Globale Erwärmung : Viel Regen gefährdet besonders Menschen in Baden-Württemberg und Niedersachsen

<p>Hochwasser am Rhein: In Nordrhein-Westfalen sehen die Autoren der PIK-Studie großen Anpassungsbedarf beim Schutz vor Überschwemmungen.</p>

Hochwasser am Rhein: In Nordrhein-Westfalen sehen die Autoren der PIK-Studie großen Anpassungsbedarf beim Schutz vor Überschwemmungen.

Wegen des Klimawandels steigt weltweit die Anzahl von Überschwemmungen bedrohter Menschen dramatisch an. Auch in Deutschland.

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11. Januar 2018, 12:29 Uhr

Potsdam | USA, Teile Indiens und Afrikas, Indonesien und Mitteleuropa einschließlich Deutschland – in diesen Gebieten ist weltweit der Anpassungsbedarf beim Hochwasserschutz etwa gleich groß. Ansonsten sind dort in den nächsten Jahrzehnten viele Millionen Menschen von Überschwemmungen bedroht. So lautet die düstere Prognose einer neuen Studie des Instituts für Klimafolgenforschung in Potsdam (PIK). In Deutschland ist demnach der Anstieg der von Überschwemmungen bedrohter Menschen in Baden-Württemberg und Niedersachsen am größten.

Wegen veränderter Regenfälle als Folge der globalen Erwärmung erhöht sich laut der PIK-Studie das Risiko von Überschwemmungen. Die Klimaforscher gehen davon aus, dass ohne Maßnahmen wie Deichausbau oder Siedlungsverlagerungen die Zahl der von Hochwasser und Überschwemmungen betroffenen Menschen weiter steigen werde. In Deutschland könnte sich ihre Zahl demnach in den nächsten Jahrzehnten versiebenfachen.

„Mehr als die Hälfte der USA müssen ihr Schutzniveau innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte mindestens verdoppeln, wenn sie einen dramatischen Anstieg der Hochwasserrisiken vermeiden wollen", sagt Sven Willner, Hauptautor der Studie am PIK. Zu den Anpassungsmaßnahmen zählen laut Studie Deichausbau, ein verbessertes Flussmanagement, die Veränderung von Baustandards oder die Verlagerung von Siedlungen. Sollten diese ausbleiben, werde sich die Zahl der Menschen, die von den stärksten zehn Prozent der Hochwasserereignisse betroffen sind, vielerorts erhöhen: In Nordamerika von 0,1 auf eine Million – eine Verzehnfachung. In Deutschland könnte die Zahl von 0,1 auf 0,7 Millionen Menschen steigen, also um das Siebenfache.

Die Wissenschaftler am PIK haben die bis in die 2040er Jahre nötige Erhöhung des Hochwasserschutzes in allen Teilen der Welt berechnet, bis hinunter zu einzelnen Regionen und Städten. Die Studie berücksichtigt auch die einzelnen Bundesländer in Deutschland.

Zunahme der Menge von künftigen Überschwemmungen betroffenen Menschen in einzelnen Bundesländern (Voraussetzung: Das Schutzniveau – etwa Deiche – wird nicht ausgebaut)

Bundesland Anstieg der Zahl betroffener Menschen (100% entspricht Verdopplung)
Baden-Württemberg 1412,8 %
Bayern 292,7 %
Brandenburg 816 %
Mecklenburg-Vorpommern 204 %
Niedersachsen 1225,9 %
Nordrhein-Westfalen 628,2 %

Den größten prozentualen Anstieg von Überschwemmungen bedrohter Menschen in Deutschland gibt es laut der PIK-Studie in Baden-Württemberg und Niedersachsen. Auch Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern sind betroffen. Bei den Bundesländern, für die keine Zahl angegeben ist, haben die Berechnungen keinen signifikanten Trend bei der Zunahme betroffener Menschen ergeben. Darunter fällt auch Schleswig-Holstein.

Doch auch im nördlichsten Bundesland zeigen sich die Auswirkungen des Klimawandels. Etwa durch unter Wasser stehende Felder und Äcker. So sorgte zuletzt Sturmtief „Burglind“ vielerorts für starke Überschwemmungen. „Der Klimawandel wird in den nächsten Jahren dafür sorgen, dass sich das Wetter nochmals verschlechtert“, sagt Hans-Heinrich Gloy vom Landesverband für Wasser- und Bodenverbände. Mehr Wasser in kürzerer Zeit und steigende Grundwasserspiegel im Winter seien die Folge.

Die starken Regenfälle führen auch dazu, dass häufiger Flüsse über die Ufer treten. Mit verheerenden Folgen. So könnte die Zahl der von Hochwasserrisiken betroffenen Menschen laut der PIK-Studie in Südamerika voraussichtlich von 6 auf 12 Millionen steigen, in Afrika von 25 auf 34 Millionen, und in Asien von 70 auf 156 Millionen. Die Studie berücksichtigt noch nicht das Bevölkerungswachstum und die zunehmende Urbanisierung, wodurch die Zahl betroffener Menschen sogar noch höher ausfallen könnte.

Welche Daten wurden für die PIK-Studie ausgewertet?

Die Untersuchung basiert auf umfassenden Computersimulationen, bei denen vorhandene Daten zu Flüssen aus einer Vielzahl von Quellen verwendet wurden. „Diese Daten liegen zwar nicht für jeden Fluss in den entlegensten Winkeln unseres Planeten in höchster Präzision vor, aber sie sind hinreichend gut für all jene Orte, an denen viele Menschen leben, wo viele finanzielle Werte gebunden sind, und wo das Hochwasserrisiko erheblich ist – wir wissen also genug über die Orte, auf die es ankommt", sagt Sven Willner.

Laut Pressemitteilung des PIK stammen die Daten über Veränderungen von Niederschlägen, Verdunstung und Wasserkreisläufen aus dem weltweit größten Projekt zum Vergleich von Modellen zur Klimawirkung (ISIMIP), das von Katja Frieler am PIK koordiniert wird. Die räumliche Auflösung der neuen Studie sei etwa zehnmal höher als bei gängigen Computersimulationen des Klimas.

 

Die Gefahr zunehmender Überschwemmungen kann wohl auch nicht mehr durch Maßnahmen, die das Klima schützen sollen, eingedämmt werden. So würde die Zunahme der Hochwasserrisiken in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten allein durch die Menge an Treibhausgasen verursacht, die bereits in die Atmosphäre gebracht wurde. „Wenn wir allerdings die vom Menschen verursachte Erwärmung nicht auf deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzen, dann werden bis zum Ende unseres Jahrhunderts die Hochwasserrisiken vielerorts in einem solchen Maße ansteigen, dass Anpassung schwierig wird", sagt Anders Levermann, Co-Autor der Studie und Leiter der globalen Anpassungsforschung am PIK.

Was jetzt getan werden müsse, sei die Sicherheit der durch Überschwemmungen bedrohter Menschen zu gewährleisten. „Dazu müssen klimabedingte Risiken ernst genommen und sehr schnell Geld für Anpassung bereitgestellt werden. Wenn wir jetzt handeln, können wir uns gegen die Risiken der nächsten zwei Jahrzehnte absichern. Weiter fortschreitender Klimawandel muss jedoch durch die Abkehr von fossilen Brennstoffen begrenzt werden, um Veränderungen zu vermeiden, die unsere Anpassungsfähigkeiten übersteigen. Solange wir Kohle, Gas und Öl verbrennen, steigt die Temperatur unseres Planeten und die Gefahr nimmt zu.“

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