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Deutsch-griechisches Treffen : Tsipras bei Merkel in Berlin – das sind die Pressestimmen

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Tsipras begreife nicht, wieso sein Land leidet, heißt es aus England. Eine griechische Zeitung schreibt: „Das Eis ist gebrochen“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras haben fast fünf Stunden über die Lage in Griechenland und die Beziehungen in der EU gesprochen. Regierungssprecher Steffen Seibert teilte in der Nacht zum Dienstag mit: „Die Bundeskanzlerin und der griechische Ministerpräsident hatten in guter und konstruktiver Atmosphäre eine umfassende Aussprache über die Situation Griechenlands, die Arbeitsweise der Europäischen Union und die künftige deutsch-griechische Zusammenarbeit.“

Zuvor waren Merkel und Tsipras bei dessen Antrittsbesuch trotz versöhnlicher Töne in wesentlichen Fragen der Schuldenkrise nicht vorangekommen. Tsipras sagte zu, dass Athen Vereinbarungen einhalten wolle. Er forderte aber andere Prioritäten. „Wir brauchen einen neuen politischen Mix.“ Merkel drängte den Euro-Partner angesichts des drohenden Staatsbankrotts, Reformen auch umzusetzen. Forderungen nach weiteren Entschädigungen für Nazi-Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs wies die Kanzlerin zurück.

So kommentiert die europäische Presse am Dienstag das Treffen von Merkel und Tsipras:

Die konservative britische „Times“

„Die von Alexis Tsipras geführte populistische Syriza-Regierung sollte sich darüber klar werden, dass Griechenland seine Verpflichtungen gegenüber anderen demokratischen Staaten erfüllen muss. Tsipras will in allererster Linie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu bewegen, die Anforderungen an Griechenland abzuschwächen, öffentliche Ausgaben zu senken und die Staatsschulden zu verringern. Doch in Wirklichkeit hat Tsipras nicht begriffen, wieso Griechenland wirtschaftlich leidet. Das Land hat während der langen Jahre des Wohlstands mehr ausgegeben, als es sich leisten konnte, und hat so unermessliche Schulden angehäuft. Um zu gesunden, muss Griechenland seine Finanzen in Ordnung bringen.“

Der britische linksliberale „Guardian“

„Zum Konflikt kam es zwischen beiden Politikern über das Thema Zweiter Weltkrieg. Und über den grundlegenden Streit um weitere Gelder und die Gegenleistungen Griechenlands, um eine Staatspleite innerhalb der nächsten Wochen zu vermeiden, schien es keine Annäherung gegeben zu haben. Weder Tsipras noch Merkel wollen einen Austritt Griechenlands aus dem Euro. Doch die fehlende Einigung in Berlin deutet auf eine Verschärfung des harten Kurses auf beiden Seiten hin, die zu einem Scheitern der Verhandlungen führen könnte.“

Die schweizerische „Neue Zürcher Zeitung“

„Die Kreativität, von der Merkel in ihrer Regierungserklärung am Donnerstag sprach, stößt im innenpolitischen Alltag an Grenzen. Die öffentlichen Gedankenspiele darüber, was bei einem Austritt Griechenlands aus dem Euro-Raum geschehen würde, sind salonfähig geworden, auch bei Spitzenpolitikern. Genauso offen wird aber auch über die geopolitischen Folgen einer derartigen Entwicklung nachgedacht - Merkel sprach davon, dass die Welt genau hinschaue, wie Europa seine Krisen bewältige. An der zerstörerischen Wirkung der Missverständnisse und Verleumdungen kann keiner Seite gelegen sein.“

Die französische Tageszeitung „Le Monde“

„Angela Merkel scheint entschlossen, eine schwere Krise mit Athen vermeiden zu wollen. Sie will auf keinen Fall als Verantwortliche für einen ,Grexit' gelten, der sich als fatal für den europäischen Aufbau herausstellen könnte. Und wenn sie grünes Licht gibt (was allerdings nur bei wirklichen Fortschritten Griechenlands möglich erscheint), dann werden sich alle ihrer Meinung anschließen - so ist es bisher immer geschehen.“

Die französische Wirtschaftszeitung „Les Echos“

„Beide Politiker wollten nicht öffentlich über die neue Liste der Reformen Griechenlands sprechen, die die Finanzminister der Eurozone in den nächsten Tagen prüfen sollen. Deutschland will die Eurozone erhalten, doch Merkels christdemokratische Partei und die deutsche Bevölkerung liebäugeln zunehmend mit einem Austritt Griechenlands aus dem Euro. Tsipras hat seinerseits für die Einhaltung der Verträge und die Anerkennung demokratischer Abstimmungsergebnisse plädiert.“

Die linksliberale italienische Tageszeitung „La Stampa“

„Versöhnlicher Ton, aber eine harte Linie. Das ist das Ergebnis des Treffens von Alexis Tsipras und Angela Merkel. Als sich beide am späten Nachmittag vor den Mikrofonen für die Pressekonferenz aufstellen, lächelt er, sie nicht. Das ist kein Zufall. Die Botschaften der Kanzlerin sind zwei. Die erste, sehr klar: Die Frage der Reparationszahlungen ist abgeschlossen. Die zweite: Über die Hilfen für Griechenland entscheidet die Eurogruppe. Dennoch ist der Gipfel eine Möglichkeit, um das Unverständnis zu überwinden. Denn auch Tsipras hat einen versöhnlicheren Ton angeschlagen.“

Das schreiben die griechischen Zeitungen am Dienstag:

Die Zeitung der politischen Mitte „Ta Nea“

„Merkel (rollte den) Roten Teppich aus - Tsipras (entfaltete eine) Realpolitik.“ Tsipras habe klargestellt, man brauche einen anderen politischen Mix. Er habe aber auch zugegeben, dass auch Positives in den vergangenen Jahren geschaffen wurde (durch die von den Geldgebern durchgesetzten Reformen in Griechenland) und dies dürfe nicht „niedergerissen werden“.

Boulevardblatt „Ethnos“

„Das Eis ist gebrochen“. Das Treffen habe den Weg für die Verständigung geebnet. Merkel habe klargestellt: Die Griechen müssen die Reformen selbst in die Tat umsetzen. Die Bewertung und damit auch die Entscheidung für weitere Hilfen treffe nicht Berlin, sondern die Eurogruppe.

Die linke Zeitung „Efimerida ton Syntakton“

„Lebenspartnerschafts-Abkommen“, titelt die Zeitung. Alles sei auf dem Tisch gelegt worden. Die Reparationen, die Korruption, in die aber auch deutsche Firmen verstrickt seien. Tsipras habe gestanden, dass viele Probleme hausgemacht seien.

Die konservative Traditionszeitung „Kathimerini“

„Versuch das Eis zu brechen“, lautet der Titel.  Tsipras verspricht, Griechenland werde die Auflagen erfüllen. Merkel klärt, die Institutionen werden die Entscheidung für weitere Hilfen treffen.

„Kathimerini“

„Stunde des Realismus“ überschreibt die Zeitung einen Leitkommentar. „Griechenland würde in einer viel besseren Position sein, wenn er (Tsipras) von Anfang an die gestrige Taktik gehabt hätte“, meint das Blatt. Athen steckte bislang in der Falle ihrer früheren Oppositionsrhetorik. Tsipras muss den antieuropäischen Populismus einiger Regierungsmitglieder beenden. Es sei die Stunde für alle gekommen, reif zu werden, meint die „Kathimerini“.

 
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erstellt am 24.Mär.2015 | 10:36 Uhr

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