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Anschlag am Flughafen Atatürk : Terror in Istanbul: Was wir wissen - und was nicht

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Mindestens 44 Menschen starben bei Explosionen und Schießereien am Flughafen Atatürk. Die Fahndung läuft.

shz.de von
erstellt am 29.Jun.2016 | 16:41 Uhr

Istanbul | Explosionen und Schüsse haben am Dienstagabend den Flughafen Atatürk in Istanbul erschüttert. Viele Details liegen noch im Dunkeln, die türkischen Behörden ermitteln. Sind Deutsche unter den Opfern? Wer waren die Täter? Fragen und Antworten.

Was genau ist passiert?

Das ist immer noch nicht ganz klar. Die Details werden nur langsam bekannt. Nach Angaben des Istanbuler Gouverneurs Vasip Sahin griffen am Dienstagabend drei Selbstmordattentäter an. Polizisten sollen vor der Sicherheitskontrolle am Eingang des Internationalen Terminals auf der Ebene für ankommende Passagiere das Feuer auf Verdächtige eröffnet haben. Zwei Verdächtige hätten sich daraufhin in die Luft gesprengt. Auch am Eingang zur Metro am Flughafen hat es offenbar eine Detonation gegeben.

Augenzeugen berichten, einer oder mehrere Täter hätten es trotz der Sicherheitsvorkehrungen in den Terminal geschafft. Offiziell ist das nicht bestätigt. Aus Regierungskreisen heißt es aber, einer der drei Selbstmordattentäter sei in die Abflughalle des Internationalen Terminals gelangt. Der erste Attentäter habe sich an der Sicherheitskontrolle im Eingangsbereich in die Luft gesprengt und damit Chaos ausgelöst, sodass der zweite Attentäter ins Gebäude gelangen und seinen Sprengsatz in der Abflughalle im ersten Stock zünden konnte.

Eine dpa-Reporterin im Flughafen sagte am Mittwoch, besonders schwere Schäden gebe es dort, wo Reisende nach der Landung in der Türkei aus dem Sicherheitsbereich kommen und von Wartenden in Empfang genommen werden. Dort seien die weißen Kunststoffplatten der Deckenverkleidung vollständig heruntergerissen worden. Die Decke weise Rußspuren auf. Scheiben in dem Bereich seien zersplittert, einige schienen Einschusslöcher aufzuweisen.

Einer der Angreifer sprengte sich nach diesen Angaben an der Sicherheitsschleuse im Eingangsbereich des Terminals in die Luft. Dort sind zwar ebenfalls Explosionsschäden, diese erscheinen aber weniger schwer als im Wartebereich.

Im Netz kursierten Bilder und Videos vom Flughafen, dieses soll den Terroranschlag zeigen:

Auch ein Bild von einer Kalaschnikow auf dem Boden des Flughafens wird weiterverbreitet:

Nach Angaben der türkischen Rundfunkbehörde RTÜK verhängte ein Gericht in Istanbul eine Nachrichtensperre über den Anschlag.

Betroffen seien „jede Art von Nachricht, Interview und Bilder vom Anschlagsort in den Druck- und visuellen Medien, den sozialen Medien und Internetmedien“.

Wie viele Opfer gibt es?

Es gibt unterschiedliche Angaben dazu, und die Zahlen steigen. Das Istanbuler Gouverneursamt teilte am Mittwoch mit, die Zahl der Todesopfer sei auf 41 gestiegen. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete am Mittwochabend unter Verweis auf Quellen im Gesundheitswesen, eine lebensgefährlich verletzte Frau sei inzwischen ebenfalls gestorben und die Zahl der Todesopfer damit auf 42 gestiegen. Zusätzlich kamen die drei Selbstmordattentäter ums Leben. 239 Menschen seien verletzt worden.

Sind auch Deutsche unter den Opfern?

Ja. Unter den vielen Toten sind mindestens 13 Ausländer, unter den Verletzten sei eine Deutsche. Das teilte das Auswärtige Amt am Mittwoch in Berlin mit.

Was weiß man über die Täter?

Nicht viel. Noch hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Die Hauptverdächtigen für den Anschlag sind die TAK - eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und die Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Ministerpräsident Binali Yildirim, der den Flughafen noch in der Nacht besuchte, sagte am Mittwochmorgen, erste Hinweise deuteten auf den IS hin. Die türkische Polizei fahndet nach den Hintermännern des Anschlags.

Die Attentäter seien mit dem Taxi zum Flughafen gekommen, berichtet Spiegel Online. Die Nationalität der Angreifer ist noch unklar.

Welche Auswirkungen hat der Anschlag auf den Flugverkehr?

Der Flughafen Atatürk ist der größte Flughafen des Landes und gilt als Tor zur Türkei. Hier werden pro Jahr mehr als 60 Millionen Passagiere abgefertigt.

Turkish Airlines strich für Mittwoch mehr als 340 Flüge. Die Airline bot allen Reisenden mit Buchungen von oder nach Atatürk Airport an, die Flüge kostenlos umzubuchen oder zu stornieren. In der Nacht waren etliche ratlose Reisende vor dem Flughafen gestrandet, die vor den Terrorangriffen aus dem Terminal geflohen waren.

Nach dem Angriff hatte Ministerpräsident Binali Yildirim den Flughafen noch in der Nacht für landende und startende Flüge wieder für geöffnet erklärt.

Am Mittwoch startete entgegen erster Angaben auch vom Flughafen Berlin-Tegel wieder eine Maschine in die Bosporus-Metropole gestartet. Den Abflug bestätigte Flughafensprecher Lars Wagner der Deutschen Presse-Agentur. Zunächst hatte er erklärt, dass es am Mittwoch keine Flüge von Tegel in die türkische Metropole geben werde.

Auch eine am Dienstagabend mit 209 Passagieren und dem Ziel Istanbul von Berlin-Tegel aus eine Stunde verspätet gestartete Maschine der Turkish Airlines erreichte ihr Ziel nicht. Ursprünglich hieß es, sie solle nach Ankara umgeleitet werden. Laut Wagner kehrte die Maschine dann aber über der Slowakei um und flog zurück nach Tegel.

Derweil hat sich der Anschlag auf den Flugverkehr in Frankfurt kaum ausgewirkt. Am Dienstagabend sei ein Flug gestrichen worden, am Mittwoch würden drei Flüge aus Istanbul und zwei Flüge nach Istanbul gestrichen, erklärte Flughafenbetreiber Fraport am Mittwochmorgen auf Anfrage.

Die US-Luftfahrtbehörde hatte in der Nacht sämtliche Flüge von und nach Istanbul gestrichen. Das Verbot wurde inzwischen aber wieder aufgehoben.

Wie wird an türkischen Flughäfen für die Sicherheit gesorgt?

Anders als auf Flughäfen in der EU üblich finden in türkischen Airports Sicherheitskontrollen schon vor dem Eingang in denTerminal statt. So ist das auch im Atatürk-Airport, Gepäck wird vor dem Eingang durchleuchtet, Passagiere müssen durch Metalldetektoren. Das Sicherheitspersonal steht nicht im Ruf, seinen Dienst lax zu verüben - dafür ist die Terrorbedrohung in der Türkei zu hoch.

Sicherheitsmängel am Flughafen schloss Ministerpräsident Binali Yildirim aus. „Weder im Abflug- noch im Ankunftsbereich am Flughafen kann von einer Sicherheitslücke die Rede sein“, sagte er.

Gibt es eine Reisewarnung für die Türkei?

Nein. Aber das Auswärtige Amt aktualisierte in der Nacht zum Mittwoch seine Reise- und Sicherheitshinweise für die Türkei: Reisenden in Istanbul werde empfohlen, Kontakt mit ihrem Reiseveranstalter aufzunehmen und die aktuelle Berichterstattung der Medien zu verfolgen. Landesweit sei weiterhin mit politischen Spannungen sowie gewaltsamen Auseinandersetzungen und terroristischen Anschlägen zu rechnen.

Allgemein werde Reisenden in türkischen Großstädten zu erhöhter Vorsicht geraten - insbesondere auf öffentlichen Plätzen sowie vor touristischen Attraktionen und allgemein bei Menschenansammlungen.

Das Auswärtige Amt rät lediglich dringend ab von Reisen in das Grenzgebiet der Türkei zu Syrien und Irak, nicht aber von Reisen nach Istanbul. Wer nun eine gebuchte Türkeireise etwa nach Istanbul, Bodrum oder Antalya lieber stornieren oder umbuchen will, ist dabei auf die Kulanz des Veranstalters angewiesen - solange es keine Reisewarnung des Auswärtigen Amts gibt. Die Angst vor dem Terror allein reicht nicht aus, um den Vertrag kostenlos zu kündigen.

Wie viele Terroranschläge gab es schon in den vergangenen Monaten in der Türkei?

Der Bombenanschlag auf den Flughafen Atatürk ist bereits der vierte in diesem Jahr. Ein Überblick:

Juni 2016: Die Explosion einer ferngezündeten Autobombe tötet im Zentrum Istanbuls sechs Polizisten und fünf Passanten, 36 Menschen werden verletzt. Die TAK, eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, bekennt sich zu der Tat.

März 2016: Ein Attentäter sprengt sich auf der zentralen Einkaufsstraße Istiklal in die Luft und reißt vier Menschen mit in den Tod, 39 werden verletzt. Drei der Todesopfer sind Israelis, eines ist aus dem Iran. Laut türkischer Regierung hatte der Attentäter Verbindungen zur sunnitischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Januar 2016: Bei einem Anschlag im historischen Zentrum Istanbuls werden zwölf Deutsche getötet. Der Angreifer sprengt sich mitten in einer Reisegruppe in der Nähe der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft. Der Attentäter gehörte nach Angaben der türkischen Regierung der Terrormiliz IS an.

Zählt man auch Angriffe mit Schusswaffen, Messern oder anderen Waffen hinzu, sind es sogar 468. Das zeigt diese Grafik von „Bild“:

Was sagt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan?

Erdogan verurteilte den Anschlag scharf. In einer Mitteilung schrieb er, das Attentat sei reine Propaganda gegen sein Land gewesen. Er forderte die Weltgemeinschaft auf, sich klar gegen terroristische Vereinigungen zu positionieren. „Jeder soll wissen, dass die Terrororganisationen nicht unterscheiden zwischen Istanbul und London, Ankara und Berlin, Izmir und Chicago, Antalya und Rom.“

Wie haben deutsche Politiker reagiert?

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach den Opfern ihre Anteilnahme aus. Sie sei erschüttert über „diese neuen und hinterhältigen Akte des Terrorismus“, sagte sie am Rande des EU-Gipfels in Brüssel. Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich in einem Tweet entsetzt über den Terroranschlag:

Bundespräsident Joachim Gauck schrieb an den türkischen Präsidenten Erdogan: „Deutschland steht angesichts dieser hinterhältigen Gewaltakte an der Seite der Türkei.“ Die Nachricht von den Anschlägen habe ihn tief erschüttert, er verurteile die Gewalt nachdrücklich. Den Angehörigen und Familien der Opfer gelte aufrichtige Anteilnahme. „Ihnen wünsche ich Kraft in diesen schweren Stunden und den Verletzten baldige Genesung.“

Welche internationalen Reaktionen gibt es?

Italien erklärt sich mit der Türkei solidarisch. „Unser Herz teilt den Schmerz des türkischen Volks über die tragischen Nachrichten, die aus Istanbul kommen“, schrieb Regierungschef Matteo Renzi auf Twitter: „Gegen den Terrorismus, überall.“

Der Iran fordert eine gemeinsame Initiative gegen den Terrorismus. „Der Terror hat erneut bei unseren Freunden und Nachbarn in der Türkei sein hässliches Antlitz gezeigt“, schrieb Außenminister Mohammed Dschawad Sarif auf seiner Twitter-Seite am Mittwoch. Der Terrorismus sei eine globale Bedrohung, die gemeinsam bekämpft werden müsse, fügte Sarif hinzu.

Die pakistanische Regierung teilt mit: Mit „tiefer Seelenpein“ habe man von den Toten und Verletzten erfahren. Pakistan drücke den trauernden Familien und der türkischen Regierung sein Beileid aus.

 
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