Ist die Staatengruppe am Ende? : Trumps Zorn trifft die G7 wie ein Blitz

Donald Trump spricht zu Reportern, bevor er das Gipfelgelände vorzeitig verlässt.
Donald Trump spricht zu Reportern, bevor er das Gipfelgelände vorzeitig verlässt.

Schluss, Aus, doch keine gemeinsame G7-Erklärung. Dabei hatte sich die Gruppe mit Ach und Krach dazu durchgerungen. Dann schlägt Donald Trump zu, wie ein zorniger, ferner Rachegott. Alles auf Anfang.

shz.de von
10. Juni 2018, 15:22 Uhr

Der Gipfel in Kanada ist lange zu Ende, da holt Donald Trump den Hammer raus. Alle Delegationen sind aus La Malbaie abgereist, die Pressekonferenzen gehalten, mühsam hatten sich die G7 zu einer gemeinsamen Erklärung durchgerungen - da platzt dem US-Präsidenten in der Air Force One der Kragen. Einmal mehr schreibt Trump Geschichte auf Twitter: Längst auf dem Weg nach Asien, zieht er stocksauer die Unterstützung des Dokuments zurück. Was ist passiert?

In zwei wuchtigen Tweets gibt der Amerikaner dem Gastgeber des G7 die Schuld, Kanadas Premier Justin Trudeau. Ein falsches Statement habe der nach dem Gipfel abgegeben, nachdem er sich zuvor so bescheiden und demütig gegeben habe. Unehrenhaft sei das und schwach, poltert Trump. Mit ihren Zöllen reagierten die USA nur auf die Handelspolitik Kanadas! Einmal mehr stellt er sein Land als Opfer dar.

Schluss, Aus, also doch keine gemeinsame Erklärung. Ist das der Bruch der G7? Der Vollzug der Spaltung in G6 plus eins?

Trump ist extrem empfindlich. Niemand soll ihm reinreden. Da darf Kanadas smarter Premier ihm nicht sagen, er lasse sich nicht herumschubsen. Trump will, dass nach seinen Regeln gespielt wird - und nur nach seinen. Wer das nicht tut, den trifft des Dünnhäutigen Blitz. Und wenn es, wie hier, auf dem Flug nach Singapur ist. Dort will Trump am Dienstag Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un treffen.

Nur: Welchen Wert werden dort mögliche Vereinbarungen haben, wo Trump nun noch einmal frisch daran erinnert hat, wie sehr er im Hier und Jetzt lebt?

Mit dem Eklat von Le Malbaie treibt Trump den schon zuvor gesetzten Keil noch tiefer in die G7. Er stößt sie in eine völlig ungewisse Zukunft. Die Gruppe großer Industriestaaten befindet sich nun auf unkartiertem Gelände. Es gibt keine Notfallpläne für diese Situation.

Die Kanzlerin wurde davon auf dem Rückflug nach Berlin mitten in der Nacht überrascht. Ohne ein Wort verließ sie nach der Landung gegen 6.00 Uhr das Flugzeug. Ein Regierungssprecher ließ um 6.21 Uhr ein Sieben-Worte-Statement verbreiten. Es verriet Fassungslosigkeit: «Deutschland steht zu dem gemeinsam vereinbarten Kommuniqué.» Der Satz entsprach der Haltung der EU. Er dürfte abgestimmt gewesen sein.

Dabei war die Kanzlerin optimistischer ab- als angereist. Bis Samstagmorgen hatte das gemeinsame Kommuniqué gewackelt. Den Durchbruch brachte - erstmal - eine spontane Sechser-Stehrunde um Trump. Dort sei es um den Handelstext gegangen: In einer durchwachten Nacht war er ausgehandelt worden. Auch die Rolle des Iran in Nahost und die Finanzierung von Terrororganisationen wurde beredet.

Entstanden sind dabei die Bilder des Gipfels schlechthin - vor allem eines, das Trump mit verschränkten Arm auf einem Stuhl vor der auf ihn einredenden Merkel zeigt. Gegenüber statt Miteinander. Alle versuchten, je nach Perspektive, die Bilder für sich zu deuten. Vom «Krieg der Fotos» war in sozialen Medien sogar die Rede.

Trump sei flexibler als seine Berater aufgetreten, sagen Menschen, die dabei waren. Seine Reaktionen waren in deutschen Reihen recht positiv aufgenommen worden - er wolle zwar Markiges für seine Anhänger liefern, aber nicht derjenige sein, der alles blockiere. Am Ende glaubte auch Merkel, dass das Kommuniqué nicht scheitern würde.

Wenig später war auch die Kanzlerin eines Besseren belehrt. Die Volte Trumps dürfte Merkel in ihrer Einschätzung bestätigt haben: Die Nachkriegsordnung, in der sich Deutschland und Europa blind auf die Vereinigten Staaten verlassen konnten, die ist vorbei.

Dieser ganze Gipfel, er wirkte schon zuvor wie eine monumentale Hülle. Irgendwie festgefahren die Rituale und Zeremonien, das betont kraftvolle Händeschütteln, die bunten Flaggen vor traumblauem Wasser, das «Familienfoto». Drinnen war diese Familie rasch vom Wir zum Ihr und Ich gekommen, es muss richtig zur Sache gegangen sein - lange schon bevor Trump schließlich kurzen Prozess machte.

Einen nach dem anderen, schreibt die «New York Times», habe sich Trump zur Brust genommen. Bitter beklagt, wo genau das jeweilige Land die USA ausnehme oder blockiere. Dann wieder seine deutschen Vorfahren erwähnt und wie sehr er Europa doch schätze. Mancher Gescholtene habe ziemlich zurückgekeilt, schreibt das Blatt.

In seiner abschließenden Pressekonferenz wählte Trump für sein Land - die größte Volkswirtschaft der Erde - das Bild eines «Sparschweins», das von allen ausgenommen werde, aber damit sei jetzt mal Schluss.

Wie selten zuvor düpierte der Amerikaner seine Partner. Vor dem Gipfel spreizte er sich, überhaupt zu kommen, auf dem Gipfel schenkte er allen ein, am Ende klingelte er das Treffen satte fünf Stunden vor dem Ende ab. Markige Drohungen stieß er aus, während drinnen noch um Formulierungen gerungen wurde. Dann entschwand er, um Stunden nach dem Ende eines hunderte Millionen teuren Gipfels sein Finale zu diktieren. Mehr Drama geht nicht.

Trudeau, wiewohl sanft lächelnd, war nach Ende des Gipfels in der Tat deutlich geworden. Aus dem Streit mit Washington hatte er keinen Hehl gemacht, war inhaltlich hart geblieben: Das mit den Zöllen, das gehe so nicht. Es war seine bekannte Position, darauf legte die Regierung in einer streng sachlichen Reaktion auf Trumps Wüten großen Wert.

Trump hat diesen Gipfel dominiert wie niemand anders. Magnet aller Aufmerksamkeit, Bestimmer jeder Agenda, auch La Malbaie hat er eingeschmolzen in die große Reality-Show, zu der er Politik umformt. Ob er es ernst meint, Russland wieder in eine Gruppe der G8 holen zu wollen, weiß man nicht. Es wird bis auf weiteres eh nichts werden.

Gleichwohl wird sich die G7 fragen müssen, ob die Zukunft dieses Formats tatsächlich darin bestehen kann, sich einmal im Jahr rituell in malerischer Abgeschiedenheit ihrer selbst zu vergewissern. In einigen Berichten klang Sympathie dafür an, dass Trump das langweilt.

Am St. Lorenz-Strom sind parallele Universen zutage getreten. In einem davon agiert Trump. Die Europäer beschworen dagegen die Gemeinsamkeit, wussten im Moment der Wahrheit aber nicht so recht, wie diesen gestalten. Ihnen bleibt erstmal nur Schadensbegrenzung.

Nach 70 Jahren westlicher Allianz bringen anderthalb Jahre Trump Europa nahe an ein fundamentales Eingeständnis. Dass eintritt, was man schon länger fürchtet: Es könnte schiefgehen mit diesen USA. Man ist sich fremd geworden, mochte Trump, noch in Kanada, die Beziehungen zu den Mitlenkern auch als «perfekt» bezeichnen.

Trump geht weiter seinen Weg von Tag zu Tag. Eine irgendwie größere Landkarte gibt es nicht. Die gemeinsame Erklärung der G7, sie wollte noch zudecken, was innerlich zerbröselt: Was ist ein wiederholtes Bekenntnis gegen Protektionismus im wirklichen Leben wert, wenn ein Handelskrieg droht?

Im nächsten Jahr ist Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Gastgeber der G7 im schönen Biarritz. Wenn es den edlen Club dann noch gibt.

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