Griechenland vor Bankrott : Verzockt, verplant, gescheitert: Die dramatischsten Staatspleiten

Der Pleitegeier kreist über Athen.
Der Pleitegeier kreist über Athen.

Schon mehrmals in der Geschichte stürzten ganze Staaten in den finanziellen Ruin.

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15. Juni 2015, 14:14 Uhr

Die Zeit für eine Einigung wird eng: Am 30. Juni läuft das Hilfsprogramm für Griechenland auf europäischer Seite aus. Ohne Einigung droht dem Land der Staatsbankrott. Ende Juni muss Athen zudem rund 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen. Die griechische Regierung bleibe in ihrem Parallel-Universum und komme womöglich erst wieder auf dem Planeten Erde an, wenn ein Zahlungsrückstand beim IWF nicht mehr zu vermeiden sei, schrieb der Chefvolkswirt der Bank Unicredit Erik Nielsen in einem Wochenendkommentar.

Eine Staatspleite Griechenlands wäre nicht der erste Bankrott in der Geschichte. Immer wieder steckten Länder in der Finanzklemme. Um die Peinlichkeit einer öffentlichen Bankrott-Erklärung zu vermeiden, werfen Regierungen zur Verschleierung der Lage bisweilen geldpolitische Nebelwerfer an. Sie drucken immer mehr Geld, bis lästige Kredite „weginflationiert“ sind. Eine Möglichkeit, die dem Euro-Land aber nicht zusteht.

Eine Inflation geschieht auch stets auf Kosten der eigenen Bevölkerung, die in der Regel ihre ganzen Ersparnisse verliert. Wirtschaftshistoriker zählten allein im 20. Jahrhundert mehr als zwei Dutzend derartige Hyperinflationen als Notlösung für ein gewaltiges Staatsdefizit. Meist endet ein Staatsbankrott aber ganz und gar unblutig mit einem Vergleich, und die Kreditgeber stehen nicht mit leeren Händen da. Anders als zwangsvollstreckte Häuslebauer oder insolvente Handwerksbetriebe können Regierungen nach einem Staatsbankrott wieder mit neuen Geld rechnen - oft von den gleichen Financiers.

1. Argentinien und der Dollar-Kurs

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt Argentinien als eines der reichsten Länder der Erde. Und in den 1990er Jahren sah es erneut rosig aus in der großen Fußballnation. Doch was dazwischen passierte, sollte ein Finanzdesaster auslösen. Ausgerechnet das Land, dass das Silber im Namen trägt, kann seine Finanzen nicht recht beisammen halten. Nach der Präsidentschaft von Juan Peron stand das Land im ständigen Hin- und Her der politischen Systeme und musste sich in Mitte der 1980er Jahre von der Militärdiktatur und dem Falklandkrieg erholen. Die Wirtschaft kriselte und der Peso verlor rapide an Wert. Um die Inflation zu stoppen, koppelte die Regierung ihre Währung an den Dollar. Das bremste den Fall – doch auf lange Sicht zeigte sich der ungewünschte Nebeneffekt: Argentinische Produkte verteuerten sich auf dem Weltmarkt, was den Unternehmen zusetzte. Eine Rezession in Brasilien verstärkte den Effekt. Hinzu kam, dass die Menschen durch die vielen Unsicherheiten ihr Geld lieber in anderen Währungen parkten.

2001 folgte die Rechnung: Der Wirtschaftsminister musste dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gestehen, dass Argentinien das Haushaltsziel nicht erreichen würde. Eine vorgesehene Zahlung von 1,25 Milliarden Dollar blieb daraufhin aus. Die Anleger waren ohnehin durch die Anschläge vom 11. September verunsichert und nun das: Die Schreckensnachricht führte zu einem drastischen Vertrauensverlust für den Staat und so zu einer raschen Kapitalflucht, die das Bankensystem in eine tiefe Krise stürzte. Die Folgen erreichten auch die Mittelschicht: Um zu verhindern, dass Massenweise Peso in Dollar umgetauscht werden, führte der Wirtschaftsminister den sogenannten Corralito ein: es durften nicht mehr als 250 Peso pro Woche abgehoben werden. Das Volk ging auf die Straße – 28  Menschen starben bei Demonstrationen. Argentinien erklärte seine Zahlungsunfähigkeit.

Wirtschaftsexperten plädierten für eine Abwertung des Peso. Die Wirtschaft erholte sich nach und nach und die argentinische Industrie wurde durch Exporte gestärkt. Doch das Land ist nach wie vor gezeichnet von der Finanzkrise: Die Kaufkraft der Mittelschicht litt stark, die Armut verstärkte sich. Seit dem 30. Juli 2014 befindet sich Argentinien wieder im Zahlungsverzug auf umgeschuldete Anleihen aus dem letzten Staatsbankrott von 2001. Argentinien darf nach einem Gerichtsurteil andere Gläubiger nicht bedienen, solange es seine Schulden bei New Yorker Hedgefonds nicht beglichen hat. Das Land ist deshalb zahlungsunfähig. In ihrer Rede vor der UN-Generalversammlung in New York beschimpfte die argentinische Staatschefin die Investoren als „wirtschaftliche Terroristen, die Armut, Elend und Hunger bringen“. Diese „Geier-Fonds“ seien nicht nur eine Bedrohung für ihr Land, sondern für die ganze Welt.

2. Belize: Steuerparadies im Schuldendschungel

Ende 2012 endete der Kalender der Maya. Ein regelrechter Hype um das Ende der Welt machte sich auch dank eines Kinofilms breit – und finanziell gesehen standen die Nachfahren der Maya einer weniger filmreifen Finanzkrise gegenüber. Die Schulden des kleinen Staats Belize waren einfach immer weiter gewachsen. Belize ist seit vielen Jahren hoch verschuldet und muss einen erheblichen Teil seines Haushalts zum Abstottern der Zinsen aufbringen. Mitte 2011 betrug der Anteil der Staatsschulden am Bruttosozialprodukt satte 85 Prozent. 15 Prozent des Staatshaushaltes wurden zur Schuldentilgung verwendet. Im Jahr des vermeintlichen Weltuntergangs war einmal mehr die halbjährige Zinsrate in Höhe von 23 Millionen Dollar fällig – Belize hat eine Anleihe über 547 Millionen Dollar mit einer Laufzeit bis 2029. Zu viel für Belize. Die Zinsen wurden einfach nicht gezahlt, worauf die Ratingagenturen den „Default“, also den Staatsbankrott feststellten und das Rating für lang- und kurzfristige Fremdwährungsschulden auf D änderten.

Zuvor stellte Belize die Zinszahlungen auf seine Staatsschuld schon einmal ein: 2003 – nachdem ein Hurrikan das Land verwüstet hatte. Geld ist im Land schon vorhanden – im großen Stil wird es als Steuerparadies genutzt. Auch Fußballstar Lionel Messi soll einen Teil seiner Werbeeinnahmen durch die Hände von Scheinfirmen in Belize fließen lassen haben. Doch offenbar kommen die versteckten Millionen nicht im Staatshaushalt an. Auch die britische Krone hilft nicht unbedingt weiter. Erst 1981 wurde das mittelamerikanische Land unabhängig von der Kolonialmacht Großbritannien und ist eine parlamentarische Monarchie im Commonwealth.

3. Island und die Banken

Die weltweite Finanzkrise im Jahr 2008 setzte massiv Island zu. Das Problem: Die Finanzprobleme wirkten wie ein Sog auf das kleine Land. Island verstaatlichte seine drei größten Banken (Kaupthing, Landsbanki und Glitnir) und weigerte sich, deren Verbindlichkeiten zu bedienen. Denn die Banken hinterließen nach der Verstaatlichung einen Schuldenberg vom Zehnfachen der bisherigen jährlichen Wirtschaftsleistung Islands. So wurde eine fällige Anleihe der Glitnir Bank nicht zurückgezahlt, ausländischen Sparern wurden Spareinlagen nicht zurückgezahlt. Damit gab es in Island faktisch einen Staatsbankrott. Eine formale Zahlungsunfähigkeit bestand jedoch nicht, da die Anleihe nicht vom Staat selbst herausgegeben wurde. Ein milliardenschweres Rettungspaket und ein Konsolidierungskurs brachten die Finanzwirtschaft wieder in ruhigeres Fahrwasser. Die isländische Finanzkrise wurde mit dem Auslaufen der internationalen Rettungsaktion am 31. August 2011 offiziell als beendet erklärt.

4.  Deutschland und die Kriegsfolgen

Deutschland - samt seiner Vorläuferstaaten wie Preußen - dürfte es auf stattliche acht Pleiten gebracht haben, drei mehr als Griechenland. Zuletzt haben die Weltkriege Deutschland in finanzielle Notlagen gebracht. 1923 war Deutschland als Spätfolge des Ersten Weltkriegs bankrott. Es war das Jahr der hungernden Milliardäre, als viele unterernährt waren und ein Brot mehr als 100 Milliarden Reichsmark kostete.Rund 2000 Notenpressen druckten immer mehr Nullen auf das Papier, bis nach Monaten eine neu geschaffene Rentenmark dem wertlosen Altpapierhaufen von einer Billion Reichsmark entsprach. Die schwere Inflation folgte auf die Finanzierung des Krieges durch Kriegsanleihen: 60 Prozent der Kriegskosten wurden dadurch gezahlt. Hinzu kamen die Reparationszahlungen nach dem Krieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland erneut bankrott, weil  Hitler den Krieg mit der Notenpresse finanziert hatte. Außerdem war die deutsche Wirtschaft erheblich zerstört – und dem Geld stand ein deutlich kleineres Warenangebot als vor dem Krieg gegenüber. 1948 erfolgte zunächst in der West-, dann in der Ostzone eine Währungsreform.

5. Spanien ist Weltmeister

Den unrühmlichen „Weltrekord“ hält Spanien mit gleich 13 Bankrotten. Davon kommen vier Insolvenzen auf König Philipp II., der sein Weltreich von 1556 bis 1598 beherrschte. Wuchsen ihm die Kosten seiner Kriege über den Kopf, erklärte er die royale Pleite. Philipp zahlte Kredite nicht zurück, sanierte so seine Finanzen, hielt die leere Hand wieder auf und bekam sie erneut gefüllt.

6. Neufundland wird Provinz

Das heute kanadische Neufundland büßte mit der Zahlungsunfähigkeit seine Unabhängigkeit ein. Es ist eines der wenigen Beispiele in der Geschichte für einen Staatsbankrott, dem der Verlust der staatlichen Souveränität folgte. Neufundland war von 1907 bis 1934 eine eigenständige Dominion im Britischen Empire. Doch in den 1920er Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation immer mehr. Die Weltwirtschaftskrise brachte das angezählte Land endgültig ins Straucheln. Am 5. April 1932 kam es zu einer gewalttätigen Demonstration von 10.000 Menschen vor dem Regierungsgebäude – der Premierminister floh. Die nächste Regierung bat die britische Regierung, die Herrschaft zu übernehmen, bis sich die Wirtschaft Neufundlands wieder stabilisiert hätte. Die eingesetzte königliche Kommission kam zu dem Schluss, dass die politische Kultur an einer ihr innewohnenden tiefgreifenden Korruption litt und die wirtschaftlichen Aussichten düster beurteilt werden mussten. Sie empfahl der Regierung die Selbstauflösung. 1933 übernahm eine britische Kommission die vorläufigen Regierungsgeschäfte. Neufundland kehrte auf den Status einer Kronkolonie zurück. 1948 wählten die Bürger in einer Volksabstimmung den Anschluss an Kanada.

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