zur Navigation springen

Tommy Mørck wurde Bakûr Berxwedan : Von einem, der auszog, den IS zu bekämpfen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Warum der Nordschleswiger Tommy Mørck in Syrien gegen den IS kämpfte – ein Interview nach seiner Rückkehr.

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2017 | 17:00 Uhr

Apenrade | Es ist Donnerstagnachmittag, die Fenster des Turmzimmers im Medienhaus geben den Blick frei auf dunkle Wolken, die über die süddänische Kleinstadt Apenrade kurz hinter der deutschen Grenze hinwegziehen. Vor genau einem Jahr reiste Tommy Mørck in den Irak und nach Syrien, heute erzählt er bei glutenfreiem Marmorkuchen und Kaffee von seiner Reise.

Sommer, Regen, Kuchen, ein typisch dänischer Nachmittag. Kommt es dir in solchen Momenten selbst surreal vor, dass du noch vor ein paar Monaten in Syrien gegen den IS gekämpft hast?

„Es war für mich ein größerer Kulturschock, von dort wieder nach Hause zu kommen. Aber dann bin ich wieder in den alten Rhythmus reingekommen. Rein in unsere gemütliche dänische Kultur“, sagt Tommy Mørck, und der leichte Spott in seiner Stimme ist kaum zu hören.

Manchmal, wenn er von Freunden oder Familie nach seiner Zeit in Syrien gefragt wird, wird ihm klar, was er erlebt hat. „Dann halte ich manchmal inne und denke: Okay, es war schon wirklich anders und auch extrem, was ich gemacht habe. So habe ich es dort gar nicht empfunden. Aber die Kultur, in die ich zurückgekommen bin, spiegelt es mir wider.“

Die Frage, die ihm am häufigsten gestellt wird:

Wie kommt man dazu, in den Nahen Osten zu reisen und gegen den IS zu kämpfen?

Mørck muss ausholen, um eine Antwort zu formulieren, warum er sich der kurdischen Miliz angeschlossen hat. „Ich war immer sehr interessiert an Politik, sowohl lokal als auch global. Ich habe immer eine Solidarität zu den Menschen in der Welt empfunden, die unterdrückt werden. Nach dem Irak-Krieg zu Beginn der 2000er sah ich, zu was die Kurden in der Lage sind. Das System war zusammengebrochen, und die Kurden hatten sich im Norden eingerichtet. Ich war sehr überrascht, dass die Kurden das konnten. Ein Volk, über Jahrzehnte, Jahrhunderte unterdrückt. In einem Land, das vom Krieg zerstört ist.“

Tommy Mørck ist fasziniert von dem, was in dem Autonomiegebiet namens Rojava vor sich geht. Dort haben sich die drei Kantone Efrin, Kobane und Cizire im Januar 2014 herausgebildet und sich eine neue „politische Verfassung“ gegeben, die den „demokratischen Konföderalismus“ anstrebt. Als sich die Lage mit dem Bürgerkrieg in Syrien zuspitzt und er vom Vordringen des IS hört, beginnt er, sich umfassend über die Revolution in Rojava zu informieren. „Ich fand heraus, welche Ideologie hinter dieser Gesellschaft steht. Stellte fest, dass ich mich mit ihr identifizieren konnte.“

 

Den Ausschlag, die Revolution und die Kurden vor Ort aktiv zu unterstützen, gibt dann aber nicht sein Interesse, sondern ein Gefühl der Verantwortung. „Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Zum einen als Däne. Denn die Dänen waren ja zusammen mit den Amerikanern und den Engländern diejenigen, die den Krieg im Irak begonnen hatten“, sagt Mørck.

Er nennt den Krieg illegal. „Ein Krieg ohne Mandat der UN, der den gesamten Irak destabilisiert und die Grundlage zum Entstehen des IS gelegt hat. Der IS hat die Situation in Syrien zusätzlich zum Bürgerkrieg noch schlimmer gemacht. Und dann hatte ich auch ein schlechtes Gewissen als Mensch. Ich war hier zuhause im gemütlichen Dänemark. Ich wohnte damals in Aarhus und dachte: Wie kann ich hier sitzen und nicht alles tun, um zu helfen.“

Alles tun – für Mørck geschieht das bis dahin auf der politischen Ebene. Als Leiter des Büros der Partei Alternative im Großkreis Ostjütland in Aarhus ist er als Politiker und Aktivist tätig, überreicht Spenden, sammelt Unterschriften. „All solche Sachen. Aber ich hatte immer den Eindruck, dass ich noch mehr machen kann. Wenn ich etwas getan hatte, stellte sich keine Zufriedenheit ein. Bis zu dem Punkt, an dem mir klar wurde: Der nächste Schritt müsste es sein, dort hinzureisen.“ Er tut den nächsten Schritt.

 

Doch wie reist man in ein Kriegsgebiet, um sich der Revolution in Syrien anzuschließen?

„Ich konnte ja nicht einfach in ein Reisebüro gehen und einen Flug buchen“, sagt Tommy Mørck, „wobei Flüge nach Syrien, nach Damaskus, ja stattfinden. Aber ich wollte in den Norden des Landes.“ Er bucht im Spätsommer 2016 ein Ticket nach Istanbul, dort steigt er um in einen Flieger nach Erbil, eine Stadt im kurdischen Bereich des Nordirak.

„Als ich im Irak gelandet bin, hatte ich keinerlei Kontakte. Also habe ich mich über einen Monat im Irak aufgehalten. Und dann kam ich in Kontakt mit der YPG, den Volksverteidigungseinheiten (kurdisch Yekîneyên Parastina Gel)“, erzählt Mørck.

 

Wieso gerade die YPG, hast du die gezielt gesucht, oder wie kam das zustande?

„Ich war ja dorthin gereist, um die Revolution zu unterstützen. Ich bin nicht dorthin gereist, um gegen den IS zu kämpfen. Ich hatte keine konkrete Vorstellung davon, was ich zu tun hätte. Die Grenze zwischen Irak und Syrien war geschlossen, also konnte ich nicht darüber gelangen. Ich kam nicht rein.“ Zu dem Zeitpunkt steht Mørck in Kontakt mit dem zivilen Projekt Rojava Plan. Die Organisation hilft ihm, Kontakte herzustellen.

Hintergrund: Die Kurdenmiliz YPG

Die USA betrachten die Kurdenmiliz YPG derzeit als effektive Armee im Kampf gegen den IS. Die Türkei hingegen betrachtet sie als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die in der Türkei selbst für mehr Autonomie für die Kurden kämpft.

Die PKK wird auch von der EU und den USA als Terrorgruppe eingestuft. Die Türkei will verhindern, dass kurdische Einheiten im Norden Syriens Territorialgewinne erzielen.

Im April hatten türkische Kampfflugzeuge kurdische Stützpunkte in Syrien bombardiert, was die Spannungen zwischen Washington und Ankara verschärft hatte.

 

„Sie sagten mir: Versuch, die Miliz zu kontaktieren. Und das habe ich dann getan. Ich habe eine E-Mail geschrieben und Kontakt aufgenommen. Man muss einen Antrag stellen, um reinzukommen und eine Bewerbung schreiben, welche Motivation man mitbringt.“

Die YPG akzeptiert Mørcks Antrag. Er wird aufgenommen. Er trifft vor Ort im Irak einen Kontaktmann, der seinen Transport organisiert. „Die YPG sieht es gerne, wenn man ein halbes Jahr in der Miliz bleibt, damit die einem helfen, über die Grenze zu kommen. Es ist für die ja auch ein Aufwand. Ein Risiko für die Leute, die beteiligt sind.“

Mørck kriegt mit: Er ist nicht der einzige Europäer, der sich der Miliz anschließen will. „Ich habe einen Franzosen kennengelernt, der war zwei Wochen dort, und dann wollte er nicht länger bleiben. Also haben sie ihn zurück in den Irak gebracht, zurück über die Grenze, und haben seinen Flug nach Hause bezahlt. Es gibt keine Pflicht zu bleiben. Man wird nicht erschossen, wenn man vorher nach Hause will. Es ist eher eine Aufforderung, dass man so lange wie möglich bleibt. Ein halbes Jahr Minimum.“ Mørck erhält einen neuen Namen. Bakûr Berxwedan: Widerstand des Nordens.

 

Mørcks Reise ins Kriegsgebiet beginnt

Wenig später befindet er sich an der Front. Sein Leben als Teil der YPG nimmt Form an. Es war, erinnert sich Mørck, zwei geteilt: an der Front – und nicht an der Front. An der Front – für Mørck bedeutet das, Teil einer mobilen Einheit zu sein. „Wir hatten Fahrzeuge und waren an vielen verschiedenen Frontabschnitten, um Unterstützung zu leisten. Als wir draußen an der Front waren, rückte die gerade nach Süden, in die Nähe von Rakka. Diese Operation begann Anfang November 2016, zwei Tage nachdem ich in meiner Einheit angekommen war. Ich war von Anfang an dabei. Wenn man so vorrückt, befreit man alleinstehende Bauernhöfe oder kleine Dörfer. Dort ist die Gegend sehr landwirtschaftlich geprägt.“

Tommy Mørcks Stationen im Nahen Osten.

Tommy Mørcks Stationen im Nahen Osten.

Foto: sh:z-Grafik Lundt
 

Oftmals, so Mørck, sei man in ein komplett leeres Haus gekommen. „Man hat vielleicht ein paar Decken mit und dann wohnt man dort. Am nächsten Tag muss man weiter. Dort hin, wo andere eine Basis eingerichtet haben. Dann schläft man da, und so geht es hin und her.“

 

Die Miliz ist gut organisiert. Die Frontkämpfer kriegen Essen auf Rädern. „Es wird in Kobane hergestellt, ausgefahren und an der Front an alle Einheiten verteilt. Das funktioniert tatsächlich gut. Es gab nur ganz wenige Tage, an denen wir eine Mahlzeit auslassen mussten, weil sie nicht kommen konnten, da es zu gefährlich war oder so. Man kriegt so eine kleine Styropor-Form mit Alufolie obendrauf. Es ist ordentliches Essen“, sagt Mørck und lacht. „Ich hatte jedenfalls zugenommen, als ich heimkam.“

Für Mørck gibt es auch das Leben abseits der Front: „Dann befanden wir uns in einer sichereren Umgebung und hatten einen normaleren Alltag“, sagt er und setzt „normal“ mit seinen Fingern in Anführungsstriche.

Der Aufenthaltsraum mit einem Dieselbrennofen. „Nur in diesem Raum wurde in der Regel geheizt. Hier haben wir den größten Teil des Tages verbracht, wenn wir uns innen aufgehalten haben. Hier haben wir gegessen, geredet, Tee getrunken, Fernsehen geschaut, und die Männer haben dort geschlafen.“
Der Aufenthaltsraum mit einem Dieselbrennofen. „Nur in diesem Raum wurde in der Regel geheizt. Hier haben wir den größten Teil des Tages verbracht, wenn wir uns innen aufgehalten haben. Hier haben wir gegessen, geredet, Tee getrunken, Fernsehen geschaut, und die Männer haben dort geschlafen.“ Foto: Tommy Mørck
 

Eines der Basislager befindet sich in Ain Issa. „Die Stadt war leer, keine Zivilisten mehr vor Ort. Da haben wir in einem Einfamilienhaus gelebt. Wir haben ein paar Bunker auf dem Dach gebaut und Decken ausgelegt, einen Dieselofen eingerichtet, und es gab Fernsehen. So haben wir dort gelebt. Tja, und dann muss man sowas machen wie putzen, Essen kochen, essen. Jeder hat einen Koch-Tag, an dem er für das Essen verantwortlich ist – und für Tee. Die trinken da richtig viel Tee. Eigentlich immer.“

Tommy Mørcks Schlafplatz im Basislager in Ain Issa. Er zog freiwillig „ins Depot, da die Kurden es im Schlafraum wirklich warm mögen und gleichzeitig nicht gut darin sind, Rücksicht zu nehmen, was Licht angeht.Gleichzeitig rauchen und reden sie und schlafen selbst wie ein Stein“, erzählt Mørck.
Tommy Mørcks Schlafplatz im Basislager in Ain Issa. Er zog freiwillig „ins Depot, da die Kurden es im Schlafraum wirklich warm mögen und gleichzeitig nicht gut darin sind, Rücksicht zu nehmen, was Licht angeht.Gleichzeitig rauchen und reden sie und schlafen selbst wie ein Stein“, erzählt Mørck. Foto: Tommy Mørck
 

 

Wie habt ihr miteinander kommuniziert? Hast du Kurdisch gelernt?

„Ich war zunächst auf einer internationalen Akademie, etwa vier Wochen lang. Da haben wir etwas Sprachunterricht erhalten. Aber das war es dann auch. Es reicht, um kurze Gespräche mit Leuten zu führen.“

Was treibt den IS deiner Meinung nach an?

„Der IS hat viele Seiten. Zu Beginn waren es Saddam Husseins alte Soldaten, die entlassen wurden. Die Soldaten der Baath-Partei. Als wir Saddam Hussein und die Partei abgeschafft haben, wurden die Soldaten arbeitslos. Während sie noch immer auf den Basen saßen. Mitsamt aller Waffen. Was eine richtig dumme Idee war. Denn plötzlich gab es Abertausend Soldaten, die ohne Arbeit dastanden. Ihre Partei war abgeschafft, ihr Chef, ihr Präsident wurde hingerichtet. Kein Wunder, dass sie sauer waren. Es gab also diesen Aufruhr gegen den Imperialismus.“

 

Mit der neuen, von Amerika unterstützten Regierung habe sich die Unzufriedenheit gesteigert. „Die Amerikaner sind und waren unglaublich unbeliebt“, sagt Mørck. Islamistische Gruppen an der Irak-Iran-Grenze hätten diese Unzufriedenheit und das Machtvakuum zu nutzen gewusst. „Die haben eine Möglichkeit gesehen, die Unzufriedenheit für eigene Zwecke zu kanalisieren.“

Was den IS und die IS-Führung konkret antreibt? „Macht, religiöser Fanatismus, alles Mögliche.“ Einigen Soldaten gehe es um religiöse Erlösung. „Viele der Lokalen sind sehr ungebildete, unausgebildete Leute, die irgendwie da hineingeraten sind. Die ziehen sich eine Bombenweste an, weil sie glauben, dass sie dann in den Himmel kommen. Die sind beim IS dabei, weil sie gerne sterben wollen. Auf eine religiöse Weise, sodass sie in den Himmel kommen und ihre Belohnung erhalten.“

Für die YPG seien solche IS-Kämpfer von Vorteil. „Manchmal lassen sie ihre Bombenweste zu schnell hochgehen. Es geht ihnen nicht darum, wie viele Feinde man tötet.“

Mørcks Einheit wird von einem Selbstmörder fast in die Luft gesprengt. In einer Nacht sind plötzlich Schritte im Haus zu hören, eine Tür geht auf und zu. Mørck sieht nach – wenige Meter von ihm entfernt sprengt sich der Mann in die Luft. „Zum Glück ging er an der Wand vor dem Haus in die Luft. Er hat keinen von uns getroffen. Doch wenn einer von der Truppe nicht zufällig wach geworden wäre – dann hätte der uns erwischt, keine Frage.“

 

Andere IS-Kämpfer trieben weitaus weltlichere Gründe an. „Man hört viel von Sex-Sklaven, oftmals junge Frauen. Auch das ist eine Art, wie Männer ihre Macht demonstrieren können. Ein Leben leben, in dem man machen kann, wozu man Lust hat. Wenn der Mann da drüben dir nicht gefällt, dann erschießt du ihn. Wenn du die Frau da drüben attraktiv findest, dann nimmst du sie einfach mit.“

 


„Es sind Außenseiter. Menschen, die keinen anderen Weg sehen und den IS als Möglichkeit nehmen, um etwas zu tun.“

 Mørck über IS-Kämpfer

 

 

 

Übergeordnet betrachtet, sagt Mørck, sei es naiv, „den“ IS als eine homogene Gruppierung zu betrachten, die ein gemeinsames Ziel verfolgt. „Dahinter stehen massenweise verschiedene Menschen. Einige sind, wie gesagt, lokale Syrer, die irgendwie überleben wollen. Andere sind religiöse Fanatiker. Dann gibt es Leute, die aus Tschetschenien kommen. Vor deren Können hat die YPG übrigens großen Respekt. Das sind Leute, die schon fünf bis zehn Jahre gegen die Russen gekämpft haben, bevor sie nach Syrien kommen. Die sind unglaublich tüchtig und kaltblütig. Warum sie dort sind? Sind es Sadisten? Glauben sie an die Sache? Sind sie Psychopathen? Das ist schwer zu sagen. Ich denke, es ist eine Mischung aus allen möglichen Typen Mensch.“

Ein selbstgebauter Kampfwagen der YPG schleppt einen alten Lastwagen von Assads Regime ab, den die Einheit von Mørck nahe einer Basis fand. Auf dem Bild ist zu sehen, wie der Lkw zur Basis gebracht wird. „Danach haben wir darin Tauben gehalten – Tauben sind ein Symbol des Friedens“, erzählt Mørck.
Ein selbstgebauter Kampfwagen der YPG schleppt einen alten Lastwagen von Assads Regime ab, den die Einheit von Mørck nahe einer Basis fand. Auf dem Bild ist zu sehen, wie der Lkw zur Basis gebracht wird. „Danach haben wir darin Tauben gehalten – Tauben sind ein Symbol des Friedens“, erzählt Mørck. Foto: Tommy Mørck

Eine Sache hätten aber alle IS-Anhänger gemeinsam, sagt Mørck. „Es sind Außenseiter. Menschen, die keinen anderen Weg sehen und den IS als Möglichkeit nehmen, um etwas zu tun. Um auf irgendeine Weise in ihrem Leben voranzukommen.“

 

Knapp ein halbes Jahr lang kämpft Mørck für die YPG in Syrien. Da er über seinen Aufenthalt in Rojava kein Geheimnis macht und auch öffentlich einsehbar über Facebook darüber berichtet, wird irgendwann auch der dänische Verfassungsschutz PET auf ihn aufmerksam. Seit September 2016 ist es Dänen per Gesetz verboten, sich in einem bestimmten Gebiet in Rojava aufzuhalten.

Polizei umstellt Haus von Mørcks Brunder

„Bevor ich ausgereist bin, dachte ich mir schon: Das ist wohl nicht ganz legal, was ich da mache. Ich hab das nicht näher untersucht. Ich wollte einfach ausreisen“, sagt Mørck rückblickend. Bei seiner Ankunft am Kopenhagener Flughaften Kastrup Anfang April rechnet er damit, von der Polizei in Empfang genommen zu werden. Doch zu Mørcks Überraschung interessiert sich niemand für den Mann in kurdischer Tracht, der am 8. April durch das Gate schreitet und nach Dänemark zurückkehrt.

Mørck fährt zur Familie seines Bruders nach Holstebro, wo sich auch seine Mutter aufhält. „Ich nahm mir vor: Nach Ostern rufe ich lieber mal bei der Polizei an. Um anzufragen, ob da was auf mich zukommt“, erinnert sich Mørck. Kurz darauf, Mørck ist mittlerweile in Aarhus, erfährt er von seiner Mutter, dass die Polizei soeben das Haus des Bruders in Holstebro umstellt hat. Schusssichere Westen inklusive.

 

„Zuerst waren sie beim Nachbarn. Meine Mutter schaute aus dem Fenster und wunderte sich, was da los ist. Offenbar hatten sie sich zunächst im Haus geirrt. Sie waren auch bei der Adresse meiner Mutter hier in Apenrade. Bei meinem Vater in Holebüll, Wilsbek, sind sie ebenfalls ums Haus geschlichen.“

Warum, fragt sich Mørck, hat die Polizei ihn nicht einfach direkt kontaktiert? „Das hat meine Mutter die Bediensteten auch gefragt: Habt ihr versucht, ihn anzurufen? Da wurden sie wohl etwas still, denn sie waren offenbar nicht in der Lage, meine Nummer nachzuschlagen.“ Eine öffentlich zugängliche Nummer, wie Mørck betont.

 

Wenige Tage später meldet sich dann aber doch ein Polizist von der Polizei Aarhus. „Er sagte, sie hätten mich gesucht. Ich sagte, davon hätte ich gehört. Er sagte, ich könne einfach mal vorbeikommen. Ich dachte: Warum rennt ihr in ganz Dänemark umher und belästigt meine Familie, wenn ich einfach nur vorbeikommen soll, wenn ich mal Zeit habe? Das war merkwürdig.“

