Nach Terroranschlag mit 32 Toten : Türkei erklärt IS den Krieg: Luftwaffe greift IS-Stellungen in Syrien an

Der Sturz des Assad-Regimes hatte für die Türkei lange oberste Priorität. Dafür ließ Ankara sogar der IS-Terrormiliz weitgehend freie Hand. Damit ist Schluss: Ankara nimmt die Dschihadisten ins Visier.

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24. Juli 2015, 13:00 Uhr

Ankara | Die Türkei hat am Freitag erstmals Stellungen der IS-Terrormiliz in Syrien mit Kampfflugzeugen angegriffen und damit eine Kehrtwende in ihrer jahrelang abwartenden Politik vollzogen. Alle angegriffenen IS-Ziele seien zerstört worden, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am Freitag. Auslöser der Entwicklung war der mutmaßlich vom IS verübte Bombenanschlag im südtürkischen Suruc am Montag mit 32 Toten. „Wer uns Schaden zufügt, muss den zehnfachen Preis zahlen“, drohte Davutoglu.

Nach Erkenntnissen der Behörden sind im Irak und in Syrien etwa 5000 bis 6000 Kämpfer aus Europa für den IS im Einsatz. Aus Österreich sind rund 200 meist junge Männer in den Krieg gezogen. Laut Innenministerium in Wien war jeder Vierte minderjährig. In Deutschland gehen die Experten von etwa 600 IS-Anhängern aus, die an der Seite der Terroristen kämpfen.

Nach Angaben der Regierung stiegen am frühen Freitagmorgen drei Kampfjets vom Typ F-16 vom Stützpunkt Diyarbakir auf und griffen Ziele im Norden des Nachbarlandes an. „Die türkische Republik ist entschlossen, alle nötigen Maßnahmen zur nationalen Sicherheit zu ergreifen“, hieß es in der Mitteilung. Die Entscheidung für die Luftschläge sei auf einer Sicherheitskonferenz am Donnerstag getroffen worden.

Zudem gab Ankara dem Drängen Washingtons nach und gestattet jetzt die Nutzung des türkischen Luftwaffenstützpunktes Incirlik für US-Kampfeinsätze gegen den IS. Damit können die USA die Hochburgen des sogenannten Islamischen Staates im Norden Syriens wesentlich schneller und effektiver angreifen, als bisher von Jordanien, vom Irak oder von den Golfstaaten aus. Sie können außerdem Kampfhubschrauber einsetzen.

Zuvor hatte US-Präsident Barak Obama mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan telefoniert und nach Angaben des Weißen Hauses besprochen, wie die türkische Grenze zu Syrien sicherer werden und der Zustrom von ausländischen Kämpfern für den IS eingedämmt werden könne.

Die sunnitische Türkei habe den sunnitischen Islamischen Staat lange relativ unbehelligt gelassen, weil sie ihn als nützlichen Gegner des Regimes von Baschar al-Assad angesehen habe, schreibt der Think Tank Soufan Group. Jedoch habe der IS meist andere von der Türkei unterstützte Rebellengruppen angegriffen und nicht die Assad-Armee.

Zudem habe sich die von Ankara ebenfalls erhoffte Schwächung der Kurden im Irak und Syrien durch den IS in ihr Gegenteil verwandelt: Die Kurden seien mit US-Unterstützung durch den Kampf mit der Terrormiliz noch gestärkt worden. Schließlich sei Ankara auch die Gefährdung der inneren Sicherheit der Türkei und damit der wirtschaftlich bedeutsamen Tourismusbranche durch den IS klar geworden.

Der Parteivorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, begrüßte die Kehrtwende der Türkei. Die Entscheidung komme aber reichlich spät, sagte Özdemir dem rbb-Inforadio. Die Türkei habe den Kampf gegen den IS lange erschwert, kritisierte er.

Zeitgleich mit den Angriffen auf Stellungen des Islamischen Staates in Syrien gingen türkische Sicherheitskräfte bei Razzien in Istanbul und anderen Städten massiv gegen mutmaßliche Anhänger des IS sowie der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vor. In einer Erklärung beschuldigte die Regierung den IS erstmals offiziell, den Selbstmordanschlag in Suruc verübt zu haben. Der IS selbst bekannte sich nicht zu der Tat.

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