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Griechischer Finanzminister bei Jauch : Varoufakis und die Echtheit des Stinkefingers

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Der griechische Finanzminister spricht bei Jauch. Viel. Am Tag danach reden alle über eine zwei Jahre alte Geste.

shz.de von
erstellt am 16.Mär.2015 | 10:58 Uhr

Varou-Fake, Mittelfingergate: Yanis Varoufakis neues Problem mit den Deutschen hat verschiedene Namen. Es geht um seine Glaubwürdigkeit. Am Sonntagabend war der griechische Finanzminister in Günther Jauchs Polit-Talk in der ARD zu sehen - zugeschaltet aus Athen. Vielleicht auch deshalb redete er im Vergleich zu den anderen Gästen in der Show - Bild-Kommentator Ernst Elitz, der bayerische Finanzminister Markus Söder und taz-Wirtschaftskorrespondentin Ulrike Herrmann verhältnismäßig viel. Er sprach lammfromm von der Einheit Europas und philosophierte über die europäische Idee. Er erwähnte „kleine Liquiditätsprobleme“ Griechenlands - und selbst damit machte er eine gute Figur. „Hören wir auf, mit Moralin aufeinander zu spritzen“, sagte er. Und dann: der Mittelfinger.

Jauch spielte ein Video ein, das Varoufakis im Mai 2013 bei einem Vortrag in Zagreb zeigt. Damals war Varoufakis als Wirtschaftsprofessor bei der Konferenz. Das Youtube-Video zeigt, wie Yanis Varoufakis den Stinkefinger zeigt. Im Video ist diese Szene ab Minute 40:20 zu sehen.

Allein seine Aussagen bergen aber schon politischen Zündstoff. Varoufakis verwies nämlich bei dem Auftritt in Zagreb darauf, dass er nach dem Ausbruch der Krise vorgeschlagen habe, Griechenland solle im Januar 2010 so wie Argentinien seine Zahlungsunfähigkeit erklären. Dabei solle das Land aber in der Eurozone bleiben - „und damit Deutschland den Finger zeigen und sagen: Ihr könnt das Problem jetzt selbst lösen“.

Varoufakis Reaktion bei Jauch: rundheraus abstreiten. Diese Geste habe er nie gemacht, der Mittelfinger sei in das Video montiert worden, Jauchs Redaktion sei auf ein Fake hereingefallen. „Doctored", nennt der Minister das Video.

Die Reaktion von Günther Jauch auf Varoufakis Empörung als GIF.

Wer lügt, wer hat Recht? Die Produktionsfirma von Günther Jauch sagt am Tag nach der Live-Sendung: Das Stinkefinger-Video ist allem Anschein nach echt. Nach bisherigem Kenntnisstand gebe es keinerlei Anzeichen von Manipulation oder Fälschung im Video, erklärt die Redaktion des ARD-Talkrunde. Die Redaktion lasse aber weiterhin durch mehrere Netzexperten die Echtheit des Videos prüfen. Auch der für den Talk zuständige Norddeutsche Rundfunk (NDR) teilte auf Anfrage mit, er prüfe.

Schon seit Montagnacht ließen verschiedene Medien die Echtheit des Videos von Experten belegen, zum Beispiel die Bild.

Auch bei Twitter zweifeln viele an der Glaubwürdigkeit des griechischen Ministers:

Ob Fake oder nicht - auch an der ARD-Redaktion gibt es Kritik, angeführt vom Medien-Blogger Stefan Niggemeier, der vor allem eins kritisiert: „Die Redaktion von ,Günther Jauch' tat so, als spreche Varoufakis von der Gegenwart. Sie blendete zwar — kurz — die Zeitangabe ,Mai 2013' ein. Aber sie verkürzte den Ausschnitt entscheidend und stellte die Aussagen in einen ganz anderen, falschen Kontext.“

Und noch mehr wird moniert:

Varoufakis-Fans gibt es aber genauso:

Und dann sind da natürlich diejenigen, die sich Inhalte statt Bildsprache wünschen.

Übrigens: Die Stinkefinger-Geste geht zurück auf die Antike. „Es ist eine eindeutig sexualisierte Geste, ein Phallussymbol als Drohgebärde“, erklärte der Tübinger Rhetorik-Experte Alexander Baur einmal erklärt. Als „feindliche Geste“ beschrieben ihn die Wissenschaftler Jesse Chandler und Norbert Schwarz in der Fachzeitschrift „Journal of Experimental Social Psychology“. Sie verorteten seine Ursprünge im alten Griechenland. Auch juristisch ist der Stinkefinger nicht ohne. Als Beleidigung etwa im Straßenverkehr kann er in Deutschland bis zu 4000 Euro kosten.

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