Angriffe am britischen Parlament : Terror in London: Mindestens vier Tote, 40 Verletzte

Auch am späten Abend ist das Areal um das Parlament noch weiträumig abgesperrt.

Auch am späten Abend ist das Areal um das Parlament noch weiträumig abgesperrt.

Unter den Toten ist laut Scotland Yard auch der Verdächtige. Experten vermuten einen islamistischen Hintergrund.

shz.de von
22. März 2017, 19:24 Uhr

London | Nach dem Doppelanschlag mit mindestens vier Toten und etwa 40 Verletzten am britischen Parlament in London laufen die Ermittlungen zum Motiv des Attentäters auf Hochtouren. Zunächst war von fünf Todesopfern die Rede. Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus. Sie nahm Ermittlungen wegen Terrorverdachts auf. Bei den Opfern des Anschlags handelt es sich um den Polizisten, einen 48-jährigen Familienvater, sowie zwei Passanten. Der Staatssekretär des Außenministeriums, Tobias Ellwood, hatte noch verzweifelt versucht, durch Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben des Polizisten zu retten. Ellwood hatte nach Medienberichten vom Donnerstag seinen Bruder bei einem Bombenanschlag auf Bali verloren

Scotland Yard geht davon aus, dass die Identität des ebenfalls getöteten Attentäters geklärt ist. „Wir gehen davon aus, dass er vom internationalen Terrorismus inspiriert wurde“, sagte der Sprecher. Weitere Details wollte er zunächst nicht nennen. Hunderte Ermittler seien im Einsatz, die sich auf das Motiv, die Vorbereitungen und mögliche Komplizen des Mannes fokussierten. Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King's College sagte der Deutschen Presse-Agentur, er gehe von einem Anschlag mit islamistischem Hintergrund aus. „Das ist genau die Art von Anschlag, die der IS promotet und anstiften will“, sagte Neumann. Ob eine Verbindung zur Terrormiliz IS tatsächlich gegeben sei, bleibe aber abzuwarten.

In Brüssel hatten am Mittwoch Menschen der Terroranschläge vor genau einem Jahr gedacht. Drei islamistische Selbstmordattentäter rissen am 22. März 2016 am Flughafen und in der U-Bahn 32 Menschen mit in den Tod und verletzten mehr als 300 weitere. Beim letzten Terroranschlag in London hatten im Juli 2005 vier Muslime mit britischem Pass in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze gezündet. 56 Menschen starben, etwa 700 wurden verletzt.

Der Attentäter war am Mittwochnachmittag zunächst auf der Westminster-Brücke neben dem Parlament mit einem Auto in die Passanten gerast, später krachte der Wagen in den Zaun des Parlaments. Anschließend griff der Mann auf dem Parlamentsgelände einen Polizisten mit einem Messer an, der später an seinen Verletzungen starb. Der Angreifer wurde von anderen Polizisten niedergeschossen. Auch am späten Abend war das Areal um das Parlament in London noch weiträumig abgesperrt – Hubschrauber kreisten noch über dem Regierungsviertel.

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Am Donnerstag werden immer mehr Details über die Toten und Verletzten bekannt. Vier Mitglieder einer Studentengruppe der englischen Universität von Edge Hill in Lancashire und drei französische Schulkinder gehören zu den insgesamt rund 40 Verletzten.

Auch fünf Touristen aus Südkorea sowie zwei Besucher aus Rumänien sind bei dem Anschlag am Mittwoch verletzt worden. Eine Frau, die bei dem Angriff von der Brücke in die Themse gefallen war, fanden Rettungskräfte stark blutend im Wasser. Sie wurde schwerst verletzt ins Krankenhaus gebracht. Insgesamt starben fünf Menschen. Unklar blieb zunächst, ob auch deutsche Staatsangehörige betroffen sind.

Ein von der BBC veröffentlichtes Video einer Überwachungskamera zeigt, wie das Auto über die Westminster-Brücke rast.

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierte am späten Abend mit der britischen Premierministerin Theresa May und sprach ihr und allen Briten ihre Anteilnahme aus, wie Regierungssprecher Steffen Seibert per Twitter mitteilte.

Gleich nach dem Anschlag hatte Merkel erklärt, dass Deutschland im Kampf gegen jede Form von Terrorismus „fest und entschlossen an der Seite Großbritanniens“ stehe. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte: „In diesen Stunden sind wir Deutsche dem britischen Volk in besonderer Weise verbunden.“ Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin erklärte, die deutsche Botschaft in London stehe in engem Kontakt mit den zuständigen britischen Behörden und bemühe sich mit Hochdruck um Aufklärung.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel bezeichnete den mutmaßlichen Terroranschlag als Angriff auf das „Herz der Demokratie“. „Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass dieses Attentat unter anderem in der Nähe des britischen Parlaments ausgeführt wurde“, sagte er am Mittwoch bei einem Treffen mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras in Athen. Es sei ein „Anschlag gegen uns alle“. Auch Tsipras versicherte den Briten seine Solidarität.

Premierministerin May kündigte an, dass die Terrorwarnstufe trotz des Doppelanschlags nicht erhöht wird. Nach einer Sitzung mit ihrem Sicherheitskabinett im Regierungssitz Downing Street bestätigte sie auch, dass es sich bei dem Angreifer um einen Einzeltäter handelte.

<p>Die britische Premierministerin Theresa May spricht am Abend zum britischen Volk.</p>
dpa

Die britische Premierministerin Theresa May spricht am Abend zum britischen Volk.

Den Anschlag bezeichnete sie als „krank und verkommen“. Das Leben werde wie gewohnt weitergehen. „Morgen früh wird das Parlament zusammentreten wie immer.“ Nach der aktuellen Warnstufe in Großbritannien gilt ein Anschlag bereits als „sehr wahrscheinlich“.

<p>Vor dem britischen Parlament steht ein beschädigtes Auto. Rettungskräfte kümmern sich um eine am Boden liegende Person.</p>
dpa

Vor dem britischen Parlament steht ein beschädigtes Auto. Rettungskräfte kümmern sich um eine am Boden liegende Person.

 

Königin Elizabeth II. hielt sich während der mutmaßlichen Terrorangriffe am Londoner Parlament im Buckingham-Palast auf. Ein Palastsprecher äußerte sich nicht zu konkreten Sicherheitsmaßnahmen und verwies auf die Polizei. Die Nachrichtenagentur PA berichtete, dass die Tore geschlossen seien und bewaffnete Polizisten die Zugänge bewachten.

<p>Polizisten vor dem britischen Parlament in London. In der Nähe sollen Schüsse gefallen sein.</p>
dpa

Polizisten vor dem britischen Parlament in London. In der Nähe sollen Schüsse gefallen sein.

 

In Luftaufnahmen ist zu sehen, wie mehrere Menschen auf der Westminster-Brücke vor dem britischen Parlament am Boden lagen und behandelt wurden. Ein Autowrack war auf dem Fußgängerweg vor dem Zaun des Parlamentsgeländes zu sehen. Weite Teile des Regierungsviertels waren abgesperrt.

Zeugen gaben zudem an, mindestens vier Schüsse gehört zu haben. Zwei Menschen lagen nach ersten Medienberichten direkt vor der Westminster Hall, einem Teil des Parlaments, auf dem Boden. Die Polizei rief Zeugen auf, Filmaufnahmen und Fotos an die Ermittler zu senden. Zugleich bat sie Augenzeugen um Zurückhaltung. Sie sollten keine Bilder und Videos von Verletzten in Umlauf bringen.

<p>Auf der Westminster Bridge soll ein Auto durch eine Menschenmenge gerast sein.</p>
dpa

Auf der Westminster Bridge soll ein Auto durch eine Menschenmenge gerast sein.

 

Die Polizei rief Zeugen auf, Filmaufnahmen und Fotos an die Ermittler zu senden. Zugleich bat sie Augenzeugen um Zurückhaltung. Sie sollten keine Bilder und Videos von Verletzten in Umlauf bringen.

<p>Ein Hubschrauber vor dem britischen Parlament.</p>
dpa

Ein Hubschrauber vor dem britischen Parlament.

Das Regionalparlament in Schottland verschob die Abstimmung über ein erneutes Unabhängigkeitsreferendum wegen des Vorfalls. Die Zustimmung der Abgeordneten in Edinburgh am Mittwochabend galt als sicher, die Debatte wurde aber abgebrochen. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon schrieb auf Twitter, ihre Gedanken seien bei allen Betroffenen im Londoner Regierungsviertel Westminster und bei den tapferen Rettungskräften.

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