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Interview : Torsten Albig: „Hamburg braucht uns mehr“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie profitieren Hamburg und SH voneinander? Ministerpräsident Albig und IHK-Präsident Klaus-Hinrich Vater im Interview.

shz.de von
erstellt am 19.Dez.2016 | 11:05 Uhr

Kiel | Herr Albig, letzte Woche haben Sie die „Landesentwicklungsstrategie 2030” vorgelegt. Darin heißt es, dass Schleswig-Holstein von Hamburg als attraktivem Arbeits- und Ausbildungsmarkt profitiert. Ist dem wirklich so?
Torsten Albig: Natürlich. Wir leben im Umfeld einer attraktiven Metropole – und unser Land wird auch darüber attraktiver. Das werden wir durch die feste Fehmarnbeltquerung noch stärker erleben, wenn Sie in kurzer Zeit die ebenfalls strahlende Metropole Kopenhagen genauso wie Hamburg erreichen können. Dann wächst der Norden noch stärker zusammen. Schon jetzt leben 60 Prozent unserer Bürgerinnen und Bürger im Metropolbereich. Ein Großteil unserer Wertschöpfung entsteht dort. Und immer mehr Menschen kommen zu uns, um Ihren Lebensmittelpunkt in einer der attraktivsten Wachstumsregionen Europas zu suchen.

Einen Wettstreit zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg gibt es nicht?
Albig: Doch, aber es ist ein Wettbewerb, der beiden hilft. Ich denke da zum Beispiel an das Unternehmen Tesa, das in Hamburg an seine Grenzen stieß und nach Norderstedt gezogen ist. Wir nehmen Hamburg nichts weg, sondern wir tragen etwas zur Kraft dieser Stadt bei. Mit Stormarn haben wir inzwischen einen der erfolgreichsten deutschen Landkreise – und der ist nicht Räuber im Hamburger Gewässer, sondern ein gut aufgestellter Landkreis. Schleswig-Holstein und Hamburg ergänzen sich gut. Wir brauchen uns wechselseitig. Wobei meine Prognose ist, dass Hamburg uns langfristig vermutlich sogar mehr braucht als umgekehrt: Hamburgs Wachstum sind allein schon durch die im Verhältnis zu uns kleine Fläche Grenzen gesetzt.
Klaus-Hinrich Vater: Gerade der Süden Schleswig-Holsteins ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Wirtschaft gegenseitig befruchtet. Da findet keine Kannibalisierung statt. Im Gegenteil. Die Wertschöpfung erhöht sich auf beiden Seiten. Als Wirtschaft haben wir es da ohnehin leichter.

Inwiefern?
Vater: Die Politik muss sich an die Landesgrenzen halten. Doch für die Wirtschaft ist diese Grenze nicht vorhanden. Entsprechend versuchen wir die Politik auch zu treiben – dazu, dass wir beispielsweise gemeinsam nach Flächen für Unternehmen in der Metropolregion suchen und für Ansiedlungen vorhalten.
 

„Schleswig-Holstein ist ein hoch attraktives Bundesland und kann im Verhältnis zu Hamburg mit mehr Lebensqualität punkten“, sagt Klaus-Hinrich Vater.
„Schleswig-Holstein ist ein hoch attraktives Bundesland und kann im Verhältnis zu Hamburg mit mehr Lebensqualität punkten“, sagt Klaus-Hinrich Vater. Foto: Marcus Dewanger
 


Gibt es keine Sorgen, dass Schleswig-Holstein zum Beispiel beim Thema Fachkräfte und Auszubildende im Wettbewerb mit Hamburg das Nachsehen haben könnte? Gutes Personal lässt sich nur einmal einstellen.
Albig: Das ist richtig. Deshalb brauchen wir eine strategische Ausrichtung des Landes über eine Landesentwicklungsstrategie. Wir dürfen zudem nicht mit gesenktem Blick an die Hochschulen und Schulen gehen und sagen, dass die Studenten später eh alle aus Schleswig-Holstein weggehen. Dann gehen die nämlich tatsächlich alle weg. Wir wollen, dass sie hier bleiben.

Stattdessen...

Albig: ... müssen wir deutlich machen, dass Schleswig-Holstein auf Augenhöhe mit Hamburg spielt. Dass man hier auf höchstem Niveau arbeiten und leben kann. Und dass sich beide Länder über unterschiedliche Qualitäten gleichzeitig hervorragend ergänzen.

Wie meinen Sie das?

Albig: Ein Beispiel: An einer Schule in Meldorf sagten mir Schüler, in Hamburg sei beispielsweise mehr los. Das musste ich auch eingestehen (lacht). Als ich die Schüler aber fragte, wer von ihnen konkret beabsichtige, aus der Region wegzugehen, meldeten sich von 30 Schülern nur drei. Die anderen hatten für sich entschieden: Ich bleibe oder komme zurück – denn das ist meine Heimat. Dieses Lebensgefühl müssen wir mit der Frage verbinden: Wie schnell bist Du von dort in Hamburg? Und wie schnell kommst Du wieder dahin zurück, wo es sich besser lebt?
Vater: Sicherlich gibt es beim Thema Fachkräfte einen Wettbewerb zu Hamburg – aber noch mehr steht Norddeutschland insgesamt im Wettbewerb zu anderen Regionen. Man muss das Thema zudem differenziert betrachten.

Inwieweit?
Vater: Wir haben den Fachkräftebedarf als Teilprojekt unseres Strategiepapiers „Schleswig-Holstein 2030“ wissenschaftlich ermitteln lassen. Die größte Lücke droht uns demnach bei den dual ausgebildeten Fachkräften. Wir haben immer noch einen Hang zur Akademisierung. Wir brauchen gute Studenten – aber wir brauchen eben auch diejenigen, die die duale Ausbildung machen. Es bedarf einer gemeinsamen Anstrengung von Politik und Wirtschaft bei Eltern und Kindern dafür zu werben, dass sie die Karriere-Chancen in einer dualen Ausbildung erkennen.

Doch im Land halten sie die Fachkräfte damit noch nicht.
Vater: Schleswig-Holstein ist ein hoch attraktives Bundesland und kann im Verhältnis zu Hamburg mit mehr Lebensqualität punkten. Die Arbeit aber wird sich in den nächsten Jahren durch die Digitalisierung drastisch verändern. Wir tun daher gut daran, dass wir strategisch auf Glasfaserausbau setzen. Das wird ermöglichen, dass die Menschen in Zukunft von jedem beliebigen Ort aus arbeiten können. Wenn wir unsere Hausaufgaben also weiter machen, müssen wir uns beim Thema Fachkräfte nicht vor Hamburg bücken.
Albig: So ist es! Wir können Fachkräfte halten und auch nach Schleswig-Holstein locken. Aber noch einmal: Wir müssen unsere eigene Erfolgsgeschichte auch noch klarer, selbstbewusster und lauter erzählen. Ein weiteres Beispiel: Im Internat Louisenlund sagten mir Schülerinnen und Schüler, dass sie größtenteils woanders hingehen wollen, da ihnen die attraktiven Unternehmen fehlen. Auf meine Frage, welche Weltmarktführer aus dem Land sie denn kennen würden, konnten die Schüler mir aber keinen einzigen nennen. Dabei haben wir mehr als 30 – wie zum Beispiel das Medizintechnikunternehmen Dräger, der Optiksysteme-Hersteller Basler oder Rud. Baader, weltweit führend in der Herstellung von Maschinen zur Fischverarbeitung, und viele andere. Für das Frühjahr haben wir daher vereinbart, dass wir eine Weltmarktführer-Messe Schleswig-Holstein in Louisenlund veranstalten. Die spannenden, kleinen, schnell wachsenden Unternehmen – das sind genau die, die wir in Schleswig-Holstein haben. Ein Top-Absolvent aus Louisenlund ist bei denen gut aufgehoben.

Müsste die Politik beim Blick auf die duale Ausbildung nicht auch Strukturen verändern? Trotz Gastschulabkommen muss ein Azubi aus dem Hamburger Umland weite Wege durchs Land zur Berufsschule in Kauf nehmen – oder er entscheidet sich für die Lehre in Hamburg.
Albig: Das kann durchaus passieren. Konkrete Fälle kenne ich allerdings nicht. Doch ich muss auch jene Unternehmen schützen, die von woanders ihre Berufsschule beschicken. Eine Berufsschule brauchte einen gewissen Durchsatz, um eine hohe Qualität zu haben. Wenn ich zulasse, dass mein System kannibalisiert wird, dann leiden am Ende die Unternehmen, die die hochqualifizierte Berufsschule brauchen und nicht nach Hamburg gehen können. Ich kann dabei versichern: Die Berufsschulen sind sehr in unserem Fokus – und ich persönlich habe ein großes Faible für sie.
Vater: Bei den Berufsschulen muss man einen Spagat gehen. Natürlich würden wir uns wünschen, dass Berufsschulen nah an den Ausbildungsbetrieben sind. In einem Flächenland ist dies aber nicht realisierbar. Habe ich eine Berufsschule in der Nähe meines Wohnortes, die ich nicht besuchen kann, dann überlege ich mir als Schulabgänger, ob ich meine Ausbildung nicht im Nachbarland machen kann. Das müssen wir aushalten.