Eine Stunde später fährt Mørck zur Polizeiwache. Drei Stunden lang wird er verhört, muss Fingerabdrücke und DNA-Proben abgeben. Die Polizei nimmt ihm den Pass ab und erstattet Anzeige nach dem Strafgesetz Paragraf 114. „In einem bestimmten Distrikt in Rojava darf man sich nicht aufhalten. Und da war ich. Deswegen bin ich angeklagt worden.“ Ob und wenn ja, wann seine Sache verhandelt wird, weiß Mørck noch nicht. Trotz mehrmaligen Nachfragens bei der Staatsanwaltschaft. „Ich wüsste schon gerne, was da auf mich zukommt. Ein Verstoß gegen das Gesetz kann bis zu sechs Jahre Gefängnis mit sich bringen.“

Seinen Pass hat er mittlerweile wieder. „Der alte lief aus, und ich konnte mir einen neuen bestellen, dazu hat die Polizei ihr Okay gegeben“, so Mørck. Ob er ein Ausreiseverbot erhalten hat, weiß er trotz mehrmaliger Nachfragen bei Polizei und Staatsanwaltschaft bis heute nicht.

Blick in die Zukunft: Tommy Mørck will die Revolution in Rojava weiter unterstützen – aber nun von Dänemark aus.
Blick in die Zukunft: Tommy Mørck will die Revolution in Rojava weiter unterstützen – aber nun von Dänemark aus. Foto: Karin Riggelsen

Ob er noch einmal nach Rojava reisen will?

„Ja, das werde ich“, sagt Mørck. Noch aber sei offen, in welcher Form. „Es war eine wichtige Erfahrung, dort unten gewesen zu sein. Ich verstehe nun viele Dinge sehr viel besser.” Um die kurdische Revolution in Rojava zu unterstützen, könne er aber auch von Dänemark aus aktiv sein. Mørck hofft auf eine Zusammenarbeit mit der dänischen Organisation Okologisk Rojava, die vor Ort eine Landwirtschaftsschule nach ökologischen Richtlinien errichten will. „Die Vorstellungen von nachhaltiger Landwirtschaft sind dort sehr begrenzt. Unter Assad wurde diese Gegend als Kornkammer genutzt. Das Land dort ist sehr fruchtbar.“ Wenn alles wie geplant läuft, fliegt Mørck im November nach Rojava, „um noch mehr Kontakte zu knüpfen und um Saatgut vor Ort auszuprobieren“.


„Es ist eine humanistische, eine humanitäre Revolution, die dort gerade stattfindet.“

Tommy Mørck

 

Ob er sich vorstellen kann, vor Ort in Rojava zu leben?

„Solange das Projekt mit der Landwirtschaftsschule umgesetzt werden soll, würde ich wohl für einige Zeit da sein.“ Aber leben? Nein, sagt Mørck. Ihm gehe es nicht darum, für sich selbst ein gutes Leben zu finden.Sondern darum, die Sache zu unterstützen.  „Es ist eine humanistische, eine humanitäre Revolution, die dort gerade stattfindet. Und ich bin sehr gespannt, ob sie sich bewähren wird. Ich hoffe, sie breitet sich in ganz Syrien aus. Denn Syrien ist gerade in einer Lage, einem Bürgerkrieg, in der es keine guten Lösungen gibt. Egal wer gewinnen wird, wen wir unterstützen. Es wird in Chaos und ethnischen Säuberungen enden. Die einzige Möglichkeit, wie es meiner Meinung nach funktionieren würde: Wenn die Idee aus Rojava, die Ideologie und die Art und Weise, Gesellschaft zu gestalten, sich verbreitet.“

 

Es sind für Mørck die Gleichstellung der Geschlechter, Ethnien und Glaubensrichtungen sowie das Praktizieren direkter Demokratie, die ihn an die Sache glauben lassen. „Mir ist wichtig, dass genau das verbreitet wird. Dass die Gedanken und Werte in ganz Syrien Anwendung finden, im Nahen Osten, in Europa, in der ganzen Welt. Es geht ja nicht darum, etwas zu kopieren. Das können wir nicht, denn die Kulturen unterscheiden sich, die Umstände unterscheiden sich. Dennoch lernt man sehr viel von dem, was sie tun.“

 

Und die Miliz? Kann er sich vorstellen, wieder für die YPG zu kämpfen?

Würde ihn seine alte Einheit darum bitten, geriete er in ein Dilemma, sagt Mørck. „Wenn ich da wieder runterreise, werde ich meine alte Einheit natürlich besuchen. Der Leiter meiner Truppe wurde getötet, etwa eine Woche nachdem ich wieder zurück in Dänemark war. Aber ich will gerne zurückkehren und die anderen wiedersehen. Wir waren eine kleine Einheit, 16 Leute.“

Zusammen kämpfen, Häuser bewohnen, abends Tee trinken, Tauben fangen – die geknüpften Bande sind stark, sagt Mørck. „Aber wenn ich darüber nachdenke, wieder mit der Miliz zu kämpfen, sage ich mir: Nein, das würde ich nicht tun. Auch, weil ich mit dem, was ich jetzt tue, mehr helfen kann. Aber ich wäre in einem Dilemma. Es wäre schwer, nein zu sagen, wenn sie fragen.“

 

Seine Wurzeln hat Tommy Mørck in der deutschen Minderheit in Nordschleswig. „Ich bin in Nordschleswig aufgewachsen und habe an vielen Adressen zwischen Krusau und Apenrade gelebt“, erinnert sich Mørck. Nach dem Abitur am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig probiert sich Mørck in vielen Berufen aus. Er dient in der königlichen Leibgarde, arbeitet als Bürokaufmann und in der Kommunalverwaltung im Rathaus von Lyngby. Er studiert mehrere Fächer, „aber nicht bis zum Abschluss“, wie Mørck sagt.


„Für viele Bürger ist es das Höchste der Gefühle, auf eine Demo zu gehen oder bei Facebook etwas zu posten. So sieht Revolution in der westlichen Welt aus.“

Tommy Mørck

 

 

Warum ist dein Leben so anders verlaufen ist als das der meisten Nordschleswiger?

Mit Anfang 20 eine Familie gründen, Kinder kriegen, ins eigene Haus ziehen, Karriere machen – für ihn nicht der richtige Weg, sagt Mørck. „Das will ich gar nicht verurteilen. Aber es sind oft Grenzen vorgegeben, die man nicht überwinden möchte. Es ist schwer, aus dieser Lebensart auszubrechen, wenn alle es von dir erwarten. Für mich war es kein befriedigendes Leben. Ich wollte mehr.“

 

Sind dir deine Mitbürger im eigenen Land fremd geworden?

„Ich kann diese Lebensart verstehen, ich will sie aber nicht teilen. Für viele Bürger ist es das Höchste der Gefühle, auf eine Demo zu gehen oder bei Facebook etwas zu posten. So sieht Revolution in der westlichen Welt aus. Nichts gegen Demos. Aber durch Demonstrieren alleine hat sich noch selten etwas geändert. Die Demo kann nur ein erster Schritt sein. Man muss auch mal etwas tun, um Dinge zu verändern. Aber die Leute posten ihre Unzufriedenheit, ihren Aufruhr, bei Facebook und haben dann das Gefühl, etwas getan zu haben. Doch tatsächlich haben sie nicht sonderlich viel getan.“

 

In Dänemark rede man am liebsten über das Wetter und über den Nachbarn, sagt Mørck. „Bloß keine Konflikte. Bloß keine Diskussion, an deren Ende man sich nicht einig wird!“ Für Mørck gibt es nicht nur Schwarz oder Weiß. „Nehmen wir das Beispiel Kindersoldaten. Auch bei der YPG gibt es Kindersoldaten, die beispielsweise 15 Jahre alt sind. Warum ist das so? Da unten herrscht ein irres Chaos, für mache Kinder und Jugendlichen ist die YPG die einzige Möglichkeit, um Essen und Gemeinschaft zu kriegen, nachdem ihre Familie ausgerottet worden ist. Die YPG schickt diese Kinder nicht an die Front, sondern setzt sie im Hinterland beispielsweise als Fahrer ein. Wo ist da die Grenze? Das muss jeder selbst bestimmen“, sagt der 39-Jährige und blickt hinaus in den dunklen Sommerhimmel über Apenrade. „Ich finde meine eigenen Grenzen. Die Leute mögen ihre finden.“
 

Interviews: Sara Wasmund und Tim Wegner/nordschleswiger.dk

Weitere Informationen zum Projekt der dänischen Organisation Okologisk Rojava, die in den kurdischen Siedlungsgebieten Syriens eine Landwirtschaftsschule nach ökologischen Richtlinien errichten will, finden Sie im Internet: www.eco-rojava.dk/the-project-idea/
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen