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Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer : Warum Flüchtlinge Afrika verlassen

vom

Die Probleme liegen südlich des Mittelmeeres. Terrorregimes und Misswirtschaft vertreiben Flüchtlinge aus ihrer Heimat in vielen afrikanischen Ländern.

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2015 | 17:15 Uhr

Armut, Krieg und Unterdrückung - fast 219.000 Flüchtlinge haben laut UN-Flüchtlingshilfswerk im vorigen Jahr die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer nach Europa gewagt. Mehr als 170.000 von ihnen gelangten nach Italien. Nach den jüngsten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer wollen an diesem Donnerstagnachmittag die Staats- und Regierungschefs der EU bei einem Sondergipfel darüber beraten, wie weitere Tragödien verhindert werden können. Ein Schwerpunkt soll das Thema Seenotrettung sein.

Die Seenotrettung auf dem Mittelmeer ist einer der zehn Punkte des EU-Gipfels, der Flüchtlingskatastrophe zu begegnen.

Doch die eigentlichen Probleme liegen tiefer, beziehungsweise weiter südlich: In den Gründen, aus dem Heimatland zu fliehen. In einigen Ländern, wie Somalia, Eritrea oder Nigeria, herrschen Terror und Gewalt. Und auch dort, wo es vergleichsweise friedlich ist, haben viele Menschen kaum Perspektiven auf ein erfülltes Leben. Es werde bei den Flüchtlingsdramen im Mittelmeer nicht nach den wahren Gründen gefragt – kritisiert zumindest die Klima-Aktivistin Vandana Shiva aus Indien. Ausländische Unternehmen etwa zerstörten in Afrika durch den Einsatz von künstlichen Dünger und den Kohleabbau die Grundlage der landwirtschaftlichen Produktion. „Menschen flüchten aus einer Wüste, in der sie nicht mehr leben können“, sagt Shiva. Mit Hilfe von Biolandwirtschaft müsse man die Böden wieder fruchtbar machen, damit die Menschen in ihrer Heimat bleiben können. „Wenn wir die Erde zerstören, wird auch die Menschheit zerstört“, sagte die Trägerin des Alternativen Nobelpreises.

 

Libyen: Menschenhändler nutzen Chaos und offene Grenzen

Die aktuelle Situation dürfte zumindest zum Teil auf die militärische Unterstützung einiger EU-Staaten für die Revolutionsbewegung in Libyen zurückgehen. Galt Libyen bis 2011 noch als höchstentwickelter Staat in Afrika, versinkt das Land derzeit im Chaos. Seit dem Ende des Bürgerkrieges stehen weite Teile des Landes unter der Kontrolle von Revolutionsbrigaden, die sich nicht dem Nationalen Übergangsrat unterstellen. Politische Beobachter sprechen von einem Machtkampf zwischen Revolutionsbrigaden und Übergangsrat.

 

Bis zu seinem Sturz 2011 hatte Diktator Muammar al-Gaddafi der EU als Partner in der Flüchtlingsfrage gedient. Die Truppen des schrillen Machthabers kontrollierten zuverlässig die Grenzen des ölreichen Landes. Dank libysch-italienischer Kooperation konnten Flüchtlinge sogar auf See abgefangen und nach Nordafrika zurückgebracht werden.

Heute sind die Grenzen in Richtung Libyen offen. Menschenhändler nutzen das aus und bringen Tausende aus Ländern wie Eritrea, Niger oder Syrien an die Mittelmeerküste, von wo aus es nur wenige Hundert Kilometer Seeweg bis nach Italien sind.

Ein erster Schritt wäre es deswegen, Libyen bei der Grenzsicherung zu unterstützen. Dies ist derzeit allerdings nicht in Sicht. Die EU-Staaten wollen dies nur dann tun, wenn sich die Konfliktparteien in dem Land auf eine Regierung der nationalen Einheit einigen und Sicherheitsgarantien geben. UN-Vermittlungsbemühungen dafür waren bislang aber nicht von Erfolg gekrönt. „Die Friedensgespräche (...) sind vielleicht auf lange Sicht die letzte Chance, Libyen vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren“, kommentiert Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

Somalia: Anarchie, Terror und eine ohnmächtige Regierung

Das Land wird auch als „gescheiterter“ oder „zerfallender“ Staat bezeichnet. Nach drei Jahrzehnten Chaos, Anarchie und Bürgerkrieg ist Somalia immer weiter verarmt. Mit Präsident Hassan Sheikh Mohamud ist seit September 2012 wieder eine legitime Regierung im Amt – doch der Wiederaufbau verläuft schleppend.

Denn die Terrormiliz Al-Shabaab terrorisiert etliche Landesteile, trotz einer afrikanischen Eingreiftruppe. Zivilisten werden gezielt oder willkürlich angegriffen, getötet oder gefoltert.

Aus Angst vor solchen Angriffen hausen Zehntausende Familien in Zelten aus Stoffresten, Säcken und Planen. Menschenrechtsorganisationen beklagen, dass bewaffnete Gruppen Männer und Kinder zwangsrekrutierten. Doch die Helfer haben oftmals keinen Zugang zu Bedürftigen.

Die Hoffnung, in Somalia in den kommenden Generationen einen funktionierenden Staat aufzubauen, wird durch einen eklatanten Mangel im Bildungssystem zunichte gemacht. Nur schätzungsweise 13 Prozent der Jungen und sieben Prozent der Mädchen besuchen eine Schule. Unterricht findet heute in Abwesenheit eines offiziellen Bildungssystems hauptsächlich in Koranschulen und privaten Einrichtungen statt.

 

Eritrea: Die schlimmste Diktatur Afrikas

Die Regierung in Eritrea gilt als schlimmste Diktatur Afrikas. Präsident Isaias Afwerki regiert das bettelarme Land seit der Unabhängigkeit von Äthiopien 1993 mit eiserner Faust. Freie Wahlen gibt es ebenso wenig wie Gewaltenteilung, unabhängige Medien, Versammlungs- oder Religionsfreiheit. Tausende Regimekritiker sitzen im Gefängnis. Nach Informationen von Amnesty International sind etwa 10.000 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert. Folter und Misshandlungen sind an der Tagesordnung. Das Regime wird von den UN beschuldigt, Terrororganisationen in Nachbarländern zu unterstützen.

Eine schwere Dürre am Horn von Afrika trifft mehrere ostafrikanische Staaten. Das kriegszerstörte und instabile Somalia trifft es am härtesten. Foto: dpa

Neben der politischen Unterdrückung spielt die wirtschaftliche Lage eine Rolle: Eritrea gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Über die humanitäre Situation gibt es wenig Informationen, da die Regierung das Land abschottet. Es werden aber immer wieder Hungersnöte vermutet.

Vor allem junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Dieser wird oft auf unbestimmte Zeit verlängert und Wehrpflichtige werden zu Zwangsarbeit eingesetzt, etwa in Minen.

In dem Land am Horn von Afrika leben sechs Millionen Einwohner. Die UN schätzen, dass jeden Monat 2000 bis 3000 Menschen fliehen. Nach Frontex-Angaben nahmen 2014 rund 34.300 Menschen das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Sogar die Fußball-Nationalmannschaft hat sich abgesetzt - und fand in einem niederländischen Städtchen eine neue Heimat.

Äthiopien: Dürre und eingeschränkte Meinungsfreiheit

Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Welt. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist unterernährt. Äthiopien hatte 2014 eine Bevölkerung von 96,6 Millionen. Doch das Land kann vor allem dann nicht alle ernähren, wenn es von Dürren geplagt wird.

1991 wurden die historischen Provinzen aufgelöst, Äthiopien wurde neu nach ethnischen Kriterien in Regionen oder Bundesstaaten eingeteilt und Eritrea wurde 1993 unabhängig. Zwischen den zahlreichen ethnischen Gruppen Äthiopiens kommt es immer wieder zu bewaffneten Konflikten um Landnutzungsrechte und Rechtsstreitigkeiten.

Laut Amnesty International schränken die 2009 erlassenen neuen Gesetze im Rahmen der Antiterrormaßnahmen die Rechte auf Vereinigungs- und Meinungsfreiheit und von Menschenrechtsgruppen im Land stark ein.

Nigeria: Terror durch Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram führt im Nordosten des Landes einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten islamischen Gottesstaats. Die Islamisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Tausende kamen ums Leben, rund 1,5 Millionen sind innerhalb Nigerias oder in die Nachbarländer geflohen.

 

Das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist zwar auch wichtigster Ölproduzent und zugleich die größte Volkswirtschaft des Kontinents. Doch vom Ölreichtum profitieren nur wenige: Mehr als die Hälfte der Einwohner lebt in extremer Armut. Zu den drängendsten Problemen zählen außerdem hohe Arbeitslosigkeit, Aids und Korruption.

Mali: Hohes Bevölkerungswachstum

Die rund 16 Millionen Menschen kämpfen um das tägliche Überleben, denn der Wüstenstaat gehört zu den ärmsten Ländern. Auch Korruption und hohes Bevölkerungswachstum stehen der Entwicklung in dem zu mehr als 60 Prozent von Wüste bedeckten Land im Weg.

 

Mali ist zwar einer der wichtigsten Baumwollproduzenten Afrikas, Dürreperioden haben der Landwirtschaft jedoch schwer geschadet. Auch die politische Lage bleibt angespannt: Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden des Landes erobert und die Unabhängigkeit ausgerufen.

 

Von internationalen Streitkräften unterstützt, konnte Malis Militär den Norden zurückerobern. Dennoch bleibt die Sicherheitslage prekär.

Elfenbeinküste: Kindersklaven für Kakao und Kaffee

Die im Jahre 2000 verabschiedete Verfassung garantiert Grundrechte und Grundfreiheiten, wie es internationale Abkommen und Verträge verlangen. Ebenfalls ist seit 2000 die Todesstrafe abgeschafft.

Die Realität sieht jedoch anders aus. Im Bürgerkrieg kam und kommt es sowohl durch die Rebellen- als auch durch die Regierungstruppen zu massiven Übergriffen wie Mord, Folter, Verschwindenlassen unliebsamer Personen und sexueller Gewalt.

Im bedeutendsten Exportland von Kakao, werden laut Menschenrechtsorganisationen etwa 12.000 Kinder als Sklaven auf Kakaoplantagen eingesetzt.

„Fairer Handel“ garantiert den Landwirten und Arbeitern – hier bei der Kakaoernte an der Elfenbeinküste – Abnahmepreise und Löhne, von denen sie auch leben können.
„Fairer Handel“ garantiert den Landwirten und Arbeitern – hier bei der Kakaoernte an der Elfenbeinküste – Abnahmepreise und Löhne, von denen sie auch leben können. Foto: F:TransFair e.V./Eric St-Pierre
Senegal: Elite und Analphabeten

Der Senegal zeichnet sich (seit der neuen Verfassung) durch rechtsstaatliche und demokratische Strukturen aus, grundlegende Freiheitsrechte, insbesondere Religions-, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, sind gewährleistet.

Im Bildungssektor gibt es noch Probleme: 65 Prozent sind Analphabeten, die Einschulungsquote liegt bei 60 Prozent. Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem hohen Bildungsstandard einer kleinen Elite und dem niedrigen der Mehrheit der Bevölkerung.

Im Senegal sind 78 Prozent der Erwerbstätigen im Agrarsektor tätig. Fischerei ist ein großer Geschäftszweig. Allerdings verkauft das Land die Rechte an der Hochseefischerei an Südkorea und Japan.

(mit dpa)

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