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Debatte der US-Republikaner : „Trump wäre ein Chaos-Präsident“

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Willkommen in Las Vegas. Es klackern die Würfel, nebenan wird derweil der Nahe Osten verhandelt: Die fünfte Debatte der US-Republikaner.

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2015 | 08:47 Uhr

Las Vegas | Mehr Inszenierung geht nicht. Ein gigantisches Hotel am Strip von Las Vegas: Tief in seinem Bauch schimmert rotsamten-golden der Nachbau eines venezianischen Theaters. Die erste Debatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber nach den Anschlägen von San Bernardino und Paris - und die letzte der „Grand Old Party“ vor dem Weihnachtsschinken. Der Druck auf die Kandidaten ist gewaltig. Man wird noch sehen, wie hoch. Inhaltlich kann die Debatte die hochgepeitschten Erwartungen nicht erfüllen.

Der Wahlkampf in den USA wird effekthascherisch inszeniert. Über Wochen hatte Veranstalter CNN getrommelt. Reißerisch schnell geschnittene Kandidatenköpfe, kriegerische Musik. Wie vor einem Boxkampf in einer der nahen Manegen.

Wer wäre der beste „Commander in Chief“? Wer der härteste Kämpfer, der entschiedenste Anführer, der stärkste Präsident? Soll man „den Russen auf die Nase hauen“, Truppen nach Syrien schicken, mehr überwachen oder weniger, die Grenzen für alle Flüchtlinge schließen? Harte, wichtige Themen standen zur Diskussion. Aber vielleicht wirkte sich das Theater in all seiner falschen Pracht dann doch auf dieses Treffen aus. Es wirkte überladen, in weiten Teilen künstlich. Nur auf eines können sich die Neun auf dieser Bühne einigen: Barack Obama ist an allem schuld.

Jeb Bush ist der erste, der Donald Trump angreift. Bush braucht unbedingt Erfolg, muss diese Debatte irgendwie überleben, sich zumindest in die Vorwahlen retten. „Trump ist ein Chaos-Kandidat, er wäre ein Chaos-Präsident.“ Der keilt zurück: „Das sagt Jeb nur, weil seine Kampagne so unterirdisch läuft.“ Immer wieder rasseln die beiden zusammen, Trump wird richtig sauer.

Marco Rubio ist sehr bei sich. Entspannt, geschmeidig, cool. Darling des Partei-Establishments, geht der Senator aus Florida ein ums andere Mal in den Infight mit Ted Cruz, dem Kollegen aus Texas. Der gibt den harten Rechten, sieht Amerika im Krieg, hofft darauf, Trumps Unterstützer zu gewinnen, sollte der der mal aussteigen. Aber Cruz wirkt schwächer als zuletzt, kommt nicht recht zum Punkt.

Dass die Bombendrohung, wegen der am Dienstag alle Schulen im Bezirk Los Angeles geschlossen wurden, ein Fehlalarm war, spielt keine Rolle. Sie gilt in der Debatte als Beleg für berechtigte Ängste, für den Niedergang des Landes. Nur ein ganz starker Mann könne die USA wieder aufrichten, sicher nicht die Erzfeindin Hillary Clinton.

Bei Trump, dessen Leibarzt ihm noch pünktlich am Vortag schneidig die beste aller möglichen Gesundheiten attestierte, lohnt auch auf seine Umfragewerte ein genauerer Blick. Weite Teile der Berichterstattung über seine Zustimmungswerte bestätigen sich im Wesentlichen immer wieder selber, dabei führt Trump nur in einem extrem kleinen Segment aller potenziellen Wähler in den USA: dem der befragten Republikaner.

Die Vorstellung von „The Donald“ als US-Präsident mag zutiefst besorgen. Seine Fans sind durch nichts von ihm abzubringen. Aber der brüllende Milliardär steht nicht für die ganzen USA. „Wer ihn jetzt unterstützt, muss ihn lange nicht wählen“, sagt Kampagnenforscher Aaron Kall von der Universität Michigan.

Trump ist in Las Vegas weniger polemisch als sonst in seiner Kampagne. Ja, er will eine große Mauer zu Mexiko bauen. Und ja, er will „diejenigen Teile des Internets schließen, in denen wir im Krieg mit denen sind, die uns töten wollen“. Das wird nicht einfach.

Die Tür als unabhängiger Kandidat verschließt sich Trump an diesem Abend: Er sagt, er werde auf jeden Fall für die Republikaner antreten.

Ben Carson, lange führend in den Umfragen, ist schwer abgesackt und bekommt in der insgesamt fünften Debatte kaum einen Fuß auf den Boden. Auch Chris Christie aus New York scheint ein wenig in Auflösung begriffen.

Das „Venetian“: fast eine Kleinstadt von einem Hotel. 40 Restaurants und Cafés, neun Bars, zwei Nachtclubs. Schweres Marmorimitat, Opulenz, Säulen. Es schwimmen tatsächlich Gondeln mit Gondoliere in und um den gewaltigen Bau. Sich in all den tiefen Teppichen, dem Gedudel des Casinos und dem Spieler sedierenden Halbdunkel nicht zu verlaufen: unmöglich.

Während drinnen im gleißenden Licht der Terrorismus verhandelt wird, Syrien und der Weltfrieden, klackern nur einen Raum weiter Würfel und  Roulettekugeln, rascheln Karten, dudeln Hunderte Spielautomaten. Das Casino ist voll. Das Theater auch, ganz und gar, 1400 Handverlesene. Das unmittelbare Nebeneinander der Schauplätze ist bizarr. Kampagnenexperte Kall sagt: „Wenn dann endlich mal gewählt und nicht mehr befragt wird, dann sehen wir, was hier Herz und was Kopf ist. Es wird Zeit, dass es um echte Stimmen geht.“

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