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Mutmaßlicher Attentäter von Berlin : Terrorverdächtiger Anis Amri in Mailand erschossen

vom

Er soll in eine Straßenkontrolle der Polizei geraten sein und das Feuer auf die Beamten eröffnet haben.

shz.de von
erstellt am 23.Dez.2016 | 10:47 Uhr

Mailand | Der europaweit gesuchte mutmaßliche Attentäter von Berlin ist tot. Anis Amri wurde nach offiziellen Angaben am frühen Freitagmorgen in Mailand erschossen. Der 24-jährige Tunesier sei bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet worden, sagte Italiens Innenminister Marco Minniti am Freitag bei einer Pressekonferenz in Rom. Die Fingerabdrücke Amris seien eindeutig identifiziert worden.

Amri soll der Polizei in Mailand bei einer normalen Kontrolle ins Netz gegangen. Als er nach seinen Dokumenten gefragt worden sei, habe er „ohne zu zögern“ eine Waffe gezogen und geschossen, sagte Minniti. Die Polizisten hätten das Feuer erwidert und ihn getötet. Amri sei zu Fuß unterwegs gewesen und aufgefordert worden, seine Ausweispapiere zu zeigen. Der italienischen Polizei zufolge hatte er aber keine Dokumente bei sich. Amri habe mit einer 22-Kaliber-Pistole geschossen, schrieb die Polizei auf Facebook. Die Waffe sei scharf gewesen, als er sie aus einem kleinen Rucksack holte.

Amri sei aus Frankreich, aus Chambéry in Savoien, nach Turin gekommen, berichtete der Mailänder Antiterrorchef Alberto Nobili. Von Turin in der italienischen Region Piemont sei er wiederum mit dem Zug nach Mailand gefahren, wo er gegen 1.00 Uhr in der Nacht zum Freitag angekommen sei. Gegen 4.00 Uhr am Morgen sei er den zwei Polizisten begegnet, die ihn bei einem Schusswechsel töteten. Ein Polizist wurde an der Schulter verletzt und ins Krankenhaus gebracht. Der Tunesier hatte jahrelang in Italien gelebt, zeitweise in Haft.

Nach dem gemeldeten Tod Amris gehen die Ermittlungen zum Anschlag auf dem Breitscheidplatz laut Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) unvermindert weiter. „Das bedeutet nicht, dass wir die Fahndungsmaßnahmen aufheben werden“, sagte Geisel am Freitag in einer Sitzung des Innenausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus. So müsse zum Beispiel geklärt werden, ob der Attentäter Komplizen hatte. „Der Sachverhalt wird weiter aufgeklärt.“ Gegenwärtig sei der Tod Amris von deutscher Seite noch nicht bestätigt, fügte Geisel hinzu.

„Ich würde sie da ein bisschen um Geduld bitten. Die Dinge sind im Fluss“, sagte die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung Ulrike Demmer am Freitag in Berlin. Die Regierung stehe in engem Kontakt mit den italienischen Behörden.

Ein Sprecher des Innenministeriums fügte an, die Bundesregierung habe aus dem Land noch keine regierungsamtliche Bestätigung erhalten. Die Anzeichen verdichteten sich aber, dass es sich bei dem in Mailand Erschossenen um den gesuchten Tunesier Anis Amri handele.

Dem italienischen Innenminister Marco Minniti zufolge besteht nach „allen Untersuchungen, die man in so einem Fall unternimmt“, kein Zweifel daran, dass der in Mailand erschossene Mann der gesuchte Tunesier Amri ist.

Die Bundesregierung dankte den italienischen Behörden für die Zusammenarbeit. Es habe einen sehr engen und vertrauensvollen Informationstausch am Freitagvormittag gegeben, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin. So sei der amtierende deutsche Generalkonsul in Mailand sehr früh eingeweiht worden, es habe auch direkten Kontakt mit dem dortigen Polizeipräfekten gegeben.

Einige der Schwerverletzten des Terroranschlags in Berlin kämpfen weiter um ihr Leben. Nach derzeitigem Stand seien bei dem Anschlag am Montag auf dem Weihnachtsmarkt zwölf Menschen ums Leben gekommen, 53 seien verletzt worden, 14 von ihnen sehr schwer, sagte Innensenator Geisel. Bislang seien sechs Todesopfer identifiziert. Die Identifizierung der übrigen Toten dauere an. „Das ist sehr schwierig und nimmt Zeit in Anspruch.“ Da es auch Opfer aus dem Ausland gebe, seien die deutschen Behörden mit den Botschaften der Heimatländer in Kontakt.

Nach dem 24-jährigen Tunesier war seit Donnerstag auch mit Haftbefehl gefahndet worden. Es bestanden zuletzt kaum noch Zweifel, dass Amri für den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt mit mindestens zwölf Toten verantwortlich ist. Seine Fingerabdrücke wurden mehrfach an dem Lkw sichergestellt, der am Montagabend in die Budengasse nahe der Gedächtniskirche gerast war. Es gebe weitere Hinweise, „dass dieser Tatverdächtige mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich der Täter ist“, teilte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) am Donnerstag mit.

Berliner Polizei ging Spuren in Moschee nach

Auf Amris Spur waren die Ermittler gekommen, als sie im Lastwagen seine Duldungspapiere fanden. Das geschah aber erst am Dienstag, weil die Fahrerkabine zunächst versiegelt worden war. Amri, der 2015 über Freiburg nach Deutschland einreiste, war Medienberichten zufolge in Italien und Tunesien bereits zu langen Haftstrafen verurteilt worden. 

Am Morgen war die Berliner Polizei Spuren in einer Moschee nachgegangen. „Eine Festnahme hat es aber nicht gegeben“, hieß es. Am Vortag hatten neue Hinweise zu Amri darauf hingedeutet, dass er nach dem Anschlag von Berlin Unterschlupf in der Hauptstadt gesucht hat. Der rbb veröffentlichte am Donnerstagabend Überwachungsbilder, die den Terrorverdächtigen knapp acht Stunden nach der Tat mit mindestens zwölf Toten vor einem Berliner Moschee-Verein zeigen sollen.

Die Chronologie zeigt, was seitdem Anschlag am Montag passiert ist:
 

Montag, 19. Dezember:

- Ein Lastwagen rast in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, zerstört Buden und überrollt Dutzende Besucher. 
- Um kurz nach 20.00 Uhr gehen bei der Polizei die ersten Notrufe ein. Zunächst ist von einem Toten und mehreren Verletzten die Rede. Ob es sich um einen Anschlag oder einen Unfall handelt, bleibt vorerst offen.
- Schon bald wird das ganze Ausmaß der Tragödie sichtbar: Es gebe mindestens 9 Tote und 50 Verletzte, teilt die Polizei mit. Ein Verdächtiger sei festgenommen worden. Der Beifahrer des Lkw sei tot. Es wird bekannt, dass er für eine polnische Spedition unterwegs war.
- Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe wird die Ermittlungen übernehmen. Vieles spreche für einen Terroranschlag, sagt Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU).

Dienstag, 20. Dezember

- Am frühen Morgen ist von mindestens zwölf Todesopfern die Rede. Laut Polizei wurde der Lastwagen vorsätzlich auf den Weihnachtsmarkt gesteuert. Später wird klar: Der Lkw wurde entführt.
- Der Verdächtige soll aus Pakistan oder Afghanistan stammen, er reiste als Flüchtling über die Balkanroute ein.
- «Wir haben keinen Zweifel mehr, dass es sich bei dem schrecklichen Ereignis gestern Abend um einen Anschlag gehandelt hat», sagt de Maizière am Mittag.
- Es gibt erste Zweifel, dass der Verdächtige auch der Täter sein könnte. Gegen Abend kommt er wieder frei.
- Mehrere hundert Menschen kommen zum Gedenkgottesdienst in der Gedächtniskirche zusammen.
- Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nimmt den Anschlag für sich in Anspruch.

Mittwoch, 21. Dezember:

- Das Bundeskriminalamt fahndet nun nach dem 24 Jahre alten Tunesier Anis Amri. Medien zufolge wurden im Lkw Duldungspapiere mit seinen Personalien gefunden.
- Die Bundesanwaltschaft ruft die Bevölkerung zur Mithilfe auf und setzt 100 000 Euro Belohnung aus. 
- Es wird bekannt, dass der Gesuchte in NRW als Gefährder galt und lange ohne Ergebnis observiert worden war.

Donnerstag, 22. Dezember:

- Unter den Todesopfern sind eine Italienerin und eine Israelin. Weitere Opfer kamen aus Brandenburg. Noch sind nicht alle Toten identifiziert.
- Polizisten durchsuchen ein Flüchtlingsheim in Emmerich (NRW). Zum Ergebnis wird vorerst nichts bekannt.
- Innenminister Thomas de Maizière (CDU) bestätigt, dass in dem Lastwagen Fingerabdrücke des Verdächtigen entdeckt wurden. Es gebe auch weitere Hinweise, dass Amri «mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich der Täter ist», sagte er. 
- Die Zahl der Verletzten steigt auf über 50 Menschen.
- Drei Tage nach dem Anschlag öffnet der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz wieder.
- Am Abend wird gegen Amri Haftbefehl erlassen.

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