zur Navigation springen

Bundestagswahl 2013 : Wahlgewinner ist die Demoskopie

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Früher waren Umfragen in der letzten Woche vor der Wahl tabu. Im Bundestagswahlkampf 2013 ist das anders. Die Demoskopen sind die Profiteure des Stimmungswahlkampfes. Ein Kommentar von Stephan Richter.

shz.de von
erstellt am 20.Sep.2013 | 12:06 Uhr

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass der Bundestagswahlkampf weniger von Themen als von Stimmungen geprägt ist, dann liefern ihn die letzten Meinungsumfragen vor der Stimmenabgabe am Sonntag. Ausgerechnet die Demoskopen, die zuletzt bei der Landtagswahl in Niedersachsen mit ihren Prognosen kräftig daneben gelegen haben, sorgen im Endspurt für die größte Aufmerksamkeit. Die sogenannten Institute, die mit ihren Orakeln reichlich Geld verdienen, sind die Profiteure dieses müden Wahlkampfes.

Vielleicht haben die Meinungsforscher selbst ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken, mit ihren Stimmungstrends zum Zünglein an der Waage zu werden. So haben die aktuellen Prognosen doch etwas Gutes, signalisieren sie nämlich, dass zwischen dem schwarz-gelben und rot-rot-grünen Lager ein Patt herrscht. Damit halten sich die Demoskopen ein Hintertürchen offen, sollte es anders kommen. Zugleich mobilisiert die Prognose Wähler, wie die Briefwahl zeigt.

Bei vorangegangenen Wahlen waren Umfragen in der letzten Woche vor dem Urnengang tabu. Die Aufgabe dieser freiwilligen Selbstbeschränkung durch die Medien zeugt von der veränderten politischen Kultur. Die Politbarometer der verbleibenden Tage bis zum 22. September werden die hohe Zahl unentschlossener Wähler vor allem zu einem taktischen Wahlverhalten animieren. Die FDP mit ihrer Zweitstimmen-Kampagne hat sich bereits zur Funktionspartei degradiert.

Diejenigen, die ihre Wahlentscheidung noch mit Überzeugungen verbinden, werden sich verstärkt Parteien mit klarem Profil zuwenden. Die Euro-kritische AfD könnte davon ebenso profitieren wie die Linkspartei, die auf dem Weg zur drittstärksten politischen Kraft in Deutschland ist. Der weitere Weg ist spätestens dann vorgezeichnet, wenn nach dem Urnengang rechnerisch nur eine große Koalition möglich ist. Die Gruppierungen am linken und rechten Rand werden zulegen, die etablierten Parteien verlieren an Bedeutung – auch, weil ihre Bindungskraft nachlässt. Dann haben Demoskopen noch mehr zu tun.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen