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Kategorie-5-Hurrikan : Trump wegen langsamer Hilfe für Puerto Rico unter Druck

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Die humanitäre Katastrophe auf der US-Karibikinsel nach Hurrikan "Maria" droht zu Donald Trumps "Katrina" zu werden.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2017 | 16:16 Uhr

San Juan, Puerto Rico | Die ganze Welt tanzte diesen Sommer zu dem Mega-Hit „Despacito“, mit dem Luis Fonsi and Daddy Yankee die „La Perla“-Nachbarschaft der Inselhauptstadt berühmt gemacht haben. Nach dem Wüten des Monstersturms verwandelte sich das Viertel mit seinen bunten Häusern zu einem Elendsquartier. Abgedeckte Dächer, kein Strom, kein Wasser und unpassierbare Straßen.

So sieht es überall auf der Karibikinsel aus. Und viele der rund 3,4 Millionen amerikanischen Staatsbürger fragen sich, wo fast zwei Wochen nach dem Sturm die Hilfe der US-Regierung bleibt. Die Behauptung der amtierenden Heimatschutz-Ministerin Elaine Duke, dass die Lage auf Puerto Rico eine „Gute-Nachrichten“-Geschichte sei, provozierte die Bürgermeisterin von San Juan so sehr, dass sie sich mit einem dramatischen Hilfeappell an die Welt wandte.

Scharfe Kritik aus San Juan

„Das ist verdammt noch mal keine Gute-Nachrichten-Geschichte“, klagt Carmen Yulín Cruz die US-Regierung auf CNN an. „Das ist eine Leute-sterben-Geschichte ... eine Geschichte der Zerstörung, die schlimmer wird“. Cruz flehender Ruf um „Hilfe, von woher auch immer,“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Ebenso ein Bild, das zeigt, wie die Bürgermeisterin mit einer Flüstertüre auf Suche nach Überlebenden „Marias“ durch Abwasser watet.

Präsident Trump fühlte sich angesprochen und hielt Cruz von seinem Golfplatz in Bedminister aus vor, „schwache Führung“ unter Beweis zu stellen. Die Berichte über schleppende Hilfe für Puerto Rico seien „Fake News“, die von den Demokraten verbreitet würden.

Hilfe für Haiti funktionierte deutlich besser

Nicht ganz, wie schon ein einfacher Vergleich mit der US-Reaktionen auf einen Hurrikan 2010 in Haiti zeigt. Binnen kürzester Zeit mobilisierte das US-Militär 22.000 Soldaten, die Wasser und Lebensmitteln in dem Karibikstaat verteilten. Washington schickte bisher nicht einmal ein Drittel der Ressourcen nach Puerto Rico.

Hintergrund: US-Außengebiet Puerto Rico in der Karibik

Puerto Rico (spanisch: reicher Hafen) ist das größte Außengebiet der USA. Dort könnte der Tropensturm „Maria“ am frühen Mittwochmorgen (Ortszeit) auf Land treffen – es wäre das erste Mal seit 85 Jahren, dass die Insel wieder direkt von einem Hurrikan getroffen wird.

Puerto Rico hat rund 3,4 Millionen Einwohner. Sie sprechen mehrheitlich Spanisch. Hauptstadt ist San Juan. Die östlichste Insel der Großen Antillen ist mit knapp 9000 Quadratkilometern nicht einmal halb so groß wie Rheinland-Pfalz.

Das Außengebiet stand zuletzt mehrfach am Rand der Pleite und war immer wieder auf Hilfe aus Washington angewiesen.

Als assoziierter Freistaat gehört Puerto Rico derzeit nicht zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Zwar sind die Bewohner US-Bürger, aber sie dürfen nicht an der Präsidentschaftswahl teilnehmen, und ihre Delegierten im Kongress in Washington haben kein Stimmrecht.

Kritiker sprechen von einem kolonialen System. Staatsoberhaupt ist der amerikanische Präsident, Regierungschef der Gouverneur von Puerto Rico. Seit Januar dieses Jahres hat Ricardo Rossellló dieses Amt inne.

Im Juni sprachen sich die Puerto-Ricaner in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit dafür aus, dass die Insel der 51. Bundesstaat der USA werden soll. Das Ergebnis war allerdings nicht bindend, nur der US-Kongress in Washington kann diese Entscheidung treffen.

 

Die Betroffenen vor Ort, Helfer und unabhängige Beobachter meinen übereinstimmend, Präsident Trumps Reaktion seien bestenfalls „Despacito“, was auf Deutsch so viel heißt wie „ganz langsam“. Während die Puerto Ricaner vergeblich auf Hilfe für ihre zerstörte Insel warteten, twitterte der „Commander-in-Chief“ über den angeblich mangelnden Respekt schwarzer Spitzesportler gegenüber der Flagge.

Rassismus-Vorwürfe an Trump

Nun fragen Kritiker, warum es der „Amerika-Über-Alles“-Präsident in der Praxis an Patriotismus mangeln lässt, wenn es um die bedrohten Leben von Millionen Staatsbürgern auf der US-Karibik-Insel geht. „Diese Vernachlässigung speist sich aus Rassismus“, geht Brian Fallon, der eine führende Rolle im Wahlkampfteam Hillary Clintons spielte, hart mit Trump ins Gericht. Warum? Weil die überwältigende Mehrheit der Inselbewohner Latinos seien. „Es wird Zeit, dass er etwas tut.“

Letzteres fordert auch General Russel Honoré, der 2005 die Koordinierung über die Rettungsarbeiten nach Hurrikan „Katrina“ übernahm. Eine überwiegend menschengemachte Katastrophe, die dem über Tage sträflich abwesenden George W. Bush bis heute angelastet wird. „Puerto Rico ist schlimmer als Katrina“, sagt Honoré gegenüber dem Fernsehsender CNN und fragt: „Was verdammt noch mal dauert so lange?“

Experten rechnen mit einem Massenexodus

„Wo ist die Kavallerie?“, wundert sich auch der demokratische Senator von Florida, Bill Nelson, in dessen Bundesstaat schon heute mehr als eine Millionen Puerto Ricaner leben. Angesichts der dramatischen Situation auf der Insel, rechnen Experten bereits mit einem Massenexodus. Hunderttausende Staatsbürger sind nur einen Flug weit von dem Festland entfernt. Und viele davon könnten in Florida ankommen, das ein kritischer Wechselwähler-Staat ist.

Trump will an diesem Dienstag erstmals einen Abstecher auf die, wie er sagt „Insel in einem sehr großen Meer“ machen. Einfach dürfte der Besuch nach der Eskalation zischen dem Präsidenten und den politischen Führern vor Ort über das Wochenende nicht werden.

Container mit Versorgungsgütern sitzen fest

Zudem fehlen den Puerto Ricanern weiterhin die elementarsten Dinge zum Überleben: Trinkwasser, Eis, Benzin und Lebensmittel. Nur auf etwas mehr als einem Viertel der Insel gibt es Telefonverbindungen und die Stromversorgung ist fast zu hundert Prozent zusammengebrochen. Viele Einwohner haben keinen Zugang zu Bargeld.

Hunderte Container mit Versorgungsgütern sitzen im Hafen von San Juan fest, weil es an Lastwagen, Fahrern und passierbaren Straßen fehlt, diese zu verteilen.

Hilferuf: Tausende könnten sterben

Am Freitagmorgen twitterte Trump, „große Entscheidungen über die Kosten für den Wiederaufbau stehen an“. Gouverneur Ricardo Rosselló reichte es schon, „wenn wir wie US-Bürger behandelt würden“. Mit jedem weiteren Tag rückte Puerto Rico einer menschen-gemachten Katastrophe näher.

So sieht es auch Rossellós Vorgänger Alejandro García Padilla, der in einem Brief an den US-Kongress Alarm schlägt. „Wenn wir nicht sehr bald einen dramatischen Anstieg an Hilfe und Personal auf der Insel sehen, können Tausende sterben.“

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