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Krieg in Syrien : UN: Angriff auf syrisches Flüchtlingslager womöglich Kriegsverbrechen

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Eigentlich gab es einen Lichtblick im syrischen Bürgerkrieg: Eine Waffenruhe wurde auf das umkämpfte Aleppo ausgeweitet. Doch dann kommt es zu einem Angriff auf ein Flüchtlingslager nicht weit weg von der Stadt.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2016 | 10:53 Uhr

Aleppo/Damaskus |  Die Vereinten Nationen haben den verheerenden Luftangriff auf ein Flüchtlingslager in Nordsyrien mit rund 30 Toten scharf verurteilt. Falls das Camp bewusst als Ziel ausgesucht worden sei, könnte es sich um ein Kriegsverbrechen handeln, hieß es in einer Stellungnahme des UN-Nothilfekoordinators Stephen O'Brien am Donnerstag. Er forderte eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls. „Anhaltende Kämpfe und Luftangriffe bedeuten, dass wehrlose, verängstigte Kinder, Frauen und Männer keinen Zufluchtsort haben“, mahnte O'Brien.

Seit fast fünf Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien. Der UN-Sonderbeauftragte Staffan de Mistura geht davon aus, dass in dem Krieg inzwischen bereits 400.000 Menschen getötet worden sind. Die Friedensgespräche waren zuletzt ins Stocken geraten.

Laut der gewöhnlich gut informierten Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bei dem Luftangriff 28 Menschen getötet, unter ihnen mindestens sieben Kinder. Außerdem seien Dutzende Menschen teils schwer verletzt worden. O'Brien sprach von mindestens 30 Toten und mehr als 80 Verletzten. Wer für die Attacke in dem von Rebellen kontrollierten Gebiet nahe der türkischen Grenze verantwortlich ist, war zunächst unklar.

Der Angriff bedeutet einen Rückschlag für die Friedensbemühungen in Syrien. Zuvor war nach fast zwei Wochen heftigen Kämpfen eine neue Waffenruhe auf Aleppo ausgeweitet worden, die zunächst weitgehend hielt.

Bei einem Doppel-Bombenanschlag in Muharram Fukani wurden zudem auch mehr als 40 Menschen verletzt. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, zwei Selbstmordattentäter hätten sich mit einem Auto und einem Motorrad in die Luft gesprengt. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag. Die Stadt liegt unweit des syrischen Gebietes, das von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) beherrscht wird.

Östlich von Muharram Fukani hatte der IS zuvor nach drei Tagen heftiger Kämpfe das wichtige Gasfeld Al-Schair eingenommen, wie die Menschenrechtler weiter erklärten. Die Terrormiliz hatte dieses Gebiet bereits im Sommer 2014 kurzfristig unter Kontrolle, wurde jedoch von Kräften des Regimes wieder zurückgedrängt.

Aleppo ist zwischen Regime und Rebellen geteilt. Die Stadt ist umkämpftester Schauplatz in Syriens Bürgerkrieg. Den Menschenrechtsbeobachtern zufolge waren dort zuletzt mindestens 285 Zivilisten bei Luftangriffen des Regimes sowie Attacken von Rebellen getötet worden. Aus Protest gegen den Anstieg der Gewalt hatte Syriens Opposition die Genfer Friedensgespräche verlassen.

Foto: dpa
 

Die Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete am Donnerstag nur vereinzelte Verstöße gegen die Feuerpause in Aleppo. Allerdings hätten viele Anwohner aus Angst vor neuer Gewalt ihre Häuser nicht verlassen.

Die USA und Syriens enger Verbündeter Russland hatten sich auf die neue Waffenruhe geeinigt. Der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, sagte in Washington: „Intensität und Frequenz der Auseinandersetzungen haben abgenommen, aber wir sind besorgt über anhaltende und zu viele Verletzungen der Waffenruhe.“

Das US-Außenministerium erklärte, es setze darauf, dass Russland seinen Einfluss auf das Regime von Präsident Baschar al-Assad geltend mache. Die USA würden das ihre tun.

Von russischer Seite hieß es, der Schritt könnte der „Prolog zu einer vollwertigen Feuerpause“ sein. „Aber wenn jemand wie die (Terrorgruppe) Al-Nusra-Front bewusst den Frieden nicht will, wird er alle Seiten ständig provozieren und beschießen“, sagte Generalmajor Igor Konaschenkow.

Bei der Al-Nusra-Front handelt es sich um den syrischen Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie ist von der Waffenruhe genauso ausgenommen wie der IS.

Assad machte zugleich in einem Schreiben an Russlands Präsidenteb Wladimir Putin deutlich, dass er weiter auf einen „endgültigen Sieg“ gegen die Rebellen setzt.

Eine Chronologie des Syrien-Krieges:

März 2011

Eine Demonstration in der Hauptstadt Damaskus setzt eine Protestwelle gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad in Gang. Die Regierung reagiert mit Waffengewalt.

Oktober 2011

Russland und China verhindern eine UN-Resolution zur Verurteilung des Assad-Regimes und blockieren weitere.

August 2013

Mehr als 1400 Menschen sterben durch Chemiewaffen. Der UN-Sicherheitsrat fordert Damaskus zur Vernichtung der Waffen auf. Syrien beginnt danach mit der Zerstörung seiner Produktionsstätten.

September 2014

Die USA und Verbündete bombardieren erstmals Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordostsyrien.

September 2015

Assads Verbündeter Russland beginnt Luftangriffe in Syrien: nach russischen Angaben auf IS-Stellungen, nach westlicher Darstellung auf gemäßigte Rebellengruppen.

November 2015

In Wien einigen sich die Teilnehmer einer Syrien-Konferenz, darunter der Iran und Russland, auf einen Friedensfahrplan, der eine Übergangsregierung vorsieht.

November 2015

Nach den Anschlägen in Paris bombardiert Frankreich IS-Stellungen in Syrien. Deutschland entsendet unter anderem Aufklärungs-Tornados. Rund 60 Staaten schließen sich zu einem Bündnis gegen den IS zusammen.

Januar 2016

Ohne wichtige Oppositionsvertreter beginnen Friedensgespräche in Genf. Russland besteht auf einer Beteiligung der Kurdenpartei PYD, die Türkei lehnt dies ab.

Februar 2016

 Die Außenminister mehrerer Länder der Anti-IS-Koalition beraten in Rom über Strategien im Kampf gegen die Terrormiliz IS. Ab Ende Februar gilt eine Waffenruhe für ganz Syrien.

März 2016

Russlands Präsident Wladimir Putin befiehlt einen Teilabzug der russischen Soldaten aus Syrien.

April 2016

Trotz der Waffenruhe sterben in Aleppo bei Angriffen mehrere Hundert Menschen.

 
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