Griechischer Finanzminister bei Jauch : Varoufakis und die Echtheit des Stinkefingers

Um diese Szene aus dem Mai 2013 geht's: Yanis Varoufakis bei einer Konferenz in Zagreb.
Um diese Szene aus dem Mai 2013 geht's: Yanis Varoufakis bei einer Konferenz in Zagreb.

Der griechische Finanzminister spricht bei Jauch. Viel. Am Tag danach reden alle über eine zwei Jahre alte Geste.

shz.de von
16. März 2015, 10:58 Uhr

Varou-Fake, Mittelfingergate: Yanis Varoufakis neues Problem mit den Deutschen hat verschiedene Namen. Es geht um seine Glaubwürdigkeit. Am Sonntagabend war der griechische Finanzminister in Günther Jauchs Polit-Talk in der ARD zu sehen - zugeschaltet aus Athen. Vielleicht auch deshalb redete er im Vergleich zu den anderen Gästen in der Show - Bild-Kommentator Ernst Elitz, der bayerische Finanzminister Markus Söder und taz-Wirtschaftskorrespondentin Ulrike Herrmann verhältnismäßig viel. Er sprach lammfromm von der Einheit Europas und philosophierte über die europäische Idee. Er erwähnte „kleine Liquiditätsprobleme“ Griechenlands - und selbst damit machte er eine gute Figur. „Hören wir auf, mit Moralin aufeinander zu spritzen“, sagte er. Und dann: der Mittelfinger.

Jauch spielte ein Video ein, das Varoufakis im Mai 2013 bei einem Vortrag in Zagreb zeigt. Damals war Varoufakis als Wirtschaftsprofessor bei der Konferenz. Das Youtube-Video zeigt, wie Yanis Varoufakis den Stinkefinger zeigt. Im Video ist diese Szene ab Minute 40:20 zu sehen.

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Allein seine Aussagen bergen aber schon politischen Zündstoff. Varoufakis verwies nämlich bei dem Auftritt in Zagreb darauf, dass er nach dem Ausbruch der Krise vorgeschlagen habe, Griechenland solle im Januar 2010 so wie Argentinien seine Zahlungsunfähigkeit erklären. Dabei solle das Land aber in der Eurozone bleiben - „und damit Deutschland den Finger zeigen und sagen: Ihr könnt das Problem jetzt selbst lösen“.

Varoufakis Reaktion bei Jauch: rundheraus abstreiten. Diese Geste habe er nie gemacht, der Mittelfinger sei in das Video montiert worden, Jauchs Redaktion sei auf ein Fake hereingefallen. „Doctored", nennt der Minister das Video.

Die Reaktion von Günther Jauch auf Varoufakis Empörung als GIF.

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>The reaction of this German presenter to <a href="https://twitter.com/yanisvaroufakis">@yanisvaroufakis</a> is one for the ages. Gif via <a href="https://twitter.com/LorcanRK">@LorcanRK</a> <a href="http://t.co/w9cEG2iDyA">pic.twitter.com/w9cEG2iDyA</a></p>&mdash; Joseph Weisenthal (@TheStalwart) <a href="https://twitter.com/TheStalwart/status/577265060759887872">March 16, 2015</a></blockquote>

Wer lügt, wer hat Recht? Die Produktionsfirma von Günther Jauch sagt am Tag nach der Live-Sendung: Das Stinkefinger-Video ist allem Anschein nach echt. Nach bisherigem Kenntnisstand gebe es keinerlei Anzeichen von Manipulation oder Fälschung im Video, erklärt die Redaktion des ARD-Talkrunde. Die Redaktion lasse aber weiterhin durch mehrere Netzexperten die Echtheit des Videos prüfen. Auch der für den Talk zuständige Norddeutsche Rundfunk (NDR) teilte auf Anfrage mit, er prüfe.

Schon seit Montagnacht ließen verschiedene Medien die Echtheit des Videos von Experten belegen, zum Beispiel die Bild.

Auch bei Twitter zweifeln viele an der Glaubwürdigkeit des griechischen Ministers:

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>Tag 1 nach dem &quot;<a href="https://twitter.com/hashtag/Fingergate?src=hash">#Fingergate</a>&quot; bei <a href="https://twitter.com/hashtag/GUENTHERJAUCH?src=hash">#GUENTHERJAUCH</a>  <a href="https://twitter.com/hashtag/Varoufakis?src=hash">#Varoufakis</a> <a href="http://t.co/IxM4uix1i3">pic.twitter.com/IxM4uix1i3</a></p>&mdash; hr-iNFO (@hrinfo) <a href="https://twitter.com/hrinfo/status/577351781996490752">March 16, 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>Really don&#39;t think this is doctored <a href="https://twitter.com/hashtag/Varoufakis?src=hash">#Varoufakis</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/StickTheFingerToGermany?src=hash">#StickTheFingerToGermany</a> <a href="https://t.co/787rQa4yN3">https://t.co/787rQa4yN3</a> <a href="https://twitter.com/TheStalwart">@TheStalwart</a> <a href="http://t.co/ZwBxXzZAzq">pic.twitter.com/ZwBxXzZAzq</a></p>&mdash; Lorcan Roche Kelly (@LorcanRK) <a href="https://twitter.com/LorcanRK/status/577224371342872577">March 15, 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>Ich zeig heut dem Chef den Mittelfinger&#10;&#10;...aber ich bin schlau..&#10;&#10;...hinterher sag ich das ich das gar nicht war!&#10;&#10;<a href="https://twitter.com/hashtag/Varoufakis?src=hash">#Varoufakis</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Fingergate?src=hash">#Fingergate</a></p>&mdash; MadMamacita (@Wow_MrsMom) <a href="https://twitter.com/Wow_MrsMom/status/577365912824737792">March 16, 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>Wer <a href="https://twitter.com/hashtag/Varoufakis?src=hash">#Varoufakis</a> live erlebt hat, verliert letzte Illusionen: viele Worte, nichts sagen, keine Hinweise auf Tun <a href="https://twitter.com/hashtag/Jauch?src=hash">#Jauch</a></p>&mdash; Reinhart Gruhn (@rgruhn) <a href="https://twitter.com/rgruhn/status/577361539499442177">March 16, 2015</a></blockquote>

Ob Fake oder nicht - auch an der ARD-Redaktion gibt es Kritik, angeführt vom Medien-Blogger Stefan Niggemeier, der vor allem eins kritisiert: „Die Redaktion von ,Günther Jauch' tat so, als spreche Varoufakis von der Gegenwart. Sie blendete zwar — kurz — die Zeitangabe ,Mai 2013' ein. Aber sie verkürzte den Ausschnitt entscheidend und stellte die Aussagen in einen ganz anderen, falschen Kontext.“

Und noch mehr wird moniert:

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p><a href="https://twitter.com/hashtag/Varoufakis?src=hash">#Varoufakis</a> lügt live vor Millionenpublikum - und die <a href="https://twitter.com/hashtag/Jauch?src=hash">#Jauch</a>-Redaktion schafft es nicht, ihn live der Lüge zu überführen. Verpasste Chance!</p>&mdash; Mike Powelz (@mikepowelz) <a href="https://twitter.com/mikepowelz/status/577376947904327680">March 16, 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>Now the German media will discuss Varoufakis&#39; middle finger rather than EZ policies. Great.</p>&mdash; Christian Odendahl (@COdendahl) <a href="https://twitter.com/COdendahl/status/577224175145885697">March 15, 2015</a></blockquote>

Varoufakis-Fans gibt es aber genauso:

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>Varoufakis hat <a href="https://twitter.com/hashtag/Jauch?src=hash">#Jauch</a> und <a href="https://twitter.com/hashtag/S%C3%B6der?src=hash">#Söder</a> alt aussehen lassen. Viele wahre Worte und eine hervorragende Rhetorik.</p>&mdash; Fabian Keppler (@KepplerStobrawe) <a href="https://twitter.com/KepplerStobrawe/status/577383072053727232">March 16, 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>Lese <a href="https://twitter.com/hashtag/Varoufakis?src=hash">#Varoufakis</a> war gestern bei <a href="https://twitter.com/hashtag/Jauch?src=hash">#Jauch</a>. Hat er die Million gewonnen?</p>&mdash; Manfred Kopielski (@MKopielski) <a href="https://twitter.com/MKopielski/status/577372205799079936">March 16, 2015</a></blockquote>

Und dann sind da natürlich diejenigen, die sich Inhalte statt Bildsprache wünschen.

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>Gestern hatte Varoufakis die Chance, Tausender tendenziöser Beiträge zu zermalmen. Stattdessen diskutieren wir über eine &quot;Mittelfinger-Lüge&quot;</p>&mdash; egghat (@egghat) <a href="https://twitter.com/egghat/status/577386295825149952">March 16, 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p><a href="https://twitter.com/hashtag/ProCamera?src=hash">#ProCamera</a> Mein <a href="https://twitter.com/hashtag/Varoufakis?src=hash">#Varoufakis</a> ist defekt! <a href="http://t.co/hZcgVvbX0A">pic.twitter.com/hZcgVvbX0A</a></p>&mdash; Philipp Braun (@philippbraun901) <a href="https://twitter.com/philippbraun901/status/577384709887533056">March 16, 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>War doch eigentlich klar, dass man mit erhobenem Zeigefinger nicht Kanzler wird - <a href="https://twitter.com/hashtag/Jauch?src=hash">#Jauch</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Varoufakis?src=hash">#Varoufakis</a> <a href="http://t.co/6AA2dqlY8s">pic.twitter.com/6AA2dqlY8s</a></p>&mdash; Daniel-C Schmidt (@dcschmidt) <a href="https://twitter.com/dcschmidt/status/577376708799647744">March 16, 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="en"><p>Das mit <a href="https://twitter.com/hashtag/Varoufakis?src=hash">#Varoufakis</a> ist doch nur ein Skandal weil er den Mittelfingermittwoch nicht beachtet hat, oder?</p>&mdash; Hipsterfitter (@hipsterfitness) <a href="https://twitter.com/hipsterfitness/status/577366038444138496">March 16, 2015</a></blockquote>

Übrigens: Die Stinkefinger-Geste geht zurück auf die Antike. „Es ist eine eindeutig sexualisierte Geste, ein Phallussymbol als Drohgebärde“, erklärte der Tübinger Rhetorik-Experte Alexander Baur einmal erklärt. Als „feindliche Geste“ beschrieben ihn die Wissenschaftler Jesse Chandler und Norbert Schwarz in der Fachzeitschrift „Journal of Experimental Social Psychology“. Sie verorteten seine Ursprünge im alten Griechenland. Auch juristisch ist der Stinkefinger nicht ohne. Als Beleidigung etwa im Straßenverkehr kann er in Deutschland bis zu 4000 Euro kosten.

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