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Verlängerung der Zulassung in der EU : Unkrautvernichter Glyphosat doch nicht krebserregend?

vom

Am Donnerstag soll über die weitere Zulassung des Pflanzenschutzmittels entschieden werden. In der Bundesregierung sind die Fronten verhärtet.

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2016 | 10:38 Uhr

Berlin | Wie gefährlich ist Glyphosat? Die Meinungen sind geteilt. Und: Vor der EU-Entscheidung über die Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat bleiben die Fronten innerhalb der Bundesregierung verhärtet. In der Auseinandersetzung über eine mögliche Krebsgefahr durch das Mittel bekräftigte Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) seine Vorwürfe gegenüber Umweltministerin Barbara Hendricks und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (beide SPD). Für die „Rolle rückwärts“ der Kollegen bei der Zulassungsverlängerung habe er kein Verständnis, sagte Schmidt der „Süddeutschen Zeitung“. Die SPD-Minister wollen einer Verlängerung der Zulassung für Glyphosat in der EU nicht zustimmen - damit müsste sich Deutschland in Brüssel der Stimme enthalten.

Der Unkrautvernichter Glyphosat sorgt immer wieder für Schlagzeilen: zuletzt, als Spuren davon in Bier nachgewiesen worden waren. Die Verbraucher sind angesichts verschiedener Studien verunsichert.

Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Herbizid und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Eine jüngste Studie zweier UN-Organisationen sieht dafür keine Belege. Die EU-Zulassung für den Wirkstoff endet am 30. Juni. Der EU-Ausschuss für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit will voraussichtlich am Donnerstag entscheiden, ob die Zulassung verlängert werden soll oder nicht. In dem Ausschuss sitzen Vertreter der 28 Mitgliedstaaten.

Hintergrund: Wo und wie wird Glyphosat eingesetzt?

Glyphosat wird seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre weltweit zur Unkrautbekämpfung eingesetzt – in der Landwirtschaft, der Industrie und auch in privaten Haushalten – in Deutschland auf rund 40 Prozent der Felder. Bundesweit wurden laut Umweltbundesamt im Jahr 2012 knapp 6000 Tonnen reine Wirkstoffmenge aufgebracht.

Das Breitbandherbizid hemmt ein für das Wachstum der Pflanze wichtiges Enzym. Nutzpflanzen können mittels Gentechnik eine Resistenz gegen Glyphosat erhalten. In Deutschland spielen diese Pflanzen allerdings keine Rolle. Die deutsche Landwirtschaft setzt das Pestizid um die Aussaat herum, zwischen Ernte der Winterfrucht und Aussaat der Sommerfrucht ein. Stark eingeschränkt auch vor der Ernte.

2015 wurde Glyphosat von mindestens 91 Chemieunternehmen in 20 Ländern hergestellt und in über 130 Ländern verkauft. Bekannte Unkrauftvernichter mit Glyphosat heißen „Round Up“ (Monsanto), „Glyfos“ (Cheminova) oder „Touchdown“ (Syngenta). Dabei werden Glyphosat oft noch Beistoffe zugemischt. Diese Stoffe sind nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zum Teil giftiger als das Glyphosat selbst.

Der Stoff steht im Verdacht, krebserregend zu sein, allerdings sind die Forschungsergebnisse unter Experten umstritten. Zuletzt fanden sich in einer Studie zweier UN-Organisationen keine Hinweise darauf, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme zu genetischen Zellveränderungen führt. Rückstände des Giftes lassen sich in Tierfutter, Brot, Bier, Wein, Saft und auch im Urin von Menschen nachweisen.

 

Landwirtschaftsminister Schmidt warf seinen SPD-Kollegen Unzuverlässigkeit vor. „Es gab längst eine abgestimmte Regierungsposition mit dem Ziel einer Zulassung“, sagte Schmidt. Die Begründung von Ministerin Hendricks sei umso weniger verständlich, da alle ihre Forderungen in den neuen Verordnungsentwurf aufgenommen wurden. Hendricks verlangt, es müsse erst zweifelsfrei geklärt werden, ob Glyphosat gesundheitlich unbedenklich sei.

Der am Montag bekanntgewordene Entwurf eines Glyphosat-Berichts zweier UN-Organisationen bestätigt den Krebsverdacht nicht. Tiertests mit für Menschen relevanten Dosen des Mittels hätten gezeigt, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme nicht zu genetischen Zellveränderungen führe. In dem Bericht werden Ergebnisse eines Arbeitstreffens von Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zusammengefasst. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass es bei Tests mit Mäusen bei sehr hohen Dosen Krebsverdacht gab. Dennoch stufte das Sondergremium der WHO und der Welternährungsorganisation FAO das Krebsrisiko am Pfingstmontag als „unwahrscheinlich“ ein und stützt damit die Einschätzung der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Die war zum Schluss gekommen, der Wirkstoff berge vermutlich keine Krebsgefahr für den Menschen. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin stützte diese Ergebnisse.

Die jüngsten Aussagen stehen im Gegensatz zu Feststellungen der mit der WHO verbundenen Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon, die Glyphosat 2015 als wahrscheinlich krebserregend eingestuft hatte.

Meistverkauft und hochumstritten: Das Unkrautvernichtungsmittel Roundup enthält Glyphosat.
Meistverkauft und hochumstritten: Das Unkrautvernichtungsmittel Roundup enthält Glyphosat. Foto: Imago/Steinbach
 

Deutschland gilt bei der entscheidenden Abstimmung im Kreis der EU-Staaten als „Zünglein an der Waage“. Sollte der Streit zwischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium nicht beigelegt werden, müsste sich Deutschland am Donnerstag in Brüssel enthalten. Die Mehrheit für eine erneute Zulassung stünde damit auf der Kippe. Die Folgen für die konventionelle Agrarindustriesind noch nicht abzusehen. Die Entscheidung der EU bedeutet auch eine Entscheidung, wie die zukünftigen Methoden der Landwirtschaft aussehen werden - mit oder ohne Glyphosat.

Ein Schlichtungsversuch soll helfen, die Fronten zu klären. Dazu Christian Schmidt: „Landwirtschaft und Umwelt haben gleichberechtigte Interessen, die es miteinander auszugleichen gilt.“ Es gehe aber auch um einen Wirtschaftszweig, an dem in Deutschland Millionen Arbeitsplätze hängen würden.

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