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Überflüssige Medikamente kosten Milliarden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rund eine Stunde lang schon hatten die fünf Herren über Arzneimittel in Deutschland geredet. Wie jedes Jahr kam bei der Vorstellung des Arzneiverordnungs-Reports durch Herausgeber und weitere Experten vor allem heraus: Viele Medikamente in Deutschland sind teurer als nötig. Erst auf Nachfrage wartete der Chef des zentralen Gremiums im Gesundheitswesen, des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), mit einer Neuigkeit auf, die bei Vertretern der Pharmabranche den Puls in die Höhe treiben dürfte: G-BA-Chef Josef Hecken will die nächste Stufe zünden, um Missstände bei der Pillenversorgung einzudämmen.

Die Pharmabranche ist unter Druck. „Die sehr umsatzstarken Arzneimittel mit Umsätzen von über einer Milliarde US-Dollar sind auf dem Rückzug“, sagt der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig. Die Konzerne reagierten unter anderem mit chemischen Tricks – beim „Evergreening“ beantragten sie zum Beispiel neue Patente für nur leicht veränderte Mittel. Andere Firmen können diese Medikamente dann nicht mit günstigeren Generika nachahmen. Oder die Hersteller mischen verschiedene Wirkstoffe und bewerben bei den Ärzten schon solche Kombinationen allein als Fortschritt.

Beispiel Targin: In dem Mittel ist ein starkes Schmerzmittel mit einem Wirkstoff gegen Darmfunktionsstörungen kombiniert. Laut Ludwig wäre es aber besser und billiger, beides getrennt zu geben.

Von den 30,6 Milliarden Euro, die die Kassen 2012 für Arzneimittel ausgaben, hätten unterm Strich laut dem Report rund 3,7 Milliarden Euro gespart werden können – ohne dass Patienten schlechter versorgt worden wären. Alleine 2,5 Milliarden Euro hätten gespart werden können, wenn man auf teure sogenannte Analog-Präparate verzichtet hätte, die nur geringfügig anders wirken als frühere Mittel.

Mit der Nutzenbewertung des G-BA gibt es seit einiger Zeit ein Verfahren gegen solche Medikamente, die nur dem Hersteller, nicht aber dem Patienten mehr bringen. Von 48 neu auf den Markt gekommenen Mitteln, die bisher überprüft wurden, verfehlten 39 das Urteil „Beträchtlicher Zusatznutzen“. Nun will Hecken auch jene Mittel auf den Prüfstand stellen, die nicht neu sind, aber trotzdem noch teils Jahre unter Patentschutz stehen und deren Mehrwert gegenüber älteren Präparaten bisher nicht abschließend bewertet wurde.

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erstellt am 13.Sep.2013 | 00:31 Uhr

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