Homo-Ehe in Deutschland : Was wir von Irland lernen können

Homosexualität ist weder eine Krankheit noch eine abnorme Seltenheit. Sie ist Alltag. Verlässliche Partnerschaften verdienen den Schutz des Staates. Ein Kommentar vonStefan Hans Kläsener.

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27. Mai 2015, 09:40 Uhr

Zwei Sätze vorab. Erstens: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“ (Grundgesetz, Artikel 6, Absatz 1)

Zweitens: „Niemand muss sich dafür rechtfertigen, wenn er seine Kinder mit seinem heterosexuellen Ehepartner zeugt und großzieht.“ (Meinung des Kommentators)

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt eine atemberaubende gesellschaftliche Veränderung. Binnen weniger Jahre hat sich das Bild von Schwulen und Lesben gewandelt. Sie sind von Gleichberechtigung allerdings noch weit entfernt, denn es gibt nach wie vor Vorurteile, Ressentiments und unappetitliche Vorfälle in der Öffentlichkeit, die gleichgeschlechtlich lebende Menschen diskriminieren.

Nun hat Irland als erstes Land Europas per Volksentscheid beschieden, dass gleichgeschlechtliche Paare heterosexuellen Paaren gleichgestellt werden. Wie konnte das geschehen, ausgerechnet in Irland? Und was haben die Iren uns voraus, die wir immer noch sehr verkrampft über dieses Thema reden, das in nahezu jeder Familie vorkommt?

Es ist sehr einfach: Die Iren haben zur Kenntnis genommen, was humanwissenschaftliche Erkenntnisse längst belegen. Homosexualität ist weder eine Krankheit noch eine abnorme Seltenheit. Sie ist Alltag. Und verlässliche Partnerschaften verdienen den Schutz des Staates.

Nun fragt sich aus deutscher Sicht, was mit Artikel 6 des Grundgesetzes geschehen soll. Eigentlich könnte er so stehen bleiben, auch wenn er 1949 anders gemeint war. Aber ist das ehrlich?

Wichtiger als diese verfassungsrechtliche Frage ist eine andere: Können wir auf einem niederschwelligen Niveau, das nicht gleich das Grundgesetz berührt, zu einem vernünftigen Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren kommen, der ihnen relevante Rechte einräumt? Diesen Weg will die Bundesregierung gehen, und er ist klug. Jeder weitergehende Schritt würde ein Referendum wie in Irland erfordern. Das aber sieht das Grundgesetz nicht vor.

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