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Presserat und Pressekodex 12.1 : Warum wir, wenn es sein muss, die Herkunft von Kriminellen verschweigen

vom
Aus der Onlineredaktion

Redaktionen müssen abwägen, was sie schreiben und was sie verschweigen, kommentiert Joachim Dreykluft.

von
erstellt am 10.Mär.2016 | 17:37 Uhr

Die Presse, also auch ich, wir verschweigen. Nachrichten, Meinungen. Namen. Und wir verschweigen, wenn wir es für geboten halten, die Herkunft (mutmaßlicher) Straftäter. Entscheidungen in Redaktionen sind so gut wie nie schwarz-weiß, sondern fast immer Abwägungen zwischen zwei Übeln.

Das eine Übel ist, dass wir in die Rechte Dritter eingreifen. In Persönlichkeitsrechte, in Datenschutzrechte, in das Recht, nicht diskriminiert zu werden. Das andere Übel ist, dass wir, wenn wir zu viel verschweigen, nicht mehr dazu beitragen, dass die demokratische Gesellschaft funktioniert.

Bei dieser Abwägung ist die Ziffer 12. 1 des Pressekodex eine Hilfe. Der Presserat hat sie am Mittwoch zurecht trotz viel Kritik nicht geändert. Dort heißt es:

„In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“ 

Das Problem: Nicht nur der Kodex bleibt, auch der Presserat. Und der ist bei der Abwägung keine Hilfe, sondern hat sich zu einem „Selbstgeißelungsinstrument der Branche“ entwickelt, wie kürzlich ein Kollege aus einer anderen Chefredaktion formulierte. Der Rat fällt absurde, absolut praxisferne Entscheidungen, deren Opfer auch diese Zeitung wurde.

Aktuell liegt wieder ein Fall vor dem Presserat, der dort nicht hingehört. Wir haben über eine Sippe berichtet, die der Polizei zu schaffen macht, weil ihre mutmaßlich kriminellen Mitglieder so tun, als würden sie kein Deutsch verstehen. Die nichtdeutsche Herkunft zu verschweigen, ist hier geradezu absurd. Der Presserat hat sich des „Falls“ angenommen. Ausgang offen.

Bei einer Formulierung ist die Abwägung für mich aber immer klar: bei der Polizei-Floskel (hier ein Beispiel für eine solche Mitteilung der Polizei) „südländisches Aussehen“. Wenn Zeugen eine bestimmte Art Haare, Bart oder was auch immer beobachtet haben, lässt sich das benennen. „Südländisch“ ist oberflächlich, unbrauchbar und dumm.

Der Autor ist Mitglied der Chefredaktion des sh:z.

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