Kampf gegen die Schweinepest : Warum Peter Harry Carstensen bei der Wildschweinjagd Seifenblasen macht

Jagt seit mehr als 50 Jahren: Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen fordert Erleichterungen für die Jäger.
Foto:
Jagt seit mehr als 50 Jahren: Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen fordert Erleichterungen für die Jäger.

Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen ist ein begeisterter Jäger und erklärt, wie schwer es ist, Wildschweine zu schießen.

Kay Müller von
15. Februar 2018, 13:01 Uhr

„Hier.“
„Und hier.“
„Und hier wieder – das waren alles die Schweine.“

Mit dem Finger deutet Peter Harry Carstensen auf Spuren im Schnee. Der Jäger steht in seinem Revier zwischen Kiel und Rendsburg und sucht nach Wildschweinen. Dass sie da sind, weiß er. Auf den Fotos, die seine Wildkameras machen, hat er gesehen, dass sie fast jede Nacht unterwegs sind. „Aber Wildschweine zu jagen – das ist ein mühsames Geschäft“, sagt der 70-Jährige.

Peter Harry Carstensen ist einer von vielen Jägern in Schleswig-Holstein, die versuchen, den Bestand an Schwarzwild einzudämmen. Wie viele andere fürchtet er, dass die Afrikanische Schweinepest (ASP), die in Osteuropa ausgebrochen ist, bald auch in Schleswig-Holstein Tausende Wild- und Hausschweine dahinraffen könnte. Schon fordert der Bauernverband, dass der Bestand der Wildschweine um 70 Prozent reduziert werden soll.

Wildschweine verbreiten die Afrikanische Schweinepest in Europa.
Foto: dpa
Wildschweine verbreiten die Afrikanische Schweinepest in Europa.

Carstensen winkt ab: „Das ist lächerlich, das kann keiner schaffen.“ Niemand wisse, wie viele Wildschweine es gebe. „Und ich gehe davon aus, dass jeder Jäger so viele Wildschweine schießt, wie er kann.“ Die Jäger seien sich ihrer Verantwortung bewusst, sagt der CDU-Politiker und ehemalige Ministerpräsident – aber allein könnten sie nicht verhindern, dass die ASP in den Norden kommt.

Maiskörner und Seifenblasen

Seit Jahren nimmt die Zahl der Wildschweine zu, und sie rücken immer weiter nach Norden vor. In Maisfeldern finden sie Schutz und Nahrung, im Winter weichen sie in die Wälder aus. Wie schwer es ist, Wildschweine zu jagen, das will Carstensen in seinem Revier zeigen. Aus der Politik hält sich Carstensen weitgehend heraus, die Jäger liegen ihm jedoch weiter am Herzen. Er kennt sich aus, nicht ohne Stolz erzählt er, dass er über 50 Jahre einen Jagdschein hat.

Jetzt sitzt er in seinem utility vehicle – einem kleinen, geländegängigen Fahrzeug, das er geschickt über morastige Wege und heruntergefallene Äste steuert. Vor einem Hochsitz hält er und geht auf eine Tonne zu, die am Boden befestigt ist. Als er diese Sauentrommel dreht, fallen einige Maiskörner heraus. „Wir hoffen, dass die Schweine deswegen hierher kommen“, sagt Carstensen. Eine Garantie sei das nicht, die Schweine seien scheu. „Man sagt, dass die ein Haar riechen können, wenn es dem Jäger vom Hochsitz fällt“, erzählt Carstensen und streicht über seine Frisur. Aus dem Hochsitz holt er eine Packung Seifenblasen heraus und pustet welche in die Luft. „Wenn der Wind aus der falschen Richtung kommt, muss man sich einen anderen Hochsitz suchen.“

Auf dem Weg dorthin schimpft Carstensen über die Spaziergänger, die neben den Wegen laufen und ihre Hunde von der Leine lassen. Die könnten Wild zu Tode hetzen. Und schließlich müssten die Jäger darauf achten, dass keine Menschen in der Nähe sind, wenn sie auf ein Wildtier anlegen, sagt Carstensen, als er um eine Kurve fährt – und prompt eine Spaziergängerin mit Hund sieht. „Können Sie ihn bitte an die Leine nehmen?“, fragt Carstensen höflich. „Gleich“, ruft die Frau und geht weiter. „Nicht gleich, jetzt“, sagt Carstensen mit der etwas energischeren Stimme eines Ex-Ministerpräsidenten. „Ja, gleich“, sagt die Frau und geht weiter. Carstensen könnte sich jetzt aufregen – aber er zuckt nur mit den Achseln und sagt: „Was soll ich machen? Die Polizei rufen?“

Ein paar Mal im Monat ist Carstensen draußen auf dem Hochsitz, wartet nachts stundenlang in der Kälte – und dann kommt vielleicht doch kein Schwein vorbei. Und wenn er eines schießt, dann muss er auch für den Abtransport sorgen. „Wenn das richtig große Tiere sind, schaffe ich das nicht mehr allein“, sagt Carstensen – trotz seines Geländefahrzeugs.

Nachtsichtbrillen und mobile Hochsitze

Wie ihm geht es vielen Jägern. Vor ein paar Tagen habe sein Nachbar eine ganze Rotte gesehen, aber nur zwei Tiere erlegen können. „Die wuseln herum, sind schwer zu treffen.“ Auch mehr Jäger könnten daran nichts ändern. Man müsse darauf achten, kein Muttertier mit Frischlingen zu erwischen.

Jäger müssen aufpassen, dass sie keine Muttertiere mit Frischlingen schießen.
Jäger müssen aufpassen, dass sie keine Muttertiere mit Frischlingen schießen.

Tierschutz stehe für ihn an erster Stelle, sagt Carstensen. „Ich versuche so zu schießen, dass das Tier schnell tot ist.“ Jagd-Gegner dürften eine andere Sicht auf die Dinge haben.

Doch Carstensen gibt offen zu, dass er auch jagt, um Beute zu machen. Er will, dass das den Jägern einfacher gemacht wird. Darauf sollten vor allem die achten, denen die Jäger helfen – wie die Bauern. Schneisen in Maisfeldern, wie sie das von Robert Habeck geführte Umweltministerium will, findet Carstensen gut – ebenso wie die Änderungen des Jagdgesetzes, die der grüne Politiker plant. So etwa die Verkürzung der Schonzeiten oder die Jagd mit Lampen und Nachtsichtgeräten. „Ich finde das nicht unwaidmännisch, das würde ich sogar selbst ausprobieren“, sagt Carstensen. Dadurch könne der Jäger besser treffen und die Nachsuche im Dunkeln werde leichter. Dazu solle es mobile Hochsitze geben.

„Jäger lassen sich nicht prostituieren.“

Ein Wildschwein steht in einem Tiergehege. R. Hirschberger/Archiv
Foto: Ralf Hirschberger
Ein Wildschwein steht in einem Tiergehege. R. Hirschberger/Archiv
 

Ob auch in Schleswig-Holstein Abschussprämien für Wildschweine sinnvoll sind, wie sie Mecklenburg-Vorpommern eingeführt hat – da ist der Ex-Ministerpräsident hingegen skeptisch. Er fürchtet, dass der niedrige Preis für Wildschweinfleisch so noch weiter sinken würde. „Und Jäger lassen sich nicht prostituieren.“ Ums Geld gehe es keinem: „Wenn man 30 Stunden oder mehr für ein Kilo gutes Fleisch draußen in der Kälte aushält – dann guckt da keiner auf den Stundenlohn.“ Für 25 Kilo Fleisch bekomme er 60 Euro, rechnet Carstensen vor. Da hat er aber noch nicht die 25 Euro teure Probenuntersuchung im Labor bezahlt, auch nicht seine Munition oder den Transport.

Carstensen hat seine Tour durch den Wald fast beendet, ein Wildschwein hat er nicht gesehen, aber viele Spuren. Eines sei sicher, sagt er: „Die ganzen Maßnahmen, die jetzt getroffen werden, werden nicht ausreichen, um die Population einzudämmen.“ Selbst organisierte Drückjagden nicht. In seinem Revier ginge das auch gar nicht, weil es kaum abzusperren sei. Helfen könnte ein strenger Winter, den würden die meisten Frischlinge nicht überleben. Allerdings werde sich die Population auch davon wieder erholen, glaubt der Jäger. Er und seine Kollegen würden jedenfalls weiter ihr Bestes geben, um den Bestand zumindest nicht weiter wachsen zu lassen. Denn die Jagd auf Schwarzwild sei herausfordernd, eben weil die Tiere schlau seien. Carstensen: „Es gibt fast nichts Besseres als die Jagd auf Wildschweine – das ist einfach kernig.“

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen