Kommentar zum Merkel-Lob : Torsten Albig: Spitzenkandidat für die Opposition

Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident hat bei seinen Bundestagswahl-Empfehlungen nicht zu Ende gedacht, kommentiert Stephan Richter.

Medienexperte Stephan Richter.    von
24. Juli 2015, 20:30 Uhr

Hätte er doch geschwiegen! Stattdessen hat sich Schleswig-Holsteins SPD-Regierungschef Torsten Albig in seiner Partei reichlich Ärger eingehandelt. Das allein muss noch nicht gegen ihn sprechen. Schließlich kommt die SPD kaum um die Beantwortung der Frage umhin, ob sie sich mit Umfragewerten und Wahlergebnissen, die im Bund bleiern bei 25 Prozent liegen, noch als Volkspartei aufstellen kann.

Doch Albig hat keine parteiinterne Diskussion angestoßen und auch nicht die Chancenlosigkeit der SPD gegenüber der mächtigen Merkel-CDU zugespitzt, um die Genossen zur kritischen Selbstreflektion zu zwingen. Vielmehr trat er mit seinen Äußerungen gleich in zwei Fettnäpfchen. Das reicht fürs Sommertheater.

Nicht falsch, aber anbiedernd wirkt das Lob des Ministerpräsidenten für die „gute Kanzlerin“, die ihre Arbeit „ganz ausgezeichnet macht“. Dass die Deutschen Angela Merkel mögen, geht aus jedem Politbarometer hervor. Dazu bedarf es nicht der Albig-Analyse. Schön, wenn Politiker die Größe haben, auch einmal den politischen Gegner zu loben. Dann aber bitte konkreter. Allgemeines Schulterklopfen mag selbst Angela Merkel nicht.

Das zweite Fettnäpfchen betrifft Albigs Demokratieverständnis. Schicken Parteien einen Kanzlerkandidaten allein deshalb ins Rennen, weil sie gewinnen wollen? Oder geht es nicht doch – wenigstens ein bisschen – auch um den Anspruch, dem Land besser dienen zu können als die Konkurrenz? Demokratie lebt vom Wettstreit politischer Ideen und Konzepte. Dazu bedarf es Spitzenpolitiker, die sich Veränderung zutrauen und von Macht- und Gestaltungswillen beseelt sind. Was wäre dagegen von einem Spitzenkandidaten zu halten, der kleinlaut erklärt, Deutschland zwar besser regieren zu können, ihm aber die Rolle des Junior-Partners reiche, weil er gegen Merkel zu schwach sei?

Doch vielleicht hat sich Albig nur nicht getraut, seine Kanzlerkandidat-Überlegungen zu Ende zu denken. Wenn sich die SPD neben Angela Merkel wie eine „lame duck“, eine lahme Ente fühlt, ist es Zeit für die Opposition. Das wäre doch mal was Neues: Sigmar Gabriel tritt bei der Bundestagswahl als Spitzenkandidat für das Amt des Oppositionsführers an. Dafür sollten die aktuellen 25 Prozent reichen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen