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Terrorgefahr in Deutschland? : Von Köln bis Marne: Kameras und mehr Polizei sollen Karneval 2016 sicher machen

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Aus der Onlineredaktion

Trotz Terror und Übergriffen: Deutschland bereitet sich auf die Karnevals-Saison vor. In Braunschweig soll ein neues Sicherheitskonzept greifen. In Marne wollen die Jecken unbeschwert feiern.

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erstellt am 27.Jan.2016 | 17:22 Uhr

Braunschweig | Die Meldung wäre in anderen Zeiten vielleicht nur eine Randnotiz gewesen: Ein Mann kauft verdächtige Chemikalien in einem Baumarkt nahe Köln. Die Polizei sucht nach ihm. Der Hintergrund ist völlig unklar, aber in der öffentlichen Debatte wird der Sachverhalt sofort mit einer möglichen Absage des Kölner Umzuges am Rosenmontag in knapp zwei Wochen in Verbindung gebracht.

Ist die Sicherheit auf öffentlichen Großveranstaltungen noch zu gewährleisten? Nach den Terroranschläge von Paris und den Übergriffen der Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten wird diese Frage kontrovers diskutiert. Organisatoren und Sicherheitsbehörden stehen vor großen Herausforderungen.

Der Einkauf im Baumarkt hatte keinen terroristischen Hintergrund. Aber die Episode zeigt, wie bereits die Absage eines Freundschaftsspiels in Hannover wegen einer Terrorwarnung, das der Umgang mit mehr oder weniger konkreten Bedrohungen im Hinblick auf Großveranstaltungen aktuell eine Gradwanderung ist.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Karnevalisten trotz aller Krisen zum Feiern ermuntert. So sei es wunderbar, dass der im vergangenen Jahr wegen einer Terrorwarnung ausgefallene Umzug in Braunschweig diesmal unter dem Motto „Jetzt erst recht“ stehe, sagte sie am Dienstag bei einem Empfang für Prinzenpaare aus ganz Deutschland im Kanzleramt. „Denn so zeigen wir: Wir lassen uns weder die Freude am Leben noch den Spaß an der Freud' verderben.“ Merkel betonte: „Wir lieben unsere Freiheit, die Meinungsfreiheit und ganz besonders die Narrenfreiheit.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Prinzessin Tiffany I. und Prinz Michael I. aus Bonn am Dienstag im Kanzleramt: „Jetzt erst recht“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Prinzessin Tiffany I. und Prinz Michael I. aus Bonn am Dienstag im Kanzleramt: „Jetzt erst recht“.

Foto: dpa
 

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen rät im Hinblick auf Terrorwarnungen zu einem kühlen Kopf. Drohungen von Terroristen dürften nicht unser öffentliches Leben lahm legen. „Aufgrund der Erfahrungen der letzten Zeit halte ich im Umgang mit den Warnhinweisen ein abgewogenes Risiko-Management für nötig“, so der Geheimdienstchef. Details nannte Maaßen nicht.

Er wies aber darauf hin, dass sich die Zahl der Gefährdungshinweise im vergangenen Jahr verdreifacht habe. Die Sicherheitsbehörden müssten in jedem einzelnen Fall untersuchen, wie glaubhaft ein Warnhinweis sei. „Die Sicherheitslage ist ernst, darauf müssen wir uns einstellen“, sagte Maaßen.

Braunschweig setzt auf mehr Polizei

Was das bedeutet, zeigen Maßnahmen, die beispielsweise die Polizei Braunschweig zur Sicherung des sogenannten „Schoduvels“, des Karnevalumzugs in der niedersächsischen Stadt, ergreift. Das Sicherheitskonzept wurde grundlegend überarbeitet, sagt Polizeipräsident Michael Pientka. Details nennt die Polizei aus einsatztaktischen Gründen nicht, kündigt aber an, dass die Zahl der Einsatzkräfte gegenüber dem Vorjahr mindestens verdoppelt werden würden.

Die Anschläge in Paris oder die Terrorwarnung in der Silvesternacht in München hätten bei vielen zur Verunsicherung beigetragen und Ängste geschürt. Gefahrenhinweise oder Warnungen habe die Polizei bislang aber nicht, betont Pientka. „Es besteht absolut kein Grund, ängstlich zu sein.“ Die Leitlinie des Sicherheitskonzepts sei es, so viel Normalität wie möglich und so viel Sicherheit und Vorsorge wie nötig zu gewährleisten, sagt Polizeipräsident Pientka.

