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Armenien-Debatte im Bundestag : Warum Völkermord Völkermord genannt werden muss

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Zeitpunkt der Abstimmung ist heikel – und dennoch richtig, kommentiert Chefredakteur Stefan Hans Kläsener.

shz.de von
erstellt am 02.Jun.2016 | 08:07 Uhr

Am Euphrat, dem biblischen Paradiesfluss, spielte sich vor exakt 100 Jahren Entsetzliches ab. Frauen und Kinder wurden in den sicheren Tod durch Hunger und Verdursten geschickt. Einziger Grund für dieses Verbrechen an der Menschlichkeit: Es waren Armenier, eine ungeliebte Minderheit im türkischen Reich. Die heute syrische Stadt Deir ez-Zor am Ufer des Flusses beherbergt eine Gedenkstätte, die als Auschwitz der Armenier bezeichnet werden kann. Sie ist für das Bewusstsein dieses kleinen, stolzen Volkes ein identitätsstiftender Ort. Tragisch, dass dieser nun vom Christen mordenden Islamischen Staat bedroht ist.

Über Jahrzehnte hat sich über diesen Völkermord international wenig Protest geregt. Ein einsamer deutsche Beamter lief im deutschen Außenministerium gegen Wände, als er die skandalösen Verbrechen immer wieder dokumentierte und vortrug. Aber die strategische Allianz mit der Türkei war wichtiger, der Mann blieb ein tragischer, aufrechter, aber wirkungsloser Held.

Nun steht eine Resolution im Bundestag an, die das Auswärtige Amt in schwere Bedrängnis bringen kann, vielleicht sogar die gesamte Bundesregierung. Sie ist eigentlich unspektakulär, denn sie formuliert eine unbestreitbare historische Wahrheit. Der Sprengsatz liegt eher in der Frage: Warum jetzt?

Den Ruf der Rechthaberei und der diplomatischen Ungeschicklichkeit haben die Deutschen sich redlich erworben, er kann also nicht das eigentliche Skandalon sein. Es ist eher die politische Gemengelage, die auch klare Gegner des türkischen Präsidenten auf die Palme bringt. Denn zweifelsfrei ist eine Resolution zum Leid der Armenier eine Provokation der Türken, die diesen Teil ihrer Geschichte nur äußerst zögerlich aufarbeiten.

Gleichwohl sind Recht haben und Rechthaberei immer noch zwei verschiedene Paar Schuhe. Franzosen, das EU-Parlament und viele andere Staaten haben sich zur Armenienfrage geäußert. Der Bundespräsident und andere deutsche Politiker haben immer wieder von Völkermord an den Armeniern gesprochen, was bislang nicht zum Eklat geführt hat. Aber jetzt?

Es ist wie in der Ehe: Ein wahres Wort zum falschen Zeitpunkt kann den Partner kränken, gerade weil er weiß, dass das Wort wahr ist.

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