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Abgrenzung zum „Amoklauf“ : War das „Terrorismus“? Was ist überhaupt „Terrorismus“?

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Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt: Der Versuch einer Definition.

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2016 | 11:14 Uhr

Bei Anschlägen wie nun in Berlin stellt sich stets die Frage, ob es sich bei dem Verbrechen um „Terror“ handelt. So spricht etwa die Polizei in Berlin von einem „vermutlich terroristischen Anschlag”.

Auch Journalisten halten sich im aktuellen Fall noch auffallend zurück, von „Terror“ zu sprechen. Ein Grund sind wohl die Erfahrungen mit dem Geschehen von München am 22. Juli 2016. Hier war recht schnell von „Terror “ die Rede, in den folgenden Tagen bildete sich nach Bekanntwerden von mehr Fakten zu Tat und Täter ein Konsens heraus, von einem „Amoklauf“ zu sprechen.

Terror ist ein schwieriger Begriff. Er ist oft Teil politischer Auseinandersetzungen und wird propagandistisch missbraucht, etwa mit Begriffen wie „Staatsterrorismus“. „Des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer“ ist ein Satz, der das definitorische Dilemma gut zusammenfasst. Konkretes Beispiel für solch unterschiedliche Sichtweisen ist etwa die „Intifada“ (arabisch für „sich erheben“) im Gaza-Streifen, die von vielen Israelis als Terrorismus empfunden wird, von Palästinensern als politisch legitimer Aufstand.

Dennoch ist es den Vereinten Nationen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA gelungen, eine gemeinsame Definition von Terrorismus zu finden. Sie wurde formuliert in der Resolution 1566 des Uno-Sicherheitsrats zur Terrorismusbekämpfung aus dem Jahr 2004:

„Criminal acts, including against civilians, committed with the intent to cause death or serious bodily injury, or taking of hostages, with the purpose to provoke a state of terror in the general public or in a group of persons or particular persons, intimidate a population or compel a government or an international organization to do or to abstain from doing any act,”

(“Kriminelle Handlungen, auch gegen Zivilpersonen, begangen in der Absicht, zu töten, schwere körperliche Verletzungen herbeizuführen oder Geiseln zu nehmen, mit dem Zweck, einen Zustand des Schreckens in der allgemeinen Öffentlichkeit oder einer Personengruppe oder unter bestimmten Personen herbeizuführen, eine Bevölkerung einzuschüchtern oder eine Regierung oder internationale Organisation dazu zu bringen, etwas zu tun oder zu unterlassen”)

Wichtig ist für die Definition von Terrorismus, dass  „Terror“ im Begriff steckt, also die Intention, Schrecken zu verbreiten. Offenbar spielt also die Absicht des Täters eine Rolle – auch und gerade in Abgrenzung zum Amoklauf. Amok stammt laut Duden aus der malaiischen Sprache und bedeutend „wütend“ oder „rasend“.

Jannis Jost, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel (ISPK) sagt: „Der Terrorist nimmt für sich in Anspruch, im Namen einer größeren Gruppe von Menschen zu handeln. Der Akt des Terroristen soll immer auch als Drohung gegen alle verstanden werden, die sich mit den Opfern identifizieren. Der Amokläufer nimmt hingegen nicht in Anspruch, im Namen einer Gruppe von Menschen zu handeln und diese zu verteidigen. Der Amokläufer ist das Zentrum seiner Welt, seine Tat ist persönlich motiviert. In der Regel endet das Interesse des Amokläufers mit seiner eigenen Tat, die weiteren Implikationen sind - wenn überhaupt - nur von sekundärer Bedeutung.

Jost sagt weiter, dass „bei einigen Einzeltätern, die nicht direkt als Teil einer Gruppe handeln, die Grenze zwischen Terroranschlag und Amoklauf verschwimmt. Terroristen handeln im Namen einer Ideologie, Amokläufer setzen ihre Tat in der Regel nicht in einen breiteren Zusammenhang. Das heißt aber nicht, dass die Ideologie wirklich der kausale Auslöser für die Tat des Terroristen ist. Auch beim Terroristen kann in letzter Instanz eine persönliche Krise den Ausschlag geben, trotz ihrer anderslautenden Rhetorik. Die Trennlinie ist hier nicht scharf zu ziehen.“

Auch Michael Fischer, Professor für Kriminologie an der Polizeiakademie Niedersachsen nimmt für shz.de eine Einordnung vor, was Terrorismus und Amok unterscheidet. Einer von Fischers Arbeitsschwerpunkten ist Gewalt- und Terrorismusforschung, er sagt: „Ein Terrorist folgt politisch motivierten Motiven, worunter auch religiöse Motive fallen können, etwa beim Islamismus oder Dschihadismus. Bei diesen Terrorismus-Formen wird die Legitimation für das Politische religiös abgeleitet. Ein Amokläufer beschließt aus einer persönlichen Krise heraus, eine Tat zu begehen. Motive können Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit, Ungerechtigkeit oder psychische Erkrankungen sein. Auf der individuellen Ebene kann es beim Terroristen Überlagerungen von politischen und persönlichen Motiven geben.“

Wir bei shz.de haben uns in der Abgrenzung von Terror und Amok auf folgende Definition verständigt:

„Amokläufer verbreiten eine Botschaft, die unmittelbar mit ihrer Person zu tun hat. Terroristen haben eine Botschaft, die über ihre Person hinausgeht.”

Fließende Übergänge sind dabei möglich. Für die öffentliche Debatte macht das dennoch einen Unterschied. Denn der Umgang der Gesellschaft mit der Gefahr, dass Menschen ihre individuellen Probleme in schwere Straftaten kanalisieren, muss ein anderer sein als mit Menschen, die die Absicht haben, politische, gesellschaftliche oder religiöse Ziele durchzusetzen.

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