„Operation Olivenzweig“ : Türkische Armee beginnt Offensive gegen Kurden in Syrien

Eine Rauchsäule ist im Bezirk Afrin im Nordwesten Syriens zu sehen. Die Türkei hat eine neue Offensive gegen Kurden gestartet.
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Eine Rauchsäule ist im Bezirk Afrin im Nordwesten Syriens zu sehen. Die Türkei hat eine neue Offensive gegen Kurden gestartet.

Die Operation zielt auf die kurdischen YPG-Einheiten in Syrien ab, die Ankara als Terroristen ansieht.

shz.de von
20. Januar 2018, 16:41 Uhr

Istanbul | Die seit Tagen angekündigte türkische Offensive gegen kurdische Truppen im Nordwesten Syriens hat begonnen. Die vom Generalstab am Samstag verkündete „Operation Olivenzweig“ zielt auf die mit den USA verbündeten kurdischen Volksschutzeinheiten YPG in der Enklave Afrin. Kampfflugzeuge bombardierten übereinstimmenden Berichten zufolge Stellungen der YPG. Der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge drangen protürkische Rebellen auf kurdisches Gebiet vor. Dafür gab es zunächst aber keine Bestätigung.

Die YPG, die das Militärbündnis der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) anführen, sind der syrische Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei. Die PKK ist in der Türkei, der EU und in den USA als Terrororganisation eingestuft. Ankara fühlt sich von einer starken kurdischen Präsenz an seiner Grenze bedroht.

Seit Beginn der Luftangriffe seien 108 von 113 Stellungen der YPG getroffen worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Dabei habe es auch Tote und Verletzte gegeben, die laut Anadolu alle der YPG angehörten. Die kurdische Nachrichtenagentur FIRAT berichtete, zehn Zivilisten seien verletzt worden, einige davon schwer. Berlin und Moskau äußerten sich besorgt.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan sprach am Samstag vom „faktischen“ Beginn der Militäroperation. Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, die „heldenhaften Streitkräfte“ hätten mit der Luftoffensive begonnen. Erdogan zufolge soll nach der Afrin-Offensive ein Angriff auf die Region um die Stadt Manbidsch folgen. Diese wird ebenfalls von einem Bündnis unter Führung der kurdischen Volksschutzeinheiten YPG kontrolliert.

Die SDF monierten die „unrechtmäßigen Drohungen“ von türkischer Seite. Wenn man angegriffen würde, habe man keine andere Möglichkeit, als sich selbst zu verteidigen. Eine Offensive der Türkei auf die kurdischen Gebiete könnte dazu führen, dass der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) neues Leben eingehaucht werde.

Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von Luftangriffen von mindestens zehn türkischen Kampfflugzeugen in Afrin am Samstag. „Wir können Luftschläge in der Stadt Afrin hören“, sagte Haivi Mustapha vom örtlichen kurdischen Exekutivrat. Es gebe Verletzte.

Es war zunächst unklar, ob türkische Truppen die Grenze nach Syrien überschritten hatten. Dies könnte zu einer direkten Konfrontation mit russischen und auch US-Truppen führen, die im Norden Syriens stationiert sind. Die mit den USA verbündeten Kurden kooperierten in der Vergangenheit auch mit Russland, das Einheiten bei Afrin stationiert hat.

Die Außenminister der Türkei und der USA, Mevlüt Cavusoglu und Rex Tillerson, telefonierten am Samstag, wie die private Nachrichtenagentur Dogan berichtete. Der Inhalt des Gesprächs wurde nicht bekannt. Schon am Donnerstag soll es Gespräche zwischen türkischen und russischen Vertretern gegeben haben, um eine mögliche Offensive zu „koordinieren“.

Die Vereinigten Staaten hatten vor einer türkischen Militäroffensive in Afrin gewarnt und die Türkei aufgerufen, „keinerlei Maßnahmen dieser Art zu ergreifen“. Dennoch hielt Erdogan an den Plänen einer Bodenoffensive fest. Seit acht Tagen beschießen die türkischen Streitkräfte die Kurdenenklave mit Artilleriefeuer. Die USA haben die YPG im Kampf gegen die Terrormiliz IS mit Waffen ausgerüstet, was Ankara empört.

Das Auswärtige Amt in Berlin rief Kreisen zufolge alle Beteiligten zu Besonnenheit auf. „Wir sehen mit Sorge nach Nordsyrien“, war am Samstag aus dem Auswärtigen Amt zu hören. Die aufgeheizte Rhetorik und auch der Beschuss über die Grenze, der allerdings nicht neu sei, seien nicht ermutigend.

Auch Russland sah das türkische Vorgehen mit Besorgnis. „Wir beobachten die Entwicklung dieser Situation sehr genau“, teilte das russische Außenministerium mit. Man fordere alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Russland zog seine Truppen aus der Region um die Stadt Afrin ab. Man habe sich zu dem Schritt entschlossen, um die Sicherheit der russischen Soldaten zu gewährleisten, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau der Agentur Tass zufolge am Samstag mit.

Die Militärpolizei und die sogenannte Gruppe zur Versöhnung der Kriegsparteien sollen ihre Arbeit in der Nähe der nordsyrischen Stadt Aleppo fortsetzen, hieß es. Wie viele Soldaten davon betroffen sind, war zunächst nicht bekannt.

Bereits 2016 marschierte die Türkei an der Seite von protürkischen Rebellen in den Norden Syriens ein. Damals war das Ziel offiziell die Vertreibung von Dschihadisten der Terrormiliz Islamischer Staat von der eigenen Grenze. Die Aktion traf jedoch auch kurdische Einheiten.

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