Neben Hamburg im Süden gibt es für Schleswig-Holstein noch ein weiteres Wirtschaftszentrum im Norden – nämlich Kopenhagen. Besteht nicht eine große Chance darin, dass wir künftig im Schlauch zwischen diesen beiden Metropolen liegen?

Vater: Das ist genau das, wofür wir werben. Wir wollen die feste Fehmarnbeltquerung haben, damit wir diese beiden Metropolen dichter zueinander bringen. Heute ist Schleswig-Holstein von der Lage her fast eine Sackgasse. Mit der Fehmarnbeltquerung wird unsere Scharnierfunktion von und nach ganz Skandinavien gestärkt. Ich träume zudem davon, dass die Ostseeanrainer ihre Zusammenarbeit verstärken. Das Mare-Baltikum ist eine der Zukunftsregionen in Europa. Da wird die Fehmarnbeltquerung eine große Rolle spielen. Wir werden erleben, dass wir nicht nur Transitland sind, sondern dass entlang der Fehmarnbeltquerung viel neues Leben entsteht.
Albig: Wirtschaft und Politik, beide werben sehr dafür, welchen Mehrwert dieses Projekt für die jetzige Generation und auch für die nächsten Generationen von Unternehmen hat. Auch wenn sich mancher in der Region noch nicht vorstellen kann, welchen positiven Impuls dieses Projekt für ganz Nordeuropa und insbesondere Schleswig-Holstein haben wird. Doch in der Geschichte hat das bei allen Handelswegen auf der Welt genau so funktioniert. Die anfängliche Skepsis weicht später einer großen Zuversicht und Zustimmung. Nehmen Sie nur die Brücke zwischen Malmö und Kopenhagen – was für eine Erfolgsgeschichte: Heute ist der Kopenhagener Flughafen einer der größten Arbeitgeber für Menschen, die im schwedischen Malmö leben. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies bei der festen Fehmarnbeltquerung anders sein wird.

Wir sprechen hier über einen Raum, der sich von Kopenhagen über Schleswig-Holstein bis nach Hamburg erstreckt. Ist die Landesentwicklungsplanung dafür überhaupt noch das richtige Instrument?
Albig: Die Landesentwicklungsstrategie ist dafür das richtige und ein sehr wichtiges Instrument – und sie gibt der klassischen Landesentwicklungsplanung gerade einen größeren Zusammenhang. Die Strategie dient, wie bei jedem guten Unternehmen, zum permanenten Update aller Politiken – nicht nur der Infrastruktur-Entwicklungspolitik. Sie muss dafür aber permanent hinterfragt werden – und zwar im Diskurs mit der Gesellschaft. Der Prozess zur Entwicklung der Strategie ging daher nur gemeinsam mit der Wirtschaft und den Bürgern. Mit einer Strategie bist Du noch nicht am Ziel – doch wenn Du jeden Tag ohne Strategie deine Politik neu erfinden musst, dann kommst Du nie ans Ziel, weil Du gar keins hast.

Hätte man für eine solche Strategie aber nicht Hamburg noch stärker mit ins Boot holen müssen?
Albig: Wir sind in der Metropolregion extrem eng verbandelt mit Hamburg. Selbstverständlich haben wir die Landesentwicklungsstrategie auch mit Hamburg diskutiert. Bei der Landesentwicklungsstrategie war es aber vor allem an der Zeit, dass wir selber mal unsere Köpfe zusammenstecken und unsere Positionen deutlich machen. Es ist eine wichtige Wegmarke, die wir gesetzt haben. Wir sind das erste deutsche Bundesland, das sich so eine Strategie gibt. Das wird ganz sicher Schule machen in Deutschland. Und es tut uns gut, auch für das Selbstbewusstsein, im Gespräch mit dänischen und Hamburger Freunden sagen zu können, dass wir eine klare Vorstellung davon haben, wer wir sind – und wo wir hin wollen. Das ist die Voraussetzung für eine zielführende Zusammenarbeit.

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