Bericht von Amnesty International : Todesstrafe: 22 Länder setzen noch auf den Henker

Verlässliche Zahlen gibt es kaum: Die Zahl der registrierten Todesurteile stieg im vergangenen Jahr auf 778 - die Dunkelziffer liegt weit höher. Allein in China sollen es mehr als 1000 gewesen sein. 22 Länder vertrauen weiterhin auf den Henker.

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27. März 2014, 11:41 Uhr

Tokio | In Europa und Zentralasien hat es im Jahr 2013 keine einzige Hinrichtung gegeben. In Ländern wie Grenada, Guatemala und St. Lucia sind die Todeszellen erstmals seit Jahrzehnten verwaist. Weder Pakistan noch Singapur haben im vergangenen Jahr neue Todesurteile verhängt.

Auf dem ganzen amerikanischen Kontinent gab es nur noch ein Land, das Menschen nach Todesurteilen umbringen ließ - die USA. Obwohl die Zahl der Hinrichtungen weltweit außerhalb von China gestiegen ist - die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sieht vor allem die positiven Zeichen.

„Der langfristige Trend ist klar - die Todesstrafe wird zu einer Sache aus der Vergangenheit“, sagt Generalsekretär Salil Shetty in London. Vor 20 Jahren hatten noch 37 Länder die Todesstrafe aktiv umgesetzt. Im Jahr 2013 sind es noch 22 Länder, die Täter mit dem Verlust des Lebens bestrafen - sei es auf dem Elektrischen Stuhl, durch Todesspritzen, Erschießen, Erhängen oder gar Enthaupten, wie etwa in Saudi-Arabien. Den stärksten Anstieg im vergangenen Jahr verzeichnete der Iran mit 369 bestätigten Hinrichtungen, einem Zuwachs um 30 Prozent.

Amnesty geht aufgrund verlässlicher Berichte davon aus, dass die reale Zahl sogar fast doppelt so hoch liegen könnte. Immerhin wurde über keine Steinigungen berichtet, die nach iranischem Recht noch immer möglich sind.

Ob die Anwendung der Todesstrafe zahlenmäßig weltweit tatsächlich wächst oder schrumpft, ist praktisch kaum einschätzbar. Amnesty geht davon aus, dass alleine in China mehr Hinrichtungen stattfinden als die mindestens 778, die in allen anderen Ländern der Welt zusammen vollstreckt wurden. Der am Donnerstag in London vorgestellte Bericht „Todesurteile und Hinrichtungen 2013“ geht von weit mehr als 1000 Hinrichtungen in China aus.

„Peking behandelt die Zahl als Staatsgeheimnis“, sagt Audrey Gaughran von Amnesty. „Wir haben uns entschlossen, keine konkreten Zahlen mehr zu veröffentlichen, sie könnten nur zu niedrig sein.“ 

Wie in China hat Amnesty - seit Jahrzehnten in der Beobachtung und Bekämpfung der Todesstrafe aktiv - in vielen Ländern keine Möglichkeiten, die Verhängung und Vollstreckung der Todesstrafe zu beobachten. „Wir hören von Fällen, in denen Menschen einfach in Polizeiwachen geschafft werden und dann sind sie weg“, sagt Gaughran.

Auch aus Nordkorea gibt es keinerlei verlässlichen Zahlen. Die Organisation geht von mindestens 70 Hinrichtungen im vergangenen Jahr aus, veröffentlicht aber auch diese Zahl offiziell nicht. 2013 wurden 1925 Menschen in 57 Ländern zum Tode verurteilt. 23.392 bereits Verurteilte saßen in Todeszellen und warteten auf ihre Hinrichtung. Dennoch sehen die Menschenrechtler viel Licht am Ende des Tunnels.

In den USA hat mit Maryland der 18. Bundesstaat der Todesstrafe abgeschworen. Die Verhängung von Todesurteilen konzentriert sich auf einen schrumpfenden Kreis von Staaten, vor allem Südstaaten.

„80 Prozent der Hinrichtungen außerhalb Chinas fanden in nur drei Ländern statt: Iran, Irak und Saudi-Arabien“, sagt Gaughran.

Viel Sorgen machen den Menschenrechtlern die Begründungen für die Todesurteile. Oft sind es religiös motivierte Strafen, etwa für Blasphemie oder für Ehrendelikte wie Ehebruch. Aber auch bei Kapitaldelikten habe die Todesstrafe keinen Sinn. „Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass die Todesstrafe als hinreichende Abschreckung für Kapitalverbrechen dient“, sagt Gaughran.

In Ländern wie Indonesien oder Vietnam gab es Amnesty zufolge Fälle, in denen Familienangehörige und Anwälte nicht über Hinrichtungen informiert wurden. Zuweilen wurde nach der Exekution nicht einmal die Leiche zurückgegeben.

In den USA werde weiterhin die Richtlinie missachtet, keine Menschen mit geistigen oder psychischen Behinderungen hinzurichten, beklagte der Bericht. Am 5. August wurde im US-Staat Florida John Ferguson exekutiert, bei dem Schizophrenie diagnostiziert worden war. Auch Rassismus ist in den USA noch immer ein Thema. Die 500. Exekution im US-Bundesstaat Texas betraf eine schwarze Frau. Bei ihrem Todesurteil saß nur eine Farbige in der Jury. Kimbery McCarthy starb am 26. Juni durch die Todesspritze.

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