Wer kommt, wer geht, wer bleibt? : Was wichtige Grünen-Politiker werden wollen – und wo es haken könnte

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne). /Archiv
Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck will Parteichef Cem Özdemir beerben.

Zwei Parteichefs, zwei Fraktionschefs. Mehr echte Spitzenposten haben die Grünen nach dem Scheitern von „Jamaika“ nicht zu vergeben.

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11. Dezember 2017, 15:09 Uhr

Berlin | Nach der Bundestagswahl nahmen die Grünen mit Volldampf Kurs auf eine Jamaika-Koalition – doch die FDP ließ den Traum vom Mitregieren platzen. Die Grünen-Spitze muss jetzt zusehen, dass der Trübsinn sich nicht festsetzt. Aber ohne Ministerposten wird es eng in der ersten Reihe. Und die Grünen sind bei Postenfragen sowieso sehr speziell. Doppelspitzen aus Frau und Mann sind Pflicht, ein ungeschriebenes Gesetz schützt außerdem das Gleichgewicht zwischen den beiden Parteiflügeln, dem linken und dem der Realos. Diese Regeln sind für manche ein Problem, für andere eine Chance:

Cem Özdemir (51)

Der Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir. Vor allem der Kurs in der Flüchtlingspolitik ist umstritten.
Kay Nietfeld
Der Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir.
 

Ist Parteichef seit 2008 und tritt im Januar ab. Der beliebteste Grüne im Land wäre in einer schwarz-gelb-grünen Koalition wohl Minister geworden. Und jetzt? Fraktionschef? Solange Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter das bleiben wollen, hat er kaum eine Chance. Ministerpräsident in Baden-Württemberg als Nachfolger von Winfried Kretschmann? Sein Platz sei in Berlin, stellte der Realo-Schwabe am Wochenende klar. Denkbar wäre ein Ausschussvorsitz im Bundestag. Dass ein so prominenter Grüner nicht automatisch an der Spitze bleibt, quittieren viele mit Kopfschütteln – auch in der Partei. Kretschmann etwa sähe Özdemir gern an der Fraktionsspitze.

Robert Habeck (48)

Habeck will dorthin, wo die großen Richtungs-Entscheidungen getroffen werden.
dpa

Habeck will dorthin, wo die großen Richtungs-Entscheidungen getroffen werden.

 

Will Özdemir beerben. Der Polit-Quereinsteiger und schleswig-holsteinische Umweltminister zierte sich lange, das auch offen zu sagen – dabei spielte seine denkbar knappe Niederlage bei der Wahl der Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl sicher eine Rolle. Das Nordlicht hält nichts von Flügel-Streitereien und sieht sich selbst als flügellos – trotzdem wird er zu den Realos gezählt. Dass jemand gleichzeitig Parteichef und Teil einer Landesregierung ist, erlauben die Parteiregeln nicht. Habeck wünscht sich eine Übergangsfrist. Das dürften beim Parteitag im Januar aber viele ablehnen. Es könnte zur echten Hürde für seine Wahl werden.

Simone Peter (52)

Die Parteivorsitzende von Bündnis90/Die Grünen, Simone Peter, am Rande der Sondierungsgespräche in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin.
Kay Nietfeld
Die Parteivorsitzende von Bündnis90/Die Grünen, Simone Peter.
 

Parteichefin seit 2013. Peter hat angekündigt, wieder zu kandidieren. Nach der grünen Flügellogik könnte sie als linke Frau gut an Habecks Seite stehen – allerdings halten auch Teile ihres Flügels sie für eine Fehlbesetzung, nicht zuletzt wegen einer Äußerung zur Kölner Silvesternacht 2016/17, die Empörung ausgelöst hat. Dass Peter zurückzieht, halten einige in der Partei für denkbar. „Ich werde mich einer Erneuerung nicht in den Weg stellen“, sagte sie am Wochenende – aber was heißt das?

Katrin Göring-Eckardt (51)

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen, hält vor der Fraktionssitzung der Partei Bündnis 90/Die Grünen in Berlin.
Sophia Kembowski
Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen.
 

Die Fraktionschefin hat angekündigt, für dieses Amt wieder zu kandidieren. Im Bundestagswahlkampf hat die Thüringerin vom Realo-Flügel sich viel Respekt in der eigenen Partei erarbeitet – dass sie Ministerin geworden wäre, gilt als ebenso sicher wie ihre Wiederwahl an die Fraktionsspitze.

Annalena Baerbock (36)

Annalena Baerbock
Georg Wendt
Annalena Baerbock.
 

Will Parteichefin werden und betont – wie Habeck –, dass sie nicht für einen Flügel antritt. Wenn die beiden das Spitzenteam bilden wollen, müssten sie die Partei davon nachhaltig überzeugen – denn intern gilt auch Baerbock als Reala. Für ihre Kandidatur hat sie viel Zustimmung auch von Links-Grünen erhalten, etwa vom nordrhein-westfälischen Landesparteichef Sven Lehmann. Falls Habeck stolpern sollte und ein Mann vom linken Flügel kandidiert, wäre das eine Chance für die Jamaika-Sondiererin.

Anton Hofreiter (47)

Auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter bekommt die Gelegenheit, den rund 850 Delegierten aus ganz Deutschland von den Verhandlungen mit Union und FDP zu berichten.
Kay Nietfeld
Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter.
 

Ist Fraktionschef und will das auch bleiben. Als einer der wichtigsten Vertreter des linken Flügels kann ihm das auch niemand nehmen, so die interne Einschätzung. Hofreiters bayerisches Poltern wird von manchen belächelt, auf Grünen-Parteitagen aber stets auch bejubelt. Hofreiter könnte als Linker noch wichtiger werden, wenn kein Vertreter des linken Flügels mehr an der Parteispitze stehen sollte. Dass die Basis zwei Realos – Özdemir und Göring-Eckardt – zum Wahlkampf-Spitzenduo wählte, war einigen Parteilinken schon bitter aufgestoßen.

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