zur Navigation springen

Hintergrund und Analyse zur Wahl 2015 : Tipota – Griechenlands verlorene Hoffnung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Griechenland steht auch nach der Wahl vor dem Nichts. Eine verlorene Generation junger Menschen ohne Perspektive ist der Verzweiflung nah, meint Bernd Ahlert.

Athen | Für viele Griechen stand das Wahlergebnis schon vor der gestrigen Stimmenauszählung fest: Tipota – nichts. Nichts bringen die Wahlen, nichts wird sich verändern. Egal, mit wem man spricht, jenem Olivenbauern aus der fruchtbaren Gegend der Mani auf dem Peleponnes, jenem kleinen Angestellten mit einem 700-Euro-Job aus Athen oder einem der unzähligen jungen Menschen, die seit langem arbeits- und hoffnungslos sind – das Vertrauen in die politische und wirtschaftliche Zukunft Griechenlands ist nach Jahren der Krise und der selbstempfundenen Demütigung schwer erschüttert. Der Glaube an die politische Klasse des Landes existiert nicht mehr.

Und dennoch. Mit der gestrigen Wahl sind die politischen Machtverhältnisse in Griechenland vorerst geklärt. Alexis Tsipras und das Linksbündnis Syriza haben gewonnen – vor der rechten Nea Demokratia, die mitverantwortlich ist für die Misswirtschaft der vergangenen Jahrzehnte, aber als verlässlicher Partner für die Eurostaaten und somit für viele Griechen als Garant für den Verbleib des Landes in der Eurozone gilt. Tsipras also macht das Rennen – jener junge Politstar, der in den zurückliegenden Monaten alle vorherigen Wahlversprechen und die eigene politische Überzeugung über Bord geworfen hat und die Sparauflagen der Euroländer für ein drittes, 86 Milliarden Euro schweres Hilfspaket akzeptierte, um sein Land vor dem Staatsbankrott zu retten.

Für Alexis Tsipras gilt es jetzt, zunächst für politische Stabilität zu sorgen und ein verlässliches Koalitionsbündnis zu schmieden, so dass er die bevorstehende Herkulesaufgabe angehen kann. Tsipras muss liefern. Das gilt zum einen für das dritte Sparpaket und dessen Auflagen. Er ist gezwungen, gegen den Willen eines Großteils der eigenen Bevölkerung den Staatsapparat zu verschlanken und die Staatskosten zu senken. Er muss dafür sorgen, dass das Steuer- und Finanzsystem reformiert und arbeitsfähig wird, um die Einnahmeseite zu stärken. Er wird staatliche Unternehmen privatisieren und endlich den Kampf gegen jahrzehntelange Vetternwirtschaft und Korruption aufnehmen müssen. Schon das ist kein leichter Job.

Will Tsipras seinem Land und seinen Landsleuten wirklich helfen und ganz nebenbei seinem eigenen ramponierten Ruf als Hoffnungsträger doch noch gerecht werden, dann braucht es einer viel größeren Anstrengung. Tsipras benötigt einen Plan, um den Teufelskreis einer seit Jahren sinkenden Wirtschaftskraft, steigender Erwerbslosigkeit, einer extrem hohen Arbeitslosigkeit unter der jungen Bevölkerung von mehr als 50 Prozent, eines kollabierenden Gesundheits- und Sozialsystems sowie einer zunehmenden Verarmung breiter Bevölkerungsschichten zu durchbrechen.

Dafür ist die Vision von einer tragfähigen ökonomischen Zukunft wesentliche Voraussetzung. Und politische Kontinuität. Nur wenn Unternehmen Planungssicherheit haben, werden sie auch investieren und damit Arbeitsplätze schaffen.

Die undurchsichtige und willkürliche Bürokratie Griechenlands ist ein zusätzlicher Grund für die Verunsicherung in- und ausländischer Investoren. Und Tsipras wird Überzeugungskraft bei der eigenen Bevölkerung benötigen, die den Staat als lästig, das Zahlen von Steuern als persönliche Beleidigung und überflüssig ansehen. Griechenland wird die Krise nur mit einer gemeinsamen Anstrengung meistern können. Es muss die Lethargie der Hoffnungslosigkeit überwinden, um wirtschaftlich wieder auf die Füße zu kommen.

Doch davon ist – bislang jedenfalls – kaum etwas zu sehen. Die nackte Angst vor dem, was morgen kommt, treibt die Griechen um – verständlich, nach dem was hinter und womöglich noch vor ihnen liegt. Nur so ist auch die zersplitterte Parteienlandschaft im Parlament zu erklären. Jeder wählt gerade die Partei, von der er sich am meisten Sicherheit oder die wenigsten Demütigungen verspricht. Extreme Linke, extreme Rechte und zweifelhafte politische Rattenfänger werden ebenso gewählt wie Untergangspropheten, die den Austritt Griechenlands aus der Eurozone und damit versteckt die Staatskatastrophe beschwören.

Tipota. Griechenland steht auch nach der Wahl vor dem Nichts. Eine verlorene Generation junger Menschen ohne Perspektive ist der Verzweiflung nah. Eine wachsende Zahl der Griechen plagt sich mit Existenzsorgen. Niemand weiß, was der nächste Monat bringen wird. Nur wenn Griechenlands Politiker endlich den eigenen Egoismus überwinden und aufhören, sich die Taschen vollzustopfen, statt im Interesse des Landes zu handeln, wird es eine bessere Zukunft geben. Nach der gestrigen Wahl bietet sich die Möglichkeit dazu.

Vielleicht werden all diejenigen Wähler und Nichtwähler ja doch noch vom Gegenteil dessen überzeugt, woran sie zutiefst Glaubens: Nichts wird sich ändern.

zur Startseite

von
erstellt am 21.Sep.2015 | 09:18 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen