Schule in Syrien zerbombt : Tödlicher Luftangriff: Kritik am Aufklärungs-Einsatz der Bundeswehr

Die Bundeswehr ist offenbar in einen verheerenden Luftschlag mit vielen toten Zivilisten in Syrien involviert.

shz.de von
30. März 2017, 17:55 Uhr

Berlin | Linke und Grüne haben wegen der Verwicklung der Bundeswehr in einen verheerenden Luftangriff in Syrien den deutschen Einsatz im Kampf gegen den IS kritisiert. „Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die Bundesregierung sind für die Toten, darunter Frauen und Kinder, mitverantwortlich“, sagte der Parteivorsitzende Bernd Riexinger. Bei einem Luftangriff der Anti-IS-Koalition auf ein Schulgebäude im Norden Syriens wurden Aktivisten zufolge in der vergangenen Woche mindestens 33 Zivilisten getötet. Die Bundeswehr hatte kurz zuvor Aufklärungsfotos des Gebäudes an die Koalitionstruppen geliefert.

Wahrscheinlich seien Jets der US-geführten internationalen Koalition für die Bombardierung des von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kontrollierten Ortes Al-Mansura in der Nacht zum Dienstag verantwortlich, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am vergangenen Mittwoch. Die Bundeswehr hat seit Beginn des Einsatzes Tausende Aufklärungsfotos für den Kampf gegen den IS zur Verfügung gestellt. Ähnliche Vorfälle waren bislang nicht bekannt.

Die Bundeswehr hatte kurz vor dem Angriff Aufklärungsfotos des Gebäudes an die Anti-IS-Koalition geliefert. Die im türkischen Incirlik stationierten deutschen Tornado-Jets fliegen selbst keine Angriffe, machen aber hochauflösende Bilder von IS-Stellungen zur Identifizierung von Angriffszielen. Der Verteidigungsausschuss des Bundestags wurde am Mittwoch in geheimer Sitzung über den Angriff informiert.

„Das war erwartbar“, sagte der außenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Jan van Aken, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur zu den Berichten über zivile Opfer. „Wenn die Bundeswehr da Bilder schießt, die für die Einsätze genutzt werden, passieren auch Angriffe auf Zivilisten.“ Gerade in den vergangenen Wochen sei die Anzahl der zivilen Opfer in Syrien und im Irak gestiegen. „Der Eindruck entsteht, dass die Amerikaner im Moment aggressiver vorgehen.“

Immer wieder trifft es Zivilisten: Das Archivbild von Juli 2016 zeigt einen verletzten Jungen in Douma.
dpa
Immer wieder trifft es Zivilisten: Das Archivbild von Juli 2016 zeigt einen verletzten Jungen in Douma.
 

Bei dem Angriff vor rund zehn Tagen waren den Menschenrechtsbeobachtern zufolge in dem Gebäude rund 40 Familien untergebracht. Unter den Opfern seien Frauen und Kinder, hieß es weiter. Die Menschenrechtler sitzen in England, stützen ihre Angaben jedoch auf Informanten vor Ort. Die genauen Umstände des Angriffs sind noch ungeklärt. Das US-Militär hatte erklärt, es gebe keine Hinweise, dass ein Luftangriff in der Region Zivilisten getroffen habe. Die US-Streitkräfte hatten weitere Untersuchungen angekündigt. Die US-Luftwaffe bekämpft in Syrien seit 2014 den IS und Al-Kaida-nahe Extremisten.

„Man kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen, wenn man Aufklärungsdaten liefert“, sagte die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen, Agnieszka Brugger. Die Grünen hätten den Einsatz stets abgelehnt, weil „diese Koalition der Willigen mit ihren widersprüchlichen Interessen großen Schaden“ anzurichten drohe. „Wer Aufklärungsbilder liefert, hat auch große Verantwortung, was damit passiert. Dieser Verantwortung kommt die Bundesregierung in keiner Weise nach.“

Das Verteidigungsministerium wollte den Angriff aus Geheimhaltungsgründen nicht bestätigen. Es gehöre aber zur Routine der Tornados, Bilder möglicher Ziele zu machen. Zwischen den Aufnahmen und den Angriffen vergehe Zeit, in die Angriffsplanung würden noch weitere Quellen einfließen.

Kritiker werfen der US-Luftwaffe vor, die Zahl der zivilen Opfer bei ihren Luftangriffen in Syrien und im Irak sei in den vergangenen Wochen stark gestiegen. Den Menschenrechtlern zufolge starben allein am Mittwoch und Donnerstagmorgen 13 Menschen bei Angriffen auf den Ort Al-Mansura. In Folge einer gewaltigen Explosion im Westen der Metropole Mossul am 17. März waren verschiedenen Berichten zufolge mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen