessieren sich auf einmal für das Thema. Damit einher geht eine zunehmende Zahl von Menschen in Deutschland, die sich islamfeindlich äußern. Junge Muslime werden in Deutschland diskriminiert. Einige können damit umgehen, andere suchen sich die fehlende Anerkennung der Gesellschaft in der salafistischen Szene. Die Gründe religiöser Radikalisierung sind selten religiösen Ursprungs. Sonst könnten sie auch ein liberales Islamverständnis leben. Es sind soziale Ursachen. Die Jugendlichen suchen ein Gemeinschaftsgefühl und Geborgenheit. Das spielt in der Szene eine sehr wichtige Rolle. Salafisten sprechen sich als Brüder an. Die Jugendlichen bekommen Anerkennung, erleben eine feste Struktur für ihren Tagesrhythmus. Sie können durch diese klaren Regeln ein Stück Verantwortung für ihr Leben abgeben, mit dem sie oft überfordert sind.

Wie entsteht der Kontakt zur Szene?

Einige recherchieren selbst im Internet. Dort sind Salafisten sehr gut aufgestellt. Es gibt zahlreiche Videos von Predigern, die auf Deutsch und teilweise im Jugendslang das Thema behandeln. Sie vereinfachen die Religion sehr stark und sprechen damit junge Menschen an. Trotzdem braucht es einen persönlichen Bezug. Der entsteht auf der Straße, häufig durch Koran-Verteilungsstände salafistischer Gruppen.

Gibt es Anwerbeversuche auch an Schulen in Schleswig-Holstein?

Uns sind darüber keine Berichte bekannt. Auch deutschlandweit ist das nicht als Flächenphänomen zu beobachten.

Dennoch berichten Lehrer von radikalisierten Jugendlichen.

Das ist aber kein Massenphänomen. Natürlich machen junge Menschen, die in der Szene sind, ihr Ideengut in der Schule zum Thema. Ihr Leben dreht sich nur noch um ihr Islamverständnis. Das drücken sie auch in ihrem Aussehen aus, indem sie sich zum Beispiel einen Bart wachsen lassen.

Welche Rolle spielen die Eltern dabei?

Viele dieser Jugendlichen vermissen etwas in ihrem Elternhaus. Das muss aber nicht objektiv der Fall sein. Es ist in der Pubertät ganz normal, dass sich junge Menschen von den Eltern entfremden, weil sie ihre eigene Identität ausbilden. Genau in dieser Phase der Entfremdung sprechen Salafisten junge Menschen an. Eltern trifft keine Schuld, aber sie spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, ihre Kinder wieder zu de-radikalisieren.

Was kann die Beratungsstelle dabei tun?

Wir geben den Eltern Tipps, wie sie wieder eine Vertrauensbasis und einen Zugang zu ihren Kindern bekommen, was sie zum Islam mit ihren Kindern besprechen können und wie sie bestimmte Themen am besten ansprechen. Wichtig ist es, Brücken in Form gemeinsamer Erlebnisse und Erinnerungen zu bauen. Der Islam ist dabei ein guter Bezugsrahmen. Eltern können zusammen mit ihren Kindern Ausstellungen zum Islam oder Moscheen besuchen. Es können aber auch Sportaktivitäten sein. Die Jugendlichen müssen wieder in die Familie integriert werden. Mütter und Väter müssen ihnen zeigen, dass sie die Ersatzfamilie der salafistischen Szene nicht brauchen, weil ihre Eltern sie lieben. Das ist übrigens bei allen Familien, die sich bei uns melden, der Fall.

Welche Aspekte des Islams können Eltern ansprechen?

So konkret machen wir das gar nicht. Wichtig ist, dass Eltern den Jugendlichen keine kompletten Weltbilder präsentieren. Sie müssen auch nicht zu Islamexperten werden. Als diese werden sie von radikalisierten Jugendlichen auch nicht anerkannt. Eltern sollen lernen, das zu hinterfragen, was ihre Kinder zum Islam sagen. Damit werden die Jungen und Mädchen selbst zum Denken angeregt.

Mädchen?

Ja, auch die Zahl der Mädchen steigt. Sie radikalisieren sich aber anders und weniger offensichtlich – vor allem durch Internet-Prediger oder in Mädchengruppen, die zu Hause stattfinden. Sie nehmen nicht an den Koran-Verteilungen teil und äußern sich auch weniger radikal als Jungen.

Betreuen Sie Jugendliche, die vorher gar keinen Kontakt zur Religion hatten?

Ja, wir beobachten, dass die Konvertierten innerhalb der salafistischen Szene überrepräsentiert sind. Es gibt viele junge Menschen die vorher keinen Bezug zum Islam hatten. Wir erleben auch, dass Jugendliche den Islam in der Familie als Tradition kennengelernt haben. Dass es aber etwas Neues für sie ist, sich kritisch mit der Religion auseinanderzusetzen. Beide Gruppen könnten wir auch als religiöse Analphabeten bezeichnen, da sich diese jungen Menschen bisher kaum tiefergehend mit ihrer Religion befasst haben.

Laut dem LKA in Kiel gibt es eine zweistellige Zahl sogenannter Gefährder. Haben Sie auch mit solchen schlimmen Fällen zu tun?

Über konkrete Fälle geben wir keine Auskünfte. Aber wir haben keinen Fall, wo die Gefahr besteht, dass jemand nach Syrien ausreist oder zur aktiven Gewalt und Terroranschlägen fähig ist.

Wie sieht eine typische religiöse Radikalisierung von Jugendlichen aus?

So genau kann man das nicht sagen. In vielen Fällen vermissen Jugendliche Geborgenheit und Anerkennung. Es fehlt an Struktur in ihrem bisherigen Leben. Zum Beispiel wenn ein Elternhaus den Jugendlichen sehr viel Freiheit lässt, mit der sie überfordert sind. Wir beobachten oft, dass in diesen Familien die Väter eine weniger präsente Rolle spielen. Indem sie also etwa nicht anwesend waren oder die Vaterrolle nicht so ausgeübt haben, wie sie es gerne gewollt hätten. Wir stehen da noch am Anfang. In Deutschland gibt es noch keine ausführlichen Studien zu Radikalisierungsverläufen. Wir lernen täglich dazu.

> Die Beratungsstelle Landesprogramm gegen religiös motivierten Extremismus ist telefonisch unter 0431-73  94  926 und im Internet unter www.provention.tgsh.de zu erreichen.

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erstellt am 24.Nov.2015 | 07:48 Uhr

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