Übereilte Schuldzuweisungen

Kieler Klinikum kämpft gegen Keime

shz.de von
27. Januar 2015, 12:29 Uhr

Nach dem Motto „haltet den Dieb“ kennen viele schon den Täter. Laut Verdi haben die bösen Arbeitgeber Schuld an der Keim-Explosion im Uniklinikum, weil der Putzdienst ausgedünnt und schlecht bezahlt wird. Nach Ansicht des obersten Hygieneapostels der Nation, der sich gerne in Funk und Fernsehen reden hört, sind die dummen Krankenschwestern Schuld, die keinen Bock auf Hände-Desinfektion haben und besser heute als morgen entlassen werden sollten. Und der Verband der Diagnostic Industrie macht den Bund verantwortlich, der nur zögerlich Geld für den Infektionsschutz bereitstellt.

Spätestens bei so viel Besserwisserei und Lobbying ist es Zeit zum Innehalten. Hat nicht auch jeder Einzelne versagt, der an der Discounter-Kühltruhe alle Warnungen vor Antibiotika-Missbrauch in der Schweine- und Geflügelmast in den Wind schlägt und zum Billigangebot greift? Ist nicht auch jeder von uns Teil des Systems, das aus Kliniken den letzten Cent quetscht, den Betriebswirten freie Hand lässt und nur den ausgeglichenen Landesetat im Blick hat? Schreien wir nicht jedes Mal Hurra, wenn der Landesrechnungshof das Auslagern von Dienstleistungen an Billiganbieter fordert und die Verschwendungssucht von Politikern anprangert, die womöglich nur verantwortungsvoll handeln wollen? Und die letzte Frage: Gibt es nicht auch so etwas wie Schicksal? Auch wenn die Hochleistungsmedizin uns häufig als Technik verkauft wird, bei der man nur ein Organ operieren oder eine Tablette einschmeißen muss, und schon wird alles wieder gut.

Die Vorgänge in Kiel sind tragisch – für Betroffene und Hinterbliebene allemal. Und wenn es Fehler gab, müssen diese aufgeklärt werden. Doch mit übereilten Schuldzuweisungen ist derzeit niemandem geholfen. Das sollten alle, die jetzt den Dieb halten wollen, bedenken und sich daran erinnern, wenn das Millionendefizit des UKSH keimbedingt demnächst weiter explodiert.

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