Um während des größten Umzugs in Norddeutschland keine Unsicherheiten aufkommen zu lassen, rät die Polizei in diesem Jahr außerdem dazu, bestimmte Kostüme zu vermeiden. „Unsere Bitte ist es, auf Kostümierungen mit Waffenattrappen oder Sprengstoffattrappen zu verzichten“, sagt Müller. Auch große Gepäckstücke sollten besser Zuhause bleiben oder zumindest nicht irgendwo unbeaufsichtigt abgestellt werden.

Videoüberwachung soll für Sicherheit im Karneval sorgen.
Videoüberwachung soll für Sicherheit im Karneval sorgen. Foto: Marc Tirl
 

An besonders belebten Orten wird die Polizei während des Umzugs am 7. Februar auch die Videoüberwachung ausweiten. „Wir wollen Zustände wie in Köln gar nicht erst entstehen lassen und konsequent bei Störungen eingreifen“, erklärt Polizeiinspektionsleiterin Cordula Müller. Allerdings habe in der Vergangenheit sowohl die Masche des bei Trickbetrügern beliebten „Antanzens“ als auch die übrige Zahl von Diebstählen keine große Rolle gespielt. Auch mit sexuellen Übergriffen auf Frauen rechnet die Polizei nicht.

Auch in anderen Karnevalsstädten in Niedersachsen, wie Osnabrück oder Damme, und auch in Bremen werden in diesem Jahr mehr Beamte auf den Straßen unterwegs sein, sowohl in Uniform als auch zivil. Ähnlich wie in Braunschweig halten sich viele mit den genauen Plänen aber zurück. Auch aus der Sorge vor Trittbrettfahrern. Ähnlich sieht es auch in Mecklenburg-Vorpommern aus, wo sich die Veranstalter der Karnvevalsfeiern aber insgesamt entspannt zeigen.

Köln arbeitet noch an neuem Sicherheitskonzept

Besonderes Augenmerk wird bundesweit in diesem Jahr der Karneval in Köln auf sich ziehen. Die Polizei reagiert mit den ähnlichen Rezepten wie in Braunschweig: mehr Präsenz, mehr Beamte und mehr Videoüberwachung. Hinzu kommt: Tatverdächtige aus der Silvesternacht sollen mit Zutrittsverboten von bestimmten Orten ferngehalten werden. Der Polizeipräsident forderte die Narren zudem auf, keine Spielzeugwaffen zu tragen. Schon seit 2008 bereitet sich die Kölner Polizei darauf vor, wie sie bei einem Terroranschlag auf den Rosenmontagszug reagieren müsste. Im diesem schlimmsten Fall würde der Zug „kontrolliert beendet“ – logistisch eine Riesenaufgabe, wenn man bedenkt, dass der größte deutsche Karnevalszug mehr als 100 Prunk- und Persiflagewagen umfasst und über sieben Kilometer lang ist. Mehr als eine Million Feiernde säumen den Weg.

Die Kölner Stadtverwaltung arbeitet derzeit an einem Sicherheitskonzept für Großveranstaltungen. „Es laufen täglich Gespräche“, sagt Stadtdirektor Guido Kahlen (SPD). Die Zeit drängt: „Die erste wirkliche und zwar massiv schwierige Bewährungsprobe wird von Weiberfastnacht bis Karnevalsdienstag sein.“ Eine der wichtigsten Neuerungen ist eine stärkere Videoüberwachung. Damit soll eine „Massierung gewaltbereiter Gruppen“ möglichst früh erkannt werden – dorthin will man dann schnell Polizei beordern.

Die traditionelle „Erstürmung“ des Marner Rathauses soll auch 2016 unbeschwert stattfinden.
Die traditionelle „Erstürmung“ des Marner Rathauses soll auch 2016 unbeschwert stattfinden. Foto: Ruff
 

In Marne sind die Karnevalisten entspannt

„Jetzt erst recht“ könnte auch das Motto für die Feiern in Schleswig-Holsteins Karneval Hochburg Marne in Dithmarschen sein. „Wir schränken uns nicht ein und freuen uns auf einen tollen Karneval“, sagt Heiko Claußen, Präsident der Marner Karnevalsgesellschaft. Auch von der Polizei habe es bisher keine besonderen Auflagen gegeben. „Wir sind im Gespräch“, sagt Claußen. Es werde mehr Beamte während des Umzuges geben. Aber das gelte für alle Großveranstaltungen in diesem Jahr. „Das ist bei uns nicht anders als es beim Wacken Open Air oder bei der Kieler Woche sein wird.“

Einzige Bitte der Polizei in Dithmarschen: Die Gardemädchen des Karnevalvereins mögen bitte davon absehen, Hundeführer der Polizei zu küssen. Hier gilt „eine Armlänge Abstand“ - die Tiere könnten zu viel Nähe als Angriff auf ihre zweibeinigen Kollegen missverstehen.

(mit dpa)

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