zur Navigation springen

Ukraine-Krise gerät außer Kontrolle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kiew: Es ist eine Intervention / Nato: Invasionsarmee steht bereit /EU berät über neue Sanktionen /Berlin: Putin geht höchstes Risiko

Dass russische Soldaten an der Seite der Aufständischen in der Ostukraine kämpfen, wird immer offensichtlicher – trotz aller Dementis aus Moskau. Die ukrainische Führung spricht seit gestern offen von einer Militärintervention. „Ich habe einen Besuch in der Türkei abgesagt, (...) da eine Intervention russischer Streitkräfte in der Ukraine stattfand“, teilte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko gestern Mittag in Kiew mit. Die Lage im Raum Donezk habe sich „extrem verschärft“.

Das ukrainische Militär hatte zuvor mitgeteilt, die Kontrolle über eine Grenzregion im Südosten weitgehend verloren zu haben, und Einheiten aus dem Nachbarland dafür verantwortlich gemacht. Bereits am Mittwoch hatte ein Militärsprecher von mehr als 100 russischen Fahrzeugen, darunter auch Panzer, gesprochen, die im Osten der Ukraine unterwegs seien. Die USA und zahlreiche andere Mitglieder des UN-Sicherheitsrats kritisierten Russlands Verhalten gestern scharf. „Ernsthafte Verhandlungen werden dringend gebraucht, aber Russland muss aufhören zu lügen und diesen Konflikt weiter anzuheizen“, sagte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, bei einer Sondersitzung des Gremiums. Der stellvertretende UN-Generalsekretär Jeffrey Feltman, der zuvor die Ukraine besucht hatte, bezeichnete eine Entsendung von russischen Truppen in das Land als einen „direkten Verstoß gegen internationales Recht“.


Separatisten sprechen von etwa 4000 Russen in ihren Reihen


Die prorussischen Separatisten erklärten, sie würden seit Langem von Soldaten aus dem Nachbarland unterstützt. „Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass es unter uns viele Russen gibt, ohne deren Hilfe wir es sehr schwer hätten“, sagte der Separatistenführer Andrej Sachartschenko im russischen Fernsehen. „In unseren Reihen hat es etwa 3000 bis 4000 gegeben. Viele sind heimgefahren. Viel mehr sind aber geblieben. Leider gab es auch Tote.“ Unter den „Freiwilligen“ seien viele reguläre russische Soldaten, die ihre Freizeit an der ostukrainischen Front verbringen würden. „Sie ziehen es vor, ihren Urlaub nicht am Strand, sondern Schulter an Schulter mit ihren Brüdern zu verbringen, die um die Freiheit des Donbass kämpfen.“

Rund um die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol im Süden der Ukraine spitzt sich die Lage Berichten zufolge zu. Die Aufständischen teilten mit, mit Panzern die Stadt Nowoasowsk nahe Mariupol erreicht zu haben. „Die Befreiung der Stadt ist eine Sache von Tagen“, kündigte ein Separatistensprecher an. Die ukrainische Armee bereitete sich auf eine Offensive der Rebellen vor. Die Region Mariupol am Asowschen Meer ist die Landverbindung zwischen Russland und der von Moskau im März annektierten Halbinsel Krim.

Russland wies indes die Vorwürfe einer Invasion zurück. Moskau habe „keinerlei Interesse“ an einem Einmarsch, sagte der russische OSZE-Vertreter Andrej Kelin in Wien. „Wir haben ganz klar gesagt, dass Russland mit Ausnahme von zehn Grenzsoldaten keine Truppen in der Ostukraine hat“, sagte er der Agentur APA zufolge nach einer Sondersitzung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Die westlichen Bedenken entbehrten jeder Grundlage, betonte Kelin. „In Nowoasowsk ist die ukrainische Armee nach zehn Artillerieschüssen weggelaufen und hat das Feld kampflos den Separatisten überlassen – das ist alles, was passiert ist“, sagte Kelin. Dagegen erklärte Ella Poljakowa, Mitglied in Putins Menschenrechtskomitee: „Wenn Menschenmassen unter Befehlshabern auf Panzern, Mannschaftstransportwagen und unter Einsatz von schweren Waffen auf dem Territorium eines anderen Landes sind, dann halte ich das für eine Invasion.“


Nato: Moskau versorgt Rebellen mit hochmodernen Waffen


Ein Nato-Sprecher sprach von mehr als tausend Soldaten in der Ukraine: In den vergangenen Wochen seien die russischen Militäroperationen deutlich verstärkt worden. Im russischen Grenzgebiet seien schätzungsweise rund 20 000 Soldaten stationiert. Sie seien besser ausgerüstet als zuvor eingesetzte Truppen. „Das ist eine Invasionsarmee“, sagte der Nato-Offizier. Zugleich veröffentlichte das Bündnis gestern Satellitenbilder. „Die Bilder liefern zusätzliche Beweise dafür, dass russische Soldaten, die mit hochmodernen Waffen ausgerüstet sind, innerhalb des souveränen Territoriums der Ukraine operieren“, sagte der niederländische Brigadegeneral Nico Tak. Man habe festgestellt, dass „große Mengen hochmoderner Waffen einschließlich Luftabwehrsystemen, Panzern und gepanzerten Fahrzeugen den Separatisten in der Ostukraine übergeben wurden“, so Tak.

Die Bundesregierung reagierte „zutiefst besorgt“. Ihr Russland-Beauftragter Gernot Erler erklärte, Putin sei offensichtlich bereit, „auch höchstes politisches Risiko zu gehen, um eine militärische Niederlage der prorussischen Separatisten in Donezk und Lugansk zu vermeiden“.

Poroschenko erörterte per Telefon mit Angela Merkel (CDU) die Lage. Die Kanzlerin erklärte, die EU werde bei ihrem morgigen Sondergipfel in Brüssel über eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland beraten. „Wir wollen diplomatische Lösungen, wir werden da auch nicht nachlassen“, sagte Merkel. „Aber wir müssen feststellen, dass sich die Dinge in den letzten Tagen wieder erschwert und verschlechtert haben.“

zur Startseite

von
erstellt am 28.Aug.2014 | 13:43 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert