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Treffen der Verteidigungsminister : Warum die Nato wieder mehr Soldaten nach Afghanistan schickt

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Aus der Onlineredaktion

Die Taliban in Afghanistan sind wieder erstarkt. Die Nato will Truppen aufstocken. shz.de mit Fragen und Antworten.

Brüssel | Die Nato will wieder mehr Soldaten nach Afghanistan schicken. „Ich kann heute bestätigen, dass wir unsere Präsenz in Afghanistan erhöhen werden“, sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg vor dem Verteidigungsministertreffen am Donnerstag in Brüssel. 15 Länder hätten bereits eine Verstärkung der aktuellen Ausbildungsmission zugesagt.  Stoltenberg erklärte weiter, er erwarte weitere Ankündigungen.

Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon sagte, Großbritannien wolle seine bisherige Truppenstärke von 500 Soldaten um etwas mehr als 100 aufstocken. Deutschland kann bis zu 980 Soldaten entsenden und hat diese vom Bundestag vorgesehene Obergrenze schon weitgehend ausgeschöpft. Stoltenberg ging nicht davon aus, dass auch die USA bei dem Treffen konkrete Zahlen nennen werden.

Ende 2014 lauteten die Pläne der Nato für Afghanistan noch ganz anders. Der Kampfeinsatz sollte beendet, dann noch eine Weile afghanische Sicherheitskräfte ausgebildet und dann die Soldaten ganz abgezogen werden. Doch mittlerweile sieht es wieder ziemlich düster in Afghanistan aus.

Was ist passiert - und wie soll die Truppenaufstockung der Nato aussehen? shz.de gibt einen Überblick.

Nun doch wieder mehr Truppen - was steckt hinter der Entscheidung?

Die Nato befürchtet, dass Afghanistan wieder zu einem sicheren Rückzugsort für islamistische Terroristen werden könnte. Die Sicherheitslage in dem Land hat sich seit Ende des internationalen Kampfeinsatzes im Dezember 2014 drastisch verschlechtert. Der war gestartet worden, nachdem am 11. September 2001 Al-Kaida-Terroristen die USA angegriffen hatten - unter anderem, indem sie zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers gesteuert hatten. Al-Kaida-Chef Osama bin Laden lebte damals in Afghanistan.

Wie sieht die Sicherheitslage denn genau aus?

Die radikalislamischen Taliban, die Al-Kaida-Terroristen in den 90er Jahren Unterschlupf gewährt hatten, breiten sich wieder aus. Laut US-Militärangaben „kontrollieren oder beeinflussen“ sie heute rund elf Prozent des Landes. Weitere knapp 30 Prozent gelten als umkämpft.

Gleichzeitig konnte sich ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Afghanistan etablieren. Die nationalen Streitkräfte sind überfordert, Tausende sterben jedes Jahr, Zehntausende desertieren. Die nach dem Ende des internationalen Kampfeinsatzes gestartete Ausbildungs- und Beratungsmission „Resolute Support“ gilt als zu klein, die von den USA bilateral zur Verfügung gestellte Luftunterstützung für Angriffe als nicht ausreichend.

Was soll die Truppenaufstockung bringen?

Die derzeitige Trainingsmission „Resolute Support“ kann mangels Personal fast nur auf hoher Offiziersebene beraten. Die zusätzlichen Soldaten sollen nun auch unterhalb der Offiziersebene besonders wichtige „Angriffskapazitäten“ der afghanischen Streitkräfte trainieren, sagt US-Militär- und Nato-Sprecher Bill Salvin in Kabul. Es geht um Fähigkeiten der Spezialkräfte und der Luftwaffe, aber auch um die Bereiche Artillerie und Logistik.

Wie viele zusätzliche Soldaten wird es geben und von welchen Ländern werden sie gestellt?

Angaben aus Bündniskreisen zufolge sollen sich künftig rund 15.800 Soldaten an dem Einsatz zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte beteiligen. Zuletzt standen dafür lediglich etwas mehr als 12.000 Soldaten zur Verfügung. Bei einer Truppenstellerkonferenz vor zwei Wochen hatten bereits 15 Alliierte und Partnerländer ein zusätzliches Engagement in Aussicht gestellt, darunter Großbritannien und Dänemark.

Die genauen Zahlen werden vermutlich erst in einigen Wochen feststehen. Die USA, die zuletzt mit knapp 7000 Soldaten der größte Truppensteller für den Nato-Einsatz waren, hatten ihre Planungen bis zuletzt noch nicht abgeschlossen. Es wird damit gerechnet, dass sie 2000 bis 2500 zusätzliche Soldaten zur Verfügung stellen und auch ihr Engagement außerhalb des Bündniseinsatzes wieder verstärken. Im Gegensatz zur Nato beteiligen sich die US-Streitkräfte nämlich weiter mit Spezialkräften an Kampfeinsätzen.

Und was ist mit Deutschland?

Die Bundesrepublik ist nach den USA und Italien schon heute der größte Truppensteller in Afghanistan. Vermutlich auch wegen der bevorstehenden Bundestagswahl hat Kanzlerin Angela Merkel angekündigt, dass sie vorerst keine Erhöhung der sogenannten Mandatsobergrenze prüfen will, die derzeit eine Entsendung von bis zu 980 Soldaten ermöglicht. Möglich wäre es demnach lediglich, die Mandatsobergrenze besser auszunutzen.

Wird die Strategie aufgehen?

Die Erwartungen sind gemischt. Kritiker verweisen darauf, dass die USA schon 2009 zusätzliche 33.000 Soldaten nach Afghanistan geschickt hätten - ohne Erfolge im Kampf gegen die schon damals wieder erstarkenden Taliban. Einsatz-Sprecher Bill Salvin in Kabul ist optimistischer. Er sagt, die Nato wird die Afghanen so ausbilden, dass sie 2019 „große Offensiven“ starten können und 80 Prozent der von den Taliban eroberten Gebiete zurückholen können.

Wie reagiert Russland?

Russlands Botschafter bei dem westlichen Militärbündnis, Alexander Gruschko, hat sich besorgt über die geplante Erhöhung der Rüstungsausgaben geäußert. „Allein die Verteidigungsausgaben der Europäer sind in der Summe vier Mal höher als das Budget Russlands“, sagte Gruschko der „Welt“. US-Präsident Trump fordere jetzt die Umsetzung des Zwei-Prozent-Ziels. „Wir sehen einen sehr gefährlichen Trend zu einer Militarisierung der internationalen Beziehungen. Das kann zu einem neuen Rüstungswettlauf führen“, warnte der Russe. Der Westen hingegen fühlt sich durch Moskaus Annexion der Krim sowie Russlands Rolle im Ostukraine-Konflikt und die Verlegung russischer Truppen an seine Westgrenzen bedroht.

Nach jüngsten Schätzungen der Nato werden die europäischen Alliierten und Kanada 2017 rund 12 Milliarden US-Dollar (10,6 Mrd Euro) mehr für ihr Militär ausgeben als im Vorjahr. Dies entspricht einem Plus von 4,3 Prozent. 2014 hatten die Nato-Staaten beschlossen, die Verteidigungsausgaben binnen eines Jahrzehnts Richtung zwei Prozent der Wirtschaftsleistung zu steigern.

 

 

 

 

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erstellt am 29.Jun.2017 | 11:53 Uhr

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