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Ausstieg Großbritanniens aus der EU : Urlaub, Autos, Wohnungsmarkt: Was der Brexit den Verbrauchern bringt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Folgt auf den Brexit die große Schnäppchenjagd? Der Kursverfall des Pfunds hat Folgen. Auch beim Reisen könnte sich einiges ändern.

shz.de von
erstellt am 27.Jun.2016 | 10:01 Uhr

London | Noch ist Großbritannien in der EU - noch am Montag aber will die EU-Kommission über die Konsequenzen des Brexits beraten. Trotzdem gibt es Warnungen: Der US-Star-Investor George Soros sagt beispielsweise voraus, der Brexit habe schwerwiegende Folgen für jeden von uns – „sofort und dramatisch“. Auf was muss sich der deutsche Verbraucher einstellen? Eine Übersicht.

Pass oder Visum für die Reise nach Großbritannien?

 

Schon heute gibt bei der Einreise nach Großbritannien strengere Kontrollen als in vielen Teilen der EU – denn Großbritannien ist nicht Mitglied des Schengener Abkommens. Die beteiligten Staaten verzichten in aller Regel bis auf Stichproben auf Passkontrollen an ihren gemeinsamen Grenzen. Wer auf die britische Inseln fährt, muss also wenigstens den Personalausweis vorzeigen. „Und daran wird sich auch künftig erst mal nichts ändern“, erklärt Bernd Krieger, Leiter des Zentrums für Europäischen Verbraucherschutz Deutschland.

Nicht auszuschließen ist allerdings, dass nach Ablauf des EU-Vertrages in zwei Jahren sogar Reisepass und Visum nötig sind. Es könnte zum Beispiel weitergehen wie in der Schweiz, die ebenfalls kein EU-Mitglied ist: Dort dürfen sich EU-Bürger bis zu 90 Tage visumfrei in dem Land aufhalten. Das gilt auch für Norwegen. Aber: Laut dem Auswärtigen Amt erkennen viele Behörden und Banken den EU-Personalausweis in Norwegen nicht an. Hier empfiehlt das Ministerium daher bei einem längeren Aufenthalt einen Reisepass.

Schließen die Briten mit der Rest-EU allerdings nur ein Freihandelsabkommen, das den freien Personenverkehr sowie eine Dienstleistungsfreiheit ausschließt, würde das nationale Einwanderungsgesetz greifen. Damit könnten EU-Bürger ein Visum für den Umzug, möglicherweise sogar für eine Urlaubsreise auf die Insel benötigen.

Wird der England-Urlaub jetzt billiger?

Der Aufenthalt in London wird für EU-Urlauber günstiger, doch die Flugpreise könnten steigen.
Der Aufenthalt in London wird für EU-Urlauber günstiger, doch die Flugpreise könnten steigen. Foto: Fotolia
 

Es kommt darauf an. Wenn der am Freitag begonnene Kursverfall des britischen Pfundes sich fortsetzt, wird der Aufenthalt für Deutsche in England günstiger. Für ein Britisches Pfund muss man wenige Euro zahlen. Trotzdem könnten die Flugpreise steigen. Davon geht zumindest Ryanair-Chef Michael O’Leary aus. Denn die Regeln für den Flugverkehr müssen neu verhandelt werden. Für EU-Mitglieder gilt seit 1992: Jede europäische Airline kann in jedes EU-Land fliegen. Das könnte Billig-Airlines, die vom europäischen Luftverkehrsbinnenmarkt bislang profitieren und für mehr Wettbewerb und damit niedrigere Preise sorgen, jetzt verwehrt werden. Preissteigerungen für Tickets sind laut O’Leary „keine Spekulation, das ist Gewissheit“.

Gelten die Fahrgastrechte auch beim Trip ins Königreich?

 

„Das kann man im Moment gar nicht sagen“, erklärt Krieger. Die EU-Leitlinien sprechen Reisenden bei Verspätung oder Annullierung eine Entschädigung zu, wenn sie mit dem Zug oder Flugzeug innerhalb sowie aus der oder in die EU reisen. Ansprüche hat man nur, wenn man von einem Flughafen in der EU abfliegt oder mit einer EU-Fluglinie in einem Mitgliedsland ankommt. Das heißt zum Beispiel: Fliegt man mit einer Nicht-EU-Fluglinie wie künftig British Airways von Großbritannien in die USA und verspätet sich stark, gebe es künftig keine gesetzlich zugesicherten Ersatzleistungen mehr.

Etwas anders sieht es aus, wenn es sich dabei um einen Anschlussflug handelt. Verpasst man etwa den Flieger, weil ein im Zusammenhang mit dem USA-Flug gebuchter Zubringer aus Deutschland nach Großbritannien zu spät ankommt, gibt es weiterhin eine Entschädigung. Denn man kommt aus einem EU-Land. Weiterhin Leistungen bekommt man auch, wenn man aus den USA nach London mit einer Airline fliegt, die ihren Sitz in der EU hat. Möglich ist, dass Großbritannien die Fahrgastrechte aus Eigeninteresse auch weiterhin einhält. So garantieren laut Krieger etwa auch Island und Norwegen als Nicht-EU-Mitglieder die gleichen Fahrgastrechte wie die Staatengemeinschaft, denn sie gehören dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) an. Krieger rechnet sogar mit einem britischen Abkommen mit der EU, denn sonst schade es den Briten selbst.

Gibt es Auswirkungen auf den deutschen Wohnungsmarkt?

 

Ausgeschlossen wird das nicht. Analysten gehen davon aus, dass jetzt deutlich mehr ausländische Investoren in den deutschen Immobilienmarkt einsteigen. Wer bisher in London Wohnungen und Häuser als Geldanlage gekauft hat, weicht womöglich auf Berlin, München oder Hamburg aus. Dahinter steht die Furcht, dass jetzt die Londoner Immobilienblase platzen könnte. Dort gilt der Markt schon jetzt als überhitzt.

Werden englische Autos und schottischer Whisky teurer? Was wird billiger?

Wenn Schottland sich abspaltet  und in der EU bleibt, ändert sich beim Whisky nichts.
Wenn Schottland sich abspaltet und in der EU bleibt, ändert sich beim Whisky nichts. Foto: dpa
 

Nein. Anbieter wie Jaguar, Land Rover, Mini oder Rolls-Royce haben im Vorfeld der Abstimmung lautstark vor einem Brexit gewarnt. Schließlich ist die EU für die britische Autoproduktion der wichtigste Exportmarkt. Auch hier gilt: Hält der am Wochenende eingeleitete Kursverlust des britischen Pfundes an, werden Waren aus dem Königreich für die anderen Europäer zunächst günstiger – und das gilt auch für den Whisky. Die Spirituose ist mit Abstand das wichtigste Exportgut im Bereich Getränke und Lebensmittel Großbritanniens. Weitere beliebte Produkte sind Orangenmarmelade und Weingummi. Doch auch über niedrige Preise für britische Serien und britische Kleidung können sich Verbraucher derzeit freuen.

Andererseits ist denkbar, dass auch wieder Zölle eingeführt werden - das wiederum würde die Preise wieder ansteigen lassen.

Momentan macht der Export von Gütern und Dienstleistungen in die EU rund 15 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts aus.

Worauf müssen sich Studenten auf der Insel einstellen?

 

Durch den Brexit werden die Studienmöglichkeiten von Nicht-Briten auf der Insel stark einschränkt. Der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD glaubt sogar, dass damit das Erasmus-Austauschprogramm in Großbritannien infrage gestellt wird. „Wenn die Personenfreizügigkeit eingeschränkt wird, dann lässt sich das Erasmus-Programm als solches gar nicht aufrechterhalten“, sagte DAAD-Referent Markus Symmank im Deutschlandfunk.

Allein aus Deutschland studieren gut 15.700 junge Menschen vollständig an britischen Unis. Weit mehr als 4500 kamen zuletzt über das Erasmus-Programm für einen Austausch. Womöglich wird es auch teurer. Noch bezahlen Studenten, etwa aus Deutschland, dieselben Studiengebühren wie ihre britischen Kommilitonen. Verabschiedet sich das Königreich aber aus der Gemeinschaft, würden EU-Bürger vermutlich wie internationale Studenten außerhalb der Union behandelt – und für die sind die Gebühren deutlich höher. Konkret: Statt etwa 9000 Pfund würde ein Master auf der Insel bald das Doppelte kosten.

Weiter günstig mit der Queen telefonieren?

 

Die Roaming-Gebühren fürs Telefonieren und Surfen mit dem Handy im Ausland werden im Sommer 2017 EU-weit abgeschafft. Für Großbritannien müssen die Telekommunikationsunternehmen diese Brüsseler Vorgaben aber nicht umsetzen. Die Praxis in anderen nicht zur EU gehörigen Ländern in Europa zeigt, dass davon auch Gebrauch gemacht wird.

Wie steht es mit der Gesundheitsversorgung?

 

Hier ändert sich in den kommenden zwei Jahren zunächst für Urlauber nichts. Bis zum endgültigen Vollzug der Scheidung übernehmen die Krankenkassen weiterhin die Kosten für eine medizinisch notwendige Versorgung. Voraussetzung ist, dass der Reisende sich einen Arzt sucht, der für den National Health Service (NHS) arbeitet. Was nach der Übergangsfrist gilt, muss neu verhandelt werden. Somit ist noch nicht klar, ob der Status quo danach erhalten bleibt.

 

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