Argentinischer Staatsanwalt : Tod von Alberto Nisman: Anstiftung zum Selbstmord?

Alberto Nisman wollte gegen die argentinische Regierung klagen. Jetzt ist er unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.
Alberto Nisman im Jahr 2006. Der Staatsanwalt wollte gegen die argentinische Regierung klagen. Jetzt ist er unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

Der Staatsanwalt klagte die argentinische Präsidentin Kirchner an. Jetzt ist er tot. In Argentinien gehen die Menschen auf die Straße.

shz.de von
20. Januar 2015, 07:20 Uhr

Buenos Aires | Die Realität liest sich manchmal wie ein Krimi: Der argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman soll einen Terroranschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum aufklären. Bei seinen jahrelangen Ermittlungen will er bemerkt haben, dass die Schuldigen von der Regierung seines Landes gedeckt werden. Sie soll verschleiert haben, dass der Iran an dem Anschlag beteiligt war, weil sie an Wirtschaftskontakten mit Teheran interessiert ist. Der Staatsanwalt beschließt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch am Abend vor der Anhörung im Kongress ist Nisman tot. Seine Mutter findet ihn in einer Blutlache liegend, neben seiner Leiche mit Kopfschuss entdeckt die Polizei eine Pistole und eine Patronenhülse.

Beim Tod des Juristen stellten Gerichtsmediziner keine Anzeichen von direkter Fremdeinwirkung fest. Nach vorläufigen Autopsieergebnissen war keine andere Person am Tod des Staatsanwaltes beteiligt, wie die staatliche Nachrichtenagentur Télam am Montag berichtete. Fest steht, Nisman ist durch eine Schusswaffe ums Leben kommen. Die Staatsanwaltschaft will aber prüfen, ob es Hinweise auf eine „Anstiftung zum Selbstmord“ durch Druck oder Drohungen gibt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war Nisman nicht der Besitzer der Pistole.

Am Dienstag meldete sich Staatsanwältin Viviana Fein zu Wort. Die Gerichtsmediziner fanden keine Schmauchspuren an den Händen des durch einen Kopfschuss ums Leben gekommenen argentinischen Sonderstaatsanwaltes Alberto Nisman, sagte sie dem Radiosender Mitre in Buenos Aires. Allerdings seien die entnommenen Proben sehr klein gewesen. Das negative Resultat schließe nicht aus, dass Nisman selbst geschossen habe.

Alberto Nisman wurde tot in seiner Wohnung gefunden.
dpa
Alberto Nisman wurde tot in seiner Wohnung gefunden.
 

Worum ging es dem Juristen konkret? Er jagte Täter und Hintermänner des schlimmsten Terroranschlags in der Geschichte des südamerikanischen Landes: 1994 hatte eine in einem Lieferwagen versteckte Bombe das jüdische Gemeindezentrum Amia in Buenos Aires völlig zerstört, 85 Menschen starben.

Nisman hatte vergangene Woche Argentiniens Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner und Außenminister Héctor Timerman wegen Verschleierung angeklagt. Er warf der Präsidentin vor, die Verfolgung mutmaßlicher iranischer Drahtzieher des Anschlags vermeiden zu wollen.

Die Regierung hat die Anklage als „lächerlich“ bezeichnet. Am Montag hatte Nisman Details seiner Anklage im Parlament erläutern wollen.

Vergangene Woche soll er selbst von Drohungen berichtet haben. Der Chefermittler stand seit Jahren unter strengem Polizeischutz, zuletzt sollen es zehn Leibwächter gewesen sein. Seinen Tod konnten die Sicherheitskräfte nicht verhindern. Die Meldung sorgte weltweit für Gesprächsstoff.

Der Staatsanwalt war am Sonntag tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Er starb an einem Kopfschuss aus einer Waffe mit dem Kaliber 22. Neben seiner Leiche wurde eine solche Waffe sowie eine Patronenhülse gefunden.

Der Staat Israel drücke seine tiefe Trauer über den Tod aus, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Emmanuel Nachschon. Er bezeichnete Nisman als „mutigen Juristen“ und „furchtlosen Kämpfer für die Gerechtigkeit“. Man hoffe, dass die Behörden in Argentinien Nismans Arbeit fortführen würden, um die Drahtzieher des Anschlags zur Rechenschaft zu ziehen. In dieser Stellungnahme steckt auch eine Mahnung an Argentinien. Selbst wenn der Iran mit keinem Wort genannt ist, lautet die Botschaft: Kümmert euch. Klärt den Anschlag auf.

2013 erhob Nisman Anklage gegen mehrere ranghohe Vertreter des iranischen Regimes. Sein Vorwurf: Sie hätten ein Terrornetz in Südamerika aufgebaut und den Anschlag in Auftrag gegeben. Kirchner und Timerman planten laut Nisman die Verfolgung von sieben verdächtigten Iranern einzustellen, um die wirtschaftliche Beziehungen zum Iran zu verbessern. Möglicherweise standen seinen Ermittlungen lukrative Ölgeschäfte zwischen Argentinien und Iran im Weg.

Die Regierung bemüht sich seit längerem um intensive Beziehungen mit dem Iran. Der zuständige Richter sollte erst im Februar die Zulässigkeit der Anklage überprüfen. Nisman hatte wegen der Vorwürfe angeordnet, Vermögen der Präsidentin, des Außenministers und anderen Regierungsvertretern im Gesamtwert von knapp 20 Millionen Euro einzufrieren.

In Buenos Aires und mehreren anderen Städte des Landes gingen am Montagabend tausende Menschen auf die Straße, um Aufklärung zu fordern. Sie trugen Plakate mit sich, auf denen „Yo soy Nisman“ („Ich bin Nisman“) zu lesen war.

„Ich bin Nisman“: Tausende Menschen zeigen in Buenos Aires ihre Solidarität mit dem toten Staatsanwalt.
dpa
„Ich bin Nisman“: Tausende Menschen zeigen in Buenos Aires ihre Solidarität mit dem toten Staatsanwalt.
 

Die Menschen versammelten sich unter anderem am Plaza de Mayo in Buenos Aires, wo einige Demonstranten versuchten, Absperrgitter zum Präsidentenpalast umzuwerfen. Die Polizei verstärkte daraufhin die Einsatzgruppen.

Protest in Buenos Aires: Die Menschen erwarten eine Reaktion von Argentiniens Präsidentin Kirchner nach dem Tod von Staatsanwaltes Alberto Nisman.
dpa
Protest in Buenos Aires: Die Menschen erwarten eine Reaktion von Argentiniens Präsidentin Kirchner nach dem Tod von Staatsanwaltes Alberto Nisman.
 

Kirchner äußerte sich am Montag in einem langen Brief zu dem Fall, der unter anderem via Twitter abgerufen werden konnte. Das Schreiben trug den Titel: „Amia. Abermals: Tragödie, Verwirrung, Lügen und Fragen“. Kirchner fragte mit Blick auf den Tod des für den Anschlag auf das jüdische Amia-Zentrum zuständigen Staatsanwaltes Nisman: „Was war es, das einen Menschen zu der furchtbaren Entscheidung bringt, aus dem Leben zu scheiden?“